Zeitgenössische Arche Noah
Cai Guo-Qiang in der Power Station of Art

Eine Arche vor der Skyline Shanghais: Pandas, Giraffen, Zebras, Eisbären, Kamele – insgesamt 99 in Lebensgröße nachgebildete Tiere drängten sich auf einem hölzernen Fischerboot, das langsam den Huangpu River entlang fuhr. Das Ziel: die Power Station of Art. Dort ist jetzt Cai Guo-Qiangs neues, von der Deutschen Bank gesponsertes Ausstellungsprojekt The Ninth Wave zu sehen. Auch Cais zeitgenössische Arche Noah gehört zu der Schau, in der es um Ökologie und Umweltverschmutzung geht – brisante Themen, die gerade in Shanghai viele Menschen betreffen: Sie leiden unter massivem Smog. Im letzten Jahr trieben plötzlich die Kadaver von 16.000 Schweinen im Huangpu, aus dem zahlreiche Bewohner der 26-Millionen-Stadt ihr Trinkwasser beziehen. Die Tiere, die Cai auf seinem Boot versammelt hat, wirken dann auch weniger wie die glücklichen Überlebenden der Sintflut, sondern vielmehr wie seekranke Schiffbrüchige, die am Ende ihrer Kräfte über der Reling hängen.

Tiere spielen eine wichtige Rolle im Werk des weltweit wohl erfolgreichsten chinesischen Künstlers. So versammelt er für Heritage (2013) Tiger, Antilopen und Bären um eine Wasserstelle – als Bild des friedlichen Zusammenlebens und der Kontemplation. Die Installation erscheint wie ein Gegenentwurf zu Head On, Cais 2006 für die Sammlung Deutsche Bank entstandene Auftragsarbeit, die jetzt als Leihgabe im Rahmen von The Ninth Wave zu sehen ist. Für dieses dramatische Werk lässt der Künstler, dem in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen eine ganze Etage gewidmet ist, 99 lebensgroße Wölfe gegen eine Mauer aus Glas stürmen. Unaufhaltsam drängen sie voran, prallen mit aller Wucht gegen die durchsichtige Barriere. „Ich wollte die universelle menschliche Tragödie abbilden“, so Cai, „die aus blindem Vorwärtsstürmen resultiert, aus der Kompromisslosigkeit, mit der wir versuchen, unsere Ziele durchzusetzen.“

Eigens für die Ausstellung in der Power Station of Art entwickelte Cai monumentale Werke: Etwa Silent Ink, ein 250 Quadratmeter großer, von Gebäuderesten umrahmter See aus schwarzer Tinte – Menetekel und postapokalyptische Szenerie zugleich. Oder die 27 Meter lange und 4 Meter hohe Schießpulverzeichnung The Bund Without Us, ein Panorama von Shanghais berühmter Uferpromenade „The Bund“. Doch die Prachtstraße mit ihren Banken und Kolonialbauten ist menschenleer, die Natur hat sie sich längst zurückerobert. Ähnlich gewaltig, aber wesentlich versöhnlicher erscheint Birds and Flowers of Brazil (2013). Diese Schießpulverzeichnung feiert den natürlichen Reichtum des südamerikanischen Landes und knüpft zugleich an Themen und Ästhetik der klassischen chinesischen Malerei an.

Die Power Station of Art (PSA) ist Chinas erstes staatliches Museum für Gegenwartskunst. Das ehemalige Kraftwerk ist Schauplatz der Shanghai Biennale und kooperiert mit internationalen Partnern wie dem Centre Pompidou, Paris, oder dem Andy Warhol Museum, Pittsburgh. Seit ihrer Eröffnung setzt die PSA auf ein ambitioniertes Vermittlungsprogramm, um möglichst viele Menschen für zeitgenössische Kunst zu begeistern.


Cai Guo-Qiang: The Ninth Wave
08.08. – 26.10.20124
Power Station of Art, Shanghai