Yto Barrada: Die „Künstlerin des Jahres“ 2011 mit dem Abraaj Group Art Prize ausgezeichnet

Der Abraaj Group Art Prize ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen für zeitgenössische Kunst aus dem Mittleren Osten, Nordafrika und Südasien. Der mit 100.000 US-Dollar dotierte Preis ermöglicht es einem ausgewählten Künstler ein ambitioniertes Projekt zu realisieren. Mit Yto Barrada wurde jetzt die „Künstlerin des Jahres“ 2011 der Deutschen Bank mit dem Preis geehrt.
Seit über einem Jahrzehnt setzt sich Yto Barrada intensiv mit den gesellschaftlichen Realitäten in ihrem Heimatland Marocco auseinander. Als „Künstlerin des Jahres“ der Deutschen Bank zeigte sie 2011 im Deutsche Guggenheim, der heutigen Deutsche Bank KunstHalle, die Ausstellung Riffs. Nach der Premiere in Berlin gastierte die Schau im Brüsseler WIELS, in der Renaissance Society, Chicago, der IKON Gallery in Birmingham und im Museo d'arte contemporanea Roma (MACRO). 2013 endet die Ausstellungstournee im Fotomuseum Winterthur. In den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen ist der Künstlerin eine ganze Etage gewidmet.

Barradas ebenso poetische wie politisch engagierte Foto- und Filmarbeiten überzeugten jetzt auch die Jury des Abraaj Group Art Prize, zu der unter anderem die Art Dubai-Direktorin Antonia Carver und Jessica Morgan, die Kuratorin der aktuellen Gwangju Biennale und neue Direktorin der Dia Art Foundation, gehören. Die Auszeichnung wurde 2008 von der Abraaj Group initiiert, die zu den führenden Private Equity Investoren im arabisch-asiatischen Raum zählt. Die Arbeit, die Barrada mit dem Preisgeld realisiert, wird im März 2015 im Rahmen einer Ausstellung auf der Art Dubai präsentiert. Zu sehen sind hier dann auch Werke der anderen drei für den Preis nominierten Künstler: Setareh Shahbazi, Mounira Al Solh und Sarnath Banerjee, der ebenfalls in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist.
 
Dass Yto Barrada mit diesem renommierten Preis geehrt wird, ist auch eine Bestätigung für das Kunstprogramm der Deutschen Bank und die Auszeichnung „Artist of the Year“, mit der besonders Künstler gefördert werden, die gesellschaftliche Fragestellungen auf innovative Weise thematisieren. Für Barrada ist es die marokkanische Küstenstadt Tanger, die als künstlerisches Experimentier- und Recherchefeld für Foto- und Videoinstallationen, Skulpturen und Interventionen dient. International bekannt wurde sie vor allem durch ihre fotografische Arbeit, die die Mittel der Dokumentarfotografie nutzt, um eine völlig neue, eigenständige Form politischer Kunst zu etablieren.

Welche Stimmung herrscht in einem Land, in dem sich gerade die junge Generation verzweifelt nach Freiheit, Arbeit und Wohlstand sehnt? Diese Frage stand am Anfang von Barradas 1998 begonnener und bis 2004 weitergeführten Serie A Life full of Holes: The Strait Project, die sich mit der besonderen politischen und psychosozialen Situation in Tanger auseinandersetzt. „The Strait“ bezeichnet die Meerenge zwischen Afrika und Europa. Nur 13 Kilometer Luftlinie trennen hier Marokko und Spanien. Doch seitdem 1985 das Schengener Abkommen unterzeichnet wurde und Europa seit 1991 eine gemeinsame Grenze hat, die Marokkaner ausschließt, bildet die Straße von Gibraltar ein unüberwindliches Hindernis für Tausende von Einheimischen und Migranten aus anderen afrikanischen Staaten.

