Die Kraft der Bilder
The Circle Walked Casually in Buenos Aires

So hatte man Werke aus der Sammlung Deutsche Bank noch nie zuvor gesehen: „The Circle Walked Casually“ brachte rund 130 Papierarbeiten in der Deutsche Bank KunstHalle zum Schweben. Jetzt gastiert die von Victoria Noorthoorn kuratierte Schau im Museo de Arte Moderno de Buenos Aires. Die Zeichnungen und Aquarelle aus der Unternehmenssammlung treten hier in Dialog mit ausgewählten Werken des Museums.
Es ist eine fast magische Erfahrung: Man betritt einen strahlend weißen Raum, dessen Grenzen sich aufzulösen scheinen. Darin schweben die Bilder. In einem eigenwilligen Rhythmus aus Linien, Farben und Formen folgen sie einer gewundenen Linie. Gemeinsam mit der brasilianischen Bühnenbildnerin Daniela Thomas und dem Architekten Felipe Tassara konzipierte Victoria Noorthoorn eine außergewöhnliche Ausstellungsarchitektur, die die beiden Hauptmerkmale der Zeichnung, Raum und Linie, auf völlig neue Weise erfahrbar macht.

„Es war einmal eine unendliche horizontale Linie im Raum…“ So beginnt die fantastische Kurzgeschichte Genealogie des uruguayischen Autors Felisberto Hernández (1902–1964), der Northoorn den Titel ihrer Schau entlehnt hat. Darin verlieben sich ein Kreis und ein Dreieck und reisen auf einer horizontalen Linie entlang. Die Linie als Sinnbild des Zeichnens und die Idee einer imaginären Reise sind dann auch prägend für das Konzept der argentinischen Kuratorin. In The Circle Walked Casually führt der Weg durch ein Jahrhundert Kunstgeschichte: Von Otto Dix über Joseph Beuys bis zu Kara Walker oder Kemang Wa Lehulere veranschaulicht sie künstlerische Ideen und formale Entwicklungen von der Moderne bis ins 21. Jahrhundert.

Nach ihrer Premiere in der Deutsche Bank KunstHalle ist die Schau jetzt unter dem Titel El círculo caminaba tranquilo im Museo de Arte Moderno de Buenos Aires (MAMBA) zu sehen. Für diese Station hat Northoorn, die 2013 zur Direktorin des Museums berufen wurde, das Konzept der Schau erweitert: Die Werke aus der Sammlung Deutsche Bank treten hier in Dialog mit Zeichnungen und Grafiken aus der Sammlung des MAMBA. Durch die Ergänzung von so unterschiedlichen Künstlern wie Salvador Dalí, León Ferrari oder Guillermo Kuitca entwickeln sich in Buenos Aires ganz neue Korrespondenzen zwischen den Exponaten.

Zeichnen, das zeigt die Ausstellung ganz deutlich, ist Ausdruck von Imagination, Denken, Utopien, existenziellen Erfahrungen. Am Anfang des Rundgangs steht die in sich gekehrte, einsame menschliche Figur: So trifft Ernst Barlachs Zeichnung Betrunkene Bettlerin (1906) auf Lucian Freuds Woman with arm Tattoo (1996). Die Radierung zeugt von seiner Faszination für Fleisch, Haut, die Verletzlichkeit des Menschen. Das Leben hat sich in den Körper dieser Frau so eingeschrieben wie die Tätowierung in ihren Oberarm. Eine 1981 entstandene Aktstudie des Argentiniers Héctor Giuffres aus der Sammlung des MAMBA strahlt eine ähnliche Melancholie aus wie Käthe Kollwitz‘ eindringliche Skizze Frau auf einer Bank sitzend von 1905. Auch zwischen Alberto Greco und Raymond Pettibon ergeben sich erstaunliche Bezüge: Die Bildsprachen des 1965 verstorbenen Argentiniers und des von der Comic-Kultur beeinflussten Amerikaners sind ähnlich reduziert-expressiv. Beide arbeiten mit Schrift und teilen ein sehr düsteres Weltbild.

Eine echte Entdeckung sind die Zeichnungen von Eugenia Crenovich (1905 - 1990). Unter dem Künsternamen Yente war sie eine der wichtigsten Pionierinnen der Abstrakten Kunst in Südamerika. Im MAMBA können ihre subtilen geometrischen Kompositionen problemlos neben Klassikern wie Mondrian und Josef Albers bestehen.

El círculo caminaba tranquilo steht für eine Befreiung von statischen Ausstellungsformaten und kunsthistorischem Schubladendenken. Northoorn vertraut allein der Kraft der Bilder. Deshalb verzichtet sie auf Chronologie oder Beschriftung und lässt die Arbeiten direkt zum Betrachter sprechen. Und nicht zuletzt feiert ihre Ausstellung das im malereifixierten Ausstellungsbetrieb so häufig unterschätzte Medium der Zeichnung.


El círculo caminaba tranquilo
La Colección Deutsche Bank en diálogo con obras del Museo de Arte Moderno de Buenos Aires

29.6.2014 – 18.1.2015
Museo de Arte Moderno de Buenos Aires