Alles kann jederzeit passieren
Ein Gespräch zwischen Zohra Bensemra und Michket Krifa

Seit 1990 arbeitet Zohra Bensemra als Pressefotografin. Zunächst widmete sie sich den politischen Ereignissen in ihrem Heimatland Algerien. Mittlerweile hat sich ihr Fokus erweitert. Sie fotografiert in den Krisengebieten der Welt: Afghanistan, Tschetschenien, Sudan. Ihre eindringlichen Aufnahmen verbinden das Gespür für den „entscheidenden Moment“, in dem alles passiert, mit dem formalen Blick für Bildkomposition und Farbe.
Eine Auswahl von Bensemras Werken, denen in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen eine ganze Etage gewidmet ist, ist derzeit im Rahmen der Ausstellung Time Present. Contemporary Photography from the Deutsche Bank Collection im Singapore Art Museum zu sehen. Michket Krifa, die als Kuratorin auf Fotografie aus dem Mittleren Osten und Afrika spezialisiert ist, hat sich mit Zohra Bensemra über die gefährliche Arbeit in Kriegsgebieten und ihre spezifische Sicht auf arabische Frauen unterhalten.

Michket Krifa:
Sie begannen Ihre Karriere Anfang der 90er-Jahre als Pressefotografin. Zeitgleich entstand in Algerien eine unabhängige Presse – als einer der ersten Schritte in der Demokratisierung des Landes. Diese Phase währte jedoch nur kurz und Algerien versank erneut in Bürgerkrieg und Terrorismus. Wie haben Sie als junge Fotografin diese Zeit empfunden?

Zohra Bensemra: Ich kann mich noch genau an diesen einen Tag 1995 erinnern. Ich arbeitete damals für El Watan, eine französischsprachige Zeitung. Plötzlich hörten wir eine Explosion und wollten nachsehen, was passiert ist. Wir waren drei Fotografen, zwei männliche Kollegen und ich. Meine Kollegen stürmten in Richtung des Feuers, ich lief zum Rauch. Als ich dort ankam, stieß ich auf drei Leichen, eine war größer als die anderen. Auf dem Boden lagen eine Damenhandtasche und auch ein Paar Schuhe. Da wurde mir klar, dass es sich um die Leiche einer Frau handelte. Ich war schockiert: Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich einen bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Körper.

Bevor ich das fotografierte, fasste ich mir an den Kopf und fragte mich wieder und wieder, wie Menschen so etwas nur machen können? Ich war noch sehr jung und unglaublich wütend. Ich zitterte und weinte und wusste einfach nicht, was ich tun sollte. Ich weiß nicht warum, aber ich fühlte, dass ich dieses Foto einfach machen musste, um zu bezeugen, was ich sah. Zurück im Büro traute ich mich dann zuerst nicht, den Film zu entwickeln. Nicht wegen der schrecklichen Dinge, die auf den Fotos zu sehen sein würden, sondern weil ich Angst hatte, bei der Entwicklung einen Fehler zu machen und die Bilder zu zerstören. In meinen Augen musste die ganze Welt diesen Horror sehen, den die Terroristen über uns gebracht hatten. Ich sagte sogar zu meinem Kollegen, dass ich die Fotografie aufgäbe werde, wenn die Bilder nichts würden. An dem Tag, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben eine verbrannte Leiche sah, stand für mich meine ganze Karriere auf dem Spiel. Aber in diesem Moment wurde mir auch bewusst, wie wichtig mein Beruf ist, und dass ich einfach bis zum Ende durchhalten musste. So kam mein Foto auf die Titelseite meiner Zeitung. Danach weinte ich den ganzen Tag, so etwas war mir noch nie zuvor passiert. Aber als ich dann am nächsten Tag aufwachte, hatte sich etwas in mir verändert. Von da an war ich bereit, mich allem zu stellen, um meinen Job zu machen.

Kann man Zeuge und Beteiligter zugleich sein? Ist es in solchen Zeiten überhaupt möglich, neutral und objektiv zu bleiben?

Als der Terror mein Land zerstörte, war es wirklich schwer, neutral zu bleiben. Ich fühlte eine ständige innere Unruhe. Man kann nicht neutral bleiben, wenn man auf der Beerdigung eines Arbeitskollegen ist, der von Terroristen erschossen wurde. Damals dachten wir auf solchen Beerdigungen immer, jeder von uns könnte der Nächste sein. Wie soll man als potentielles Ziel denn neutral bleiben? Jeder Journalist war ein mögliches Opfer. Jeder, der sich diesen Fanatikern widersetzte, musste getötet werden. Als Fotograf musste man alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen treffen, um zur Arbeit gehen zu können – und auch um wieder gesund nach Hause zu kommen. Man durfte niemals zweimal am Tag den gleichen Weg gehen oder am nächsten Tag zur gleichen Zeit unterwegs sein. Wir hatten vor unseren eigenen Schatten Angst. Manchmal mussten wir zur Sicherheit sogar unsere Wohnungen verlassen und in ein Hotel flüchten. Die Arbeitskollegen wurden zu unserer Familie. Alles geriet damals durcheinander, es gab kein professionelles und privates Leben mehr. Sie verschmolzen und es war unmöglich, sie voneinander zu trennen.

Als ich Sie 2001 zum ersten Mal traf, hatten Sie schon eine unfassbare Anzahl beeindruckender Fotos gemacht. Wir arbeiteten damals zusammen an einer Ausstellung, die all die algerischen Fotografen ehren sollte, die die Jahre des Bürgerkriegs abbildeten. Die Ausstellung hieß“Algérie, les Faits et les Effets“ (Algeria: The Facts, the Effects) und wurde 2003 in den FNAC Galleries in Frankreich gezeigt, 2005 bei den Rencontres Africaines de la Photographie in Bamako. Dort gewannen Sie dann den European Union Prize als beste Pressefotografin Afrikas. Es war die erste Ausstellung, die algerische Pressefotografie zeigte. Wie reagierten damals Publikum und Kritiker?


Ich glaube, außer Ihnen waren alle überrascht, dass ich eine algerische Fotografin war. Alle fragten, wie es ist, in Algerien als Fotografin zu arbeiten. Das ging mir wirklich auf die Nerven. In Algerien hingegen wunderte sich niemanden über diese Tatsache.

Pressefotografie ist in der arabischen Welt noch neu und bis in die 1990er Jahre hinein berichteten nur westliche Fotografen für westliche Medien über die dortigen Konflikte. Ergänzen sich diese beiden Blickrichtungen oder gibt es kulturelle Unterschiede, die sie voneinander trennen?

Es stimmt, dass in der Vergangenheit ausschließlich westliche Journalisten über diese Konflikte berichteten. Es ist auch offensichtlich, warum: Die Staaten waren nach außen hin abgeriegelt, die Regierungen kontrollierten die Presse, es gab auch nicht genug Korrespondenten. Aber wie man gut an Algerien sehen kann, hat sich die Situation geändert: Das Foto eines algerischen Fotografen wurde in den 1990ern als World Press Photo ausgezeichnet und zur gleichen Zeit wurde ich von Reuters engagiