„Nicht afrikanisch, sondern contemporary…“
Julia Grosse und Yvette Mutumba über ihr Magazin C&

Kunst aus Afrika boomt. Künstler wie Meschac Gaba gelten inzwischen als fester Bestandteil der westlichen Kunstszene. So erlangte Gaba mit seinem „Museum of Contemporary African Art“, das gerade in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen ist, internationale Aufmerksamkeit. Doch immer noch gibt es nur wenige Plattformen und Magazine, die einen fundierten Blick auf die Kulturproduktion auf dem Kontinent und in der Diaspora werfen. Dem soll das vor einem Jahr ins Leben gerufene Magazin "Contemporary And" (C&) Abhilfe schaffen. Konzipiert wurde es von der Journalistin Julia Grosse, die als Chefredakteurin von C& fungiert und Yvette Mutumba, die Kuratorin am Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main ist. Oliver Koerner von Gustorf hat sich mit den beiden Initiatorinnen unterhalten.
Oliver Koerner von Gustorf: Warum ist ein Magazin für afrikanische Gegenwartskunst nötig?

Julia Grosse: Weil die Kunstproduktion von Nairobi bis Yaoundé, seien es Festivals, Biennalen oder andere Projekte, innerhalb des dominierenden Kunstbetriebes immer noch so gut wie nicht wahrgenommen werden. Oftmals gar nicht bewusst, es passieren aber so viele diverse spannende Dinge und niemand in der „westlichen“ Kunstwelt bekommt etwas davon mit. Aber natürlich sind auch Künstler in der Diaspora in der Ausstellungs- und Museumslandschaft immer noch ziemlich unterrepräsentiert. C& funktioniert seit einem Jahr als Plattform, die die Künstler vernetzt, Inhalte, Features, Interviews, Kolumnen liefert, aber auch eine Kunstwelt informiert, die bisher wenig von zeitgenössischer Kunst aus afrikanischen Perspektiven weiß.

Es ist eigentlich komisch, dass wir von „afrikanischer“ Kunst sprechen, man würde auch nicht im Zusammenhang etwa von Gerhard Richter von einem Vertreter „europäischer“ Kunst reden, oder eine Ausstellung mit junger „europäischer Kunst“ veranstalten. Warum wird Afrika noch immer so behandelt, als ob es ein Land wäre? Wie sieht die Wirklichkeit aus?

Yvette Mutumba: Guter Punkt! Oft wird der Begriff “afrikanische Kunst” als eine Art Label benutzt, das dazu neigt, die extrem komplexe und vielschichtige Kunstgeschichte auf dem Kontinent in einen Topf zu werfen. Ein junger Maler in Harare beschäftigt sich mit ganz anderen Themen als eine Performancekünstlerin in Nairobi oder ein 75jähriger Konzeptkünstler in Kampala. Es ist wichtig, und dafür bieten wir eine Plattform, zu realisieren, dass es den Begriff “afrikanische Kunst” ebenso wenig gibt, wie “europäische” oder “chinesische Kunst”. Was ist “afrikanische Kunst”, was ist ein “afrikanischer Künstler”? Jemand, der in Johannesburg groß geworden ist, im britischen Newport studiert und nun von einer italienischen und von einer südafrikanischen Galerie vertreten wird?
  
Julia Grosse: Und genau diese Realität der unendlich vielen “afrikanischen Perspektiven” versuchen wir zu beschreiben, indem wir unsere Plattform Contemporary And nennen. In erster Linie ist ein Künstler nicht “afrikanisch”, sondern “contemporary” wie jeder andere internationale Künstler auch.

Ihr seid beide mit multikulturellem Hintergrund in Deutschland geboren und aufgewachsen. Was verbindet euch  mit der afrikanischen Kunstszene?


Julia Grosse: Natürlich haben wir eine gewisse Sensibilität für Themen der Diaspora und Kunst aus afrikanischen Perspektiven. Aber in erster Linie schauen wir auf die Kunstproduktion als Kunsthistorikerinnen.

Yvette Mutumba: Seit Jahren passiert unheimlich viel in afrikanischen Städten, von Addis bis Joburg oder Kairo und das wollen wir auf C& kommunizieren, zeigen, und diskutieren. Es ist wichtig, dass die Hälfte unserer Leser aus afrikanischen Städten kommen und nicht aus Berlin, NYC oder London. Wir lieben es, regelmäßig Printversionen herauszugeben, doch um Distributionsgrenzen hinter sich zu lassen, müssen wir unser Kunstmagazin im Netz bringen.

Ihr habt ja auch erzählt, wie toll es ist, dass mit dem Magazin auch ein internationales Netzwerk von Korrespondenten und Autoren heranwächst. Könnt ihr etwas zur Entstehung von "Contemporary And" erzählen?

Yvette Mutumba: Das redaktionelle Team von C& besteht aus einer Gruppe von Kunstkritikerinnen und -kritikern, Autorinnen und Autoren,  Kulturproduzentinnen und -produzenten, die allesamt mit Afrika und der Diaspora verbunden sind. Die Idee, ein Magazin zu machen, eine Plattform, die die kaum fassbare Kunstproduktion auf dem Kontinent versucht, zusammenzubringen, entstand während der ifa-Ausstellung prêt-à-partagerC& ist also ein Projekt des Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und wird gefördert aus der „Aktion Afrika“ des Auswärtigen Amts.
 
Es gibt ja auch Essays über Migration, Diaspora, Rassismus in jeder Ausgabe. Ist "Contemporary And" auch ein politisches Magazin?
 
Yvette Mutumba: Unser Fokus liegt natürlich vor allem auf der zeitgenössischen Kunstproduktion, wobei wir zum Beispiel auch immer einen Blick „zurück“ in die Vergangenheit richten, die die heutigen Künstler natürlich beeinflusst. Und politische Themen spielen da immer auch eine Rolle, seien es Features zu 20 Jahren Demokratie in Südafrika, das Thema Migration, aber natürlich auch Kulturpolitik im direkten Alltag der Künstler, die wir vorstellen, wie zum Beispiel fehlende Mittel zur Umsetzung von Projekten oder Festivals, die man bewusst ohne westliche Mittel stemmt. Oftmals, und da wären wir wieder beim Labeling, wird oft schon regelrecht “erwartet” stets politisch und sozialkritisch zu arbeiten. Und natürlich liegt es auf der Hand, dass sich Künstler in einem Land, in dem lange Krieg herrschte, tendenziell eher mit sozialkritischen Themen beschäftigen als ästhetische Konzeptkunst zu produzieren. Aber auch Letzteres gibt es und soll es geben.
 
Besonders gut finde ich die Idee mit dem Art Space, in dem es Online-Ausstellungen mit Künstlern Em’Kal Eyongakpa aus Kamerun oder Misheck Masamvu aus Zimbawe gibt, echte Entdeckungen. Obwohl beide Künstler in Europa ausgestellt haben, hab ich noch nie von ihnen gehört. Liegt das nur an mir, oder ist es tatsächlich so, dass afrikanische Künstler weniger Beachtung finden?

Julia Grosse: Der Artspace auf C& soll ja diese Direktheit des Netzes nutzen und uns die Freiheit geben, relativ flexibel und spontan mit Künstlern und Kuratoren ein Projekt oder eine Ausstellung online zu realisieren. Das funktioniert sehr gut und bringt neue Interessenten mit dem Werk zusammen. Dennoch kann das den konkreten Austausch, die physische Ausstellung, die in Addis oder Dakar stattfindet nicht ersetzen. Es ist eher eine alternative Sichtbarmachung der vielen Dinge, die stattfinden von Joburg bis Kairo. Momentan wird ja gern von einem „Hype um Afrika“ gesprochen, Museen richten ihre Sammlungen darauf aus, große Galerien vertreten hier und da plötzlich mehr Künstler aus afrikanischen Perspektiven. Doch natürlich beeinflusst das die Realität eines Künstlers in Yaoundé oder Addis nur bedingt, wenn er weiß, dass gerade nicht China oder Indien, sondern Afrika der Boom ist. Uns interessiert der Hype eher wenig, da wir natürlich auch weitermachen werden, wenn die Kunstkarawane weitergezogen ist.

Seitdem Meschac Gaba in den 1990ern sein Museum of Contemporary African Art initiierte hat sich die Kunstszene in rasantem Tempo globalisiert. Wie hat sich im letzten Jahrzehnt die Wahrnehmung und Vermittlung von afrikanischer Kunst verändert?

Yvette Mutumba: Es wird heute vielleicht eine etwas differenzierte Perspektive auf die sehr diverse Kunstproduktion auf dem Kontinent und in der Diaspora geworfen, und damit dieser problematische Reflex umgangen, alles sehr eindimensional mit “Art from Africa” zu übertiteln.

Julia Grosse: Dieser Ansatz steckt ja auch hinter unserem Namen, der eben bewusst nicht „Afrika“ vor sich herschiebt, sondern den Künstler in erster Linie als „contemporary“ betrachtet - contemporary & konzeptuell arbeitend, studiert in Kairo, die Galerie in Oslo und, ach ja, gebürtig ist er aus Dakar. Da muss es hingehen und daran arbeiten wir intensiv mit.

Gibt es eigentlich inzwischen in Afrika Museen ausschließlich für afrikanische Gegenwartskunst? Wenn ja, wer finanziert eine solche Institutionen?
 
Julia Grosse: In der Planung ist in Kapstadt ein großes Museum für Gegenwartskunst aus afrikanischen Perspektiven, Zeitz MOCCA, mit der Sammlung des ehemaligen Puma-Vorstandsvorsitzenden Jochen Zeitz. Doch davon abgesehen sind die vielen, unabhängigen Initiativen und Art Spaces wichtige Infrastrukturen, wo sonst vielleicht Museen für zeitgenössische Kunst fehlen. Hier findet die eigentliche Kunstszene statt, vom CCA in Lagos, RAW in Dakar, oder 32° East | Ugandan Arts Trust in Kampala.

Was sind eure persönlichen Favoriten in der jungen afrikanischen Kunst? Wen sollte man sich unbedingt näher anschauen? 
 

Julia Grosse: Das ist natürlich tricky, da es so viele spannende Namen gibt!

Yvette Mutumba: Aber wenn ich ein paar Namen nennen müsste, dann die Installations- und Videokünstlerinnen Dineo Seshee Bopape und Bogosi Sekhukhuni, sowie die Performancekünstlerinnen Ato Malinda und Helen Zeru-Araya.