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Berlin ehrt Otto Piene

Mit der Künstlergruppe "ZERO" revolutionierte Otto Piene die Nachkriegskunst. Sein grenzübergreifendes Werk inspirierte Gegenwartskünstler wie Olafur Eliasson oder Tomás Saraceno: Erst vor einigen Tagen eröffnete Otto Piene seine Doppelschau in der Deutsche Bank KunstHalle und der Neuen Nationalgalerie. Jetzt ist der Pionier der Lichtkunst völlig überraschend in Berlin verstorben. Seine Ausstellungen werden nun auch ein künstlerischer Nachlass.
Ein Regenbogen leuchtet im Dunkel der Nacht: Man könnte sich kaum ein passenderes Kunstwerk für die Abschlussfeierlichkeiten der Olympiade in München vorstellen. Am 11.9.1972 spannt sich Otto Pienes 700 Meter lange mit Helium gefüllte „Ballon-Skulptur“  über den See des Olympiageländes – als universelles Symbol des Trostes und Hoffnung nach dem terroristischen Attentat auf die israelische Mannschaft.

Bereits 1961 erklärte Otto Piene: "Ja, ich träume von einer besseren Welt." Und diesen utopisch-optimistischen Geist spürt man in jedem Raum der Deutsche Bank KunstHalle. Gemeinsam mit der Neuen Nationalgalerie feiert sie einen großen Künstler des 20. Jahrhunderts, der mit seinem grenzüberschreitenden Werk auch jüngere Generationen inspiriert. Seine Raster- und Feuerbilder, die Lichträume und -ballette und nicht zuletzt Sky Art Events wie der Olympia-Regenbogen stehen für eine neue Kunst, die die Welt in einen humaneren Ort verwandeln möchte, Freiheit symbolisiert und sogar den Himmel erobert.

Die chronologisch gegliederte Ausstellung in der KunstHalle beleuchtet Otto Pienes Frühwerk. Im Mittelpunkt stehen wichtige Arbeiten der ZERO-Jahre, die hier als Ausgangspunkte seiner Entwicklung vorgestellt werden. Bereits die 1952, kurz vor dem Ende seines Studiums an der Kunstakademie in Düsseldorf entstandenen Zeichnungen, die ganz am Anfang der Ausstellung stehen, vermitteln ein Gefühl von Leichtigkeit und Lebensfreude: Piene lässt seine Figuren wie schwerelos vor einem weißen Hintergrund schweben.

Von der Figuration verabschiedet sich Piene schnell. Mit Heinz Mack gründet er 1957 die wegweisende Künstlergruppe ZERO, der sich später auch Günther Uecker anschließt. ZERO steht, so Piene, für die „unmeßbare Zone, in der ein alter Zustand in einen unbekannten neuen übergeht“. Das Neue verkörpern elegante kinetische Skulpturen, die sie den schweren, düsteren Leinwänden des Informel entgegensetzen. Oder Gemälde, die ganz ohne Pinselstriche auskommen. So arbeitet Piene bei seinen Rasterbildern mit gelochten Schablonen, durch die er die Ölfarbe auf die Leinwand drückt. Dabei entstehen Muster aus runden Erhebungen, etwa bei SolŒil (1958) aus der Sammlung der Nationalgalerie – eine magisch anmutende Komposition in Gelb und Gold. Im Zentrum des Bildes strahlt eine Sonne in einer Mandorla, der mandelförmigen Aura, wie man sie aus der alten christlichen Kunst kennt. Ebenso beeindruckend ist die Serie Addis Abeba aus der Sammlung Deutsche Bank: vier großformatige Siebdrucke, deren Motiv an eine explodierende Blüte erinnert. Kein Wunder, dass Piene seine Arbeiten immer wieder als „Energiefelder“ bezeichnet. In der KunstHalle bringen sie die abgedunkelten Räume zum strahlen.

„Wir können gar nicht genug Licht schaffen, denn unsere Welt ist dunkel genug und zulange dunkel gewesen“, erklärte der Künstler. „Wir brauchen das Licht, es ist deshalb auch ein wesentlicher Teil meiner Arbeit." Die Ausstellung kulminiert dann auch in einem seiner hypnotischen Lichträume. Hier können die Ausstellungsbesucher in eine nahezu kosmische Sphäre eintauchen, wo seine kinetischen Objekte unzählige Lichtpunkte und -reflexe über die Wände tanzen lassen. Zur „poetischen Raumfahrt“ lädt die Neue Nationalgalerie ein, wo man jeden Abend von 22 bis 3 Uhr die 1967 uraufgeführte Dia-Performance Proliferation of the Sun erleben kann. In Mies van der Rohes Glaskubus werden farbig schillernde Formen auf über 1000 handbemalten Glasdias in den offenen Raum projiziert.

Die Doppelschau wurde passenderweise mit einem von Pienes legendären Sky Art Events eröffnet – unterstützt von der Deutschen Bank. Aus den schon im ZERO-Umfeld entstandenen Arbeiten mit schwebenden Lichtobjekten oder gefüllten Ballons entwickelten sich Ende der 1960ziger Jahre „Luftskulpturen“. Am Abend des 19. Juli 2014 war es soweit: Drei bis zu 90 Meter hohe, illuminierte Ballon-Skulpturen stiegen über dem Dach der Neuen Nationalgalerie hoch in den Himmel –  jetzt auch in Erinnerung an einen der wichtigsten deutschen Künstler des 20.Jahrhunderts.


Otto Piene. More Sky
Eine Ausstellungskooperation der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin und der Deutsche Bank KunstHalle
17.07. – 31.08. 2014

Sky Art Event
19. Juli 2014, ab 17 Uhr

Weitere Informationen auch unter ottopieneinberlin.de