Mit dem Strait Project nähert sich Barrada der Stadt und ihren Bewohnern an und zeigt sie gefangen in einem permanenten Wartezustand. Sie entwickelt dabei eine Fotografie des Ephemeren und der Peripherie. Sie zeigt keine dramatischen Ereignisse, keine verzweifelten Menschen, keine Gewalttätigkeiten, sondern kaum beachtete, unspektakuläre Aspekte des Lebens in der Stadt: Brachen, halb fertiggestellte Siedlungen am Stadtrand, Fabrikhallen, plakatierte Wände, Reste von Vegetation, spielende Kinder – und immer wieder Figuren, die der Kamera den Rücken kehren. So blicken auf ihrer in der Sammlung Deutsche Bank vertretenen Belvedere-Serie (2001) Menschen von einer Kaimauer auf das offene Meer – ein Motiv, das an romantische Landschaftsmalerei, aber auch an die Sehnsüchte, die nicht erfüllten und aufgeschobenen Erwartungen der Porträtierten denken lässt.

Barrada wurde 1971 in Frankreich geboren und wuchs in Tanger und Paris auf, wo sie an der Sorbonne Geschichtswissenschaften und Politologie studierte. Im Anschluss ging sie ans International Center of Photography in New York. Die Arbeit an den Fotografien zu ihrem Strait Project entstanden also in einer ebenso privilegierten wie paradoxen Situation. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Landsleute konnte Barrada frei ein- und ausreisen und Marokko aus einer Innen- und Außenperspektive betrachten. In diesem Sinne fokussieren sich ihre Werke nicht nur auf die Sehnsucht der Bewohner Tangers, in Europa Arbeit und Wohlstand zu finden, sondern auch auf den eurozentrischen Blick auf Nordafrika.

Das Bild Marokkos in den westlichen Medien ist von Exotismus bestimmt, vom Mythos um Hippies und Drogen, märchenhaften Architekturen, dem Inbegriff einer freizügigen, orientalischen Kultur. Tatsächlich sind Marokko und auch insbesondere die Küste bei Tanger Zentren einer gigantischen Tourismusbranche, die hier gerade dabei ist, eine neue Version der Costa del Sol zu etablieren. Während die globale Gesellschaft zunehmend touristisch wird und von einer permanenten Bewegung kultureller und nationaler Identitäten gekennzeichnet ist, kommen in Tanger zu den Reisebeschränkungen für einen Großteil der Bevölkerung auch die verheerenden Spuren hinzu, die der boomende Tourismus und die damit verbundene Bauindustrie hinterlassen.

In ihren Serien wie dem Projekt Iris Tingitana (2007) oder Red Walls (2006) setzt sich Barrada mit der Umweltzerstörung und der ökologischen und gesellschaftlichen Homogenisierung der Stadt und der sie umgebenden Naturräume auseinander. Sie tut dies ganz ohne demonstrative Zuspitzungen. Mit derselben Sensibilität, mit der sie Menschen auf ihren Bildern begegnet, widmet sie sich in ihrer Landschafts- und Architekturfotografie scheinbar beiläufigen Details, die der breiten Aufmerksamkeit meistens entgehen: dem Zusammenspiel von Brachflächen und Hauswänden, der Konstellation von Passanten, Autos oder Baugerüsten. Die Stadt und die Landschaft, das können bei Barrada Zustand oder Zeichen sein, Fakt oder Fiktion.

Während ihre klaren, gestochen scharfen Fotografien von verfallenden Club Med-Hotels, verlassenen Parkplätzen, einsamen Palmen in frisch hochgezogenen Hotelanlagen oder den Gebirgsketten des Rif eine gewisse Härte vermitteln, öffnen sie zugleich die Imagination des Betrachters: „Was mich auch interessiert, ist die Geste des Ungehorsams. Sie beinhaltet die Perspektive für eine Aktion. Wir haben uns an dieser interessanten Stelle zwischen Poesie und Politik angesiedelt. Das ist der Platz, an dem ich arbeiten will. Ich vermittle Information, aber ich bin keine Journalistin. Ich vermittle poetische Dinge, bin aber auch keine Dichterin. Meine Arbeit ist an der Peripherie dieser Bereiche angesiedelt.“ Barrada erhebt sich nicht über ihr fotografisches Subjekt, sondern zeigt es aus einer ebenso vertrauten wie respektvollen Perspektive. Dabei geht es ihr auch um die Auseinandersetzung mit dem kollektiven Bildgedächtnis, dem Verschwinden von fotografischer und filmischer Erinnerung und der zunehmenden Homogenisierung der visuellen Kultur. Dem trat sie auch mit einer ganz konkreten Aktion entgegen: 2005 war sie Mitbegründerin der Cinémathèque de Tanger, deren Direktorin sie seitdem ist.

Das Engagement für das Kino klang auch im Titel der Ausstellung Yto Barrada: Riffs im Deutsche Guggenheim an. Dabei verweist „Riffs“ ebenso auf die sich wiederholende Ton- und Akkordfolge in der Rock- und Popmusik, wie auf das Rif-Kino in Tanger, in dem die Cinémathèque beheimatet ist, und die gleichnamige Gebirgskette in der Nähe der Stadt, deren seltene Pflanzenwelt zunehmend in Gefahr gerät. So konnte der Besucher der Ausstellung im Studio des Deutsche Guggenheim eine Reihe von Filmen sehen, zu denen auch Beau Geste (2009) gehört. Er zeigt ein von der Künstlerin angeheuertes Team, das in einem Akt des Guerilla-Gärtnerns eine verletzte Palme auf einer Brache pflegt, die einem geplanten Neubauprojekt weichen soll.

Die „illegale“ Aktion findet am helllichten Tag statt, wobei Barrada die Kommentare der Passanten festhält. Hierbei geht es ihr nicht lediglich um ein praktikables ökologisches Statement, sondern auch um die Möglichkeit des Scheiterns dieses fast aussichtslosen Unterfangens – um die Schärfung des Bewusstseins für die Gefahr des Verschwindens von natürlichen und sozialen Lebensräumen, die der um sich greifenden Bauspekulation zum Opfer fallen. Barrada spricht damit ein Phänomen an, das sogenannte Schwellenländer auf der ganzen Welt betrifft. So wie ihre Fotos zugleich als Bild der Realität wie als Metapher für einen gesellschaftlichen Zustand gelesen werden können, ist auch das immer wieder in ihrem Werk erscheinende Motiv der Palme mehrdeutig: Symbol für Exotik und Sehnsucht, Symptom von Standardisierung in der urbanen Begrünung, existenzieller Ausdruck für Überlebenswillen.

Zugleich erscheint der Baum in der Skulptur Palm Sign (2010) als von Glühbirnen erleuchtetes, comicartiges Logo. Gerade weil sie so widerstandsfähig sind, bilden Palmen eine praktische Lösung zur Begrünung von Neubauprojekten, die die ursprüngliche Vegetation zerstören. Diese dialektische Sicht findet sich auch in einer anderen Arbeit Barradas: Gran Royal Turismo (2003) erinnert an eine Modelllandschaft für Miniatureisenbahnen und ist eine bitterböse Parabel auf die Gentrifizierung Marokkos. Wann immer die drei Spielzeugautos für offizielle Besucher an bestimmten Punkten vorbeifahren, wird das Land aufgepeppt: Mini-Palmen schießen aus dem Boden, rote Teppiche rollen über die Fahrbahn, Fassaden werden saniert, marokkanische Fahnen wehen im Wind. Nachdem die Autos weitergefahren sind, ist der Spuk vorbei – alles wird wieder eingeklappt. Barrada entwirft ein vielschichtiges, komplexes Bild des heutigen Marokko und fordert dabei ohne jede Sentimentalität das Mitgefühl des Betrachters heraus, das vielleicht auch zum Umdenken und Handeln führen kann. Sie versteht sich auch als Aktivistin und ihre Arbeit ist immer durch eine Konstante bestimmt: die Solidarität mit dem Schwachen, dem Fragilen, dem vom Verschwinden Bedrohten.