Museum of Contemporary African Art
Meschac Gaba in der Deutsche Bank KunstHalle

Mehr als fünf Jahre hat Meschac Gaba an seinem “Museum of Contemporary African Art“ gearbeitet. Die gigantische Installation des in Benin und den Niederlanden lebenden Künstlers versteht sich als Gegenentwurf zu westlich geprägten Ausstellungskonzepten. Als Leihgabe der Tate Modern ist Gabas Opus Magnum jetzt in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen. Die Präsentation bildet den Auftakt einer Kooperation mit einem der weltweit renommiertesten Museen für zeitgenössische Kunst, in deren Rahmen bedeutende künstlerische Positionen aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten in Berlin vorgestellt werden.

Meschac Gaba: Museum of Contemporary African Art @ Deutsche Bank KunstHalle

Meschac Gabas Art and Religion Room lässt eine Utopie Wirklichkeit werden – die friedliche Koexistenz der Religionen dieser Welt. In schlichten Holzregalen begegnen sich hier die unterschiedlichsten Devotionalien: Koransuren treffen auf einen jüdischen Gebetsschal, eine Gipsmadonna auf den hinduistischen Elefantengott Ganesha. Dazwischen afrikanische Fetisch-Skulpturen, aber auch profane Gegenstände: Selbst ein Vorhängeschloss oder eine Plastikpuppe besitzen hier eine spirituelle Dimension. Der Art and Religion Room ist ein demokratisches Archiv religiöser Möglichkeiten. Ein Raum ohne Hierarchien, in dem jedes Objekt den gleichen Stellenwert besitzt. Seine offene Konstruktion erinnert dabei an einen Marktstand, an dem die unterschiedlichsten Waren nebeneinander präsentiert werden.

Das emotional und politisch so aufgeladene Thema „Religion“ behandelt Gaba mit einer bemerkenswerten Gelassenheit, die vielleicht auch aus seiner Herkunft resultiert. Der Künstler stammt aus Benin, einem Land im Westen Afrikas, in dem die unterschiedlichen Religionen konfliktfrei zusammenleben.“Hier stößt man“, erklärt Meschac Gaba, „unter ein und demselben Dach auf Figuren von Engeln, Jesus Christus oder Mami Wata“ – einem afrikanischen Wassergeist.

Der Art and Religion Room ist Teil seines Opus Magnum – dem 12 Räume umfassenden Museum of Contemporary African Art 1997-2002. Diese Installation ist das größte Einzelwerk, das bislang von der Londoner Tate angekauft wurde. Als Museum ohne festen Standort war es in den unterschiedlichsten Variationen in zahlreichen internationalen Ausstellungshäusern präsent. Jetzt kann man sieben Räume dieser wegweisendenden Arbeit erstmals in Berlin erleben – als spektakulärer Auftakt einer Kooperation zwischen der Deutsche Bank KunstHalle und der Londoner Tate Modern. Drei gemeinsame Ausstellungen werden sich in den kommenden Jahren bedeutenden Künstlern aus dem nicht westlichen Kontext widmen. So ist nach der Präsentation des Museum of Contemporary African Art eine Schau mit Gemälden von Bhupen Khakhar, einem der wichtigsten Malers Indiens, geplant.

Gabas Installation versteht sich nicht als konventionelles Museum, im Gegenteil: „Mein Museum hat keine Wände“ erklärt der Künstler, es ist „kein Model … es ist nur eine Frage.“ Dementsprechend schuf er einen eher konzeptuellen als physischen Raum. Als provozierendes Statement zum westlichen Kunst-Establishment fragt sein Museum nicht nur, nach welchen Kriterien Kunst aus Afrika beurteilt wird. Es fragt ebenso, warum es bestimmte Dinge wert sind, in einem Museum gezeigt zu werden, andere aber nicht – und wer diese Hierarchien bestimmt. Ähnlich wie den Protagonisten der „Relational Arts“, etwa Rirkrit Tiravanija oder Pierre Huyghe, geht es auch Gaba darum, das Museum in einen lebendigen Ort der Begegnung und des kulturellen Austauschs zu verwandeln – das Ausstellungshaus als soziale Skulptur.

Die Idee zu seiner Installation formte sich während Gabas Zeit als Stipendiat an der Rijksakademie in Amsterdam. „Ich ging nach Holland, weil ich dort weniger Einflüssen unterworfen war. In Frankreich hätte es zu viele Verbindungen mit Benin gegeben.“ Auf diesem sozusagen neutralen Terrain wollte er sich dann auch nicht an der Kolonialgeschichte abarbeiten. Stattdessen griff er ein ganz aktuelles Phänomen auf: In Europa war afrikanische Gegenwartskunst praktisch unsichtbar oder wurde ins Völkerkundemuseum verbannt. Wenn sie ausgestellt wurde, zeigte man vor allem Masken, Fetisch-Objekte oder bunt bemalte Ladenschilder. Afrikanische Kunst wurde als folkloristisch und naiv abqualifiziert. Außerdem konnte sich Gaba nicht vorstellen, seine eigene Arbeit ohne weiteres in den Kanon westlicher Museen zu integrieren: „Ich brauchte einen Ort für meine Arbeit, weil dieser noch nicht existierte.“

So entstand 1996/97 zunächst der Draft Room. Er bildet auch das Entree der Präsentation in der KunstHalle. Die Arbeiten in diesem Raum setzten sich mit dem Kreislauf der Nahrungsmittel und dem des Geldes auseinander. Entwertete und zu Konfetti verarbeitete Banknoten und ein Tisch aus einer Wechselstube verweisen auf das Geld als Zahlungsmittel, mit dem der Wert von Dingen festgelegt wird – in der Kunst wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft. Angeregt von seinem Leben zwischen den Kulturen klingen im Draft Room bereits die wichtigsten Themen seines Museum an – die Beziehungen zwischen Afrika und dem Westen, dem Lokalen und dem Globalen, Kunst und Alltag.

Im anschließenden Architecture Room hat Gabba seine Artist’s Bank installiert – ein Schreibtisch, bedeckt mit realen Banknoten, auf denen Ikonen der Kunst- und Architekturgeschichte abgebildet sind. Als Kontrast dazu lässt er an einem Money Tree selbstgestaltete Geldscheine wachsen. Sie zeigen Porträts berühmter europäischer Künstler wie Picasso, die von afrikanischer Kunst inspiriert wurden. Im Architecture Room können die Besucher auch selbst aktiv werden – mit hölzernen Bausteinen kann hier jeder sein eigenes Museumsgebäude entwerfen.

Die Aktivierung des Publikums ist essentiell für Gabas Installation. So kann er auch auf den Bereich verzichten, der normalerweise das Herzstück eines Museum bildet  – die Sammlung, die von den Besuchern passiv betrachtet wird. Ins Zentrum seiner Arbeit stellt er stattdessen die Räume, in denen es um Gemeinschaft und soziale Interaktion geht, etwa das Museumsrestaurant. In der KunstHalle werden in Kooperation mit dem daad ausgewählte Künstler ein Dinner ausrichten. So lädt der in Addis Abeba aufgewachsene Videokünstler Theo Eshetu ins “Land of Bread and Honey” ein, wo äthiopische Spezialitäten serviert werden.

Ausschließlich geistige Nahrung gibt es dagegen in der aus Paletten und Lastwagenreifen improvisierten Bibliothek. Hier warten mehr als 1.600 Kunstpublikationen und Kinderbücher auf Leser. Das Inventar kann man auf zwei Computern durchforsten. Doch den Strom dazu produziert man selbst: Die Rechner sind auf Fahrräder montiert, bei denen die Benutzer in die Pedalen treten müssen, um für die nötige Energie zu sorgen. Aktiviert wird natürlich auch der Art and Religion Room. Regelmäßig sind hier professionelle Tarotleser vor Ort, die den Besuchern kostenlos die Bedeutung der gezogenen Karten erläutern.

Das Museum verfügt selbstverständlich auch über einen Shop. Neben eigens für die Präsentation in der KunstHalle ausgewählten Editionen von Olafur Eliasson, Wangechi Mutu oder Emmanuel Shuga Kasongo kann man hier auch für das Projekt entworfene T-Shirts erwerben. Doch nicht nur sie tragen die Idee von Gabas Museum in die Außenwelt. Auch der Humanist Space, den er erstmals 2002 auf der Documenta XI vorstellte, bringt seine Kunst in den öffentlichen Raum. Acht goldene Fahrräder mit dem Logo des Museum of Contemporary African Art können in der KunstHalle für Touren zu den Themen „Street Art versus Museumskunst“ oder „Religiöse Vielfalt“ ausgeliehen werden. Die goldenen Räder werden dabei zu kulturellen Botschaftern, die den Geist von Meschac Gabas Museum in das Alltagsleben der Stadt tragen.
Achim Drucks


Meschac Gaba
Museum of Contemporary African Art

20.09.2014 - 16.11.2014
Deutsche Bank KunstHalle
Alle Details zum Programm finden Sie hier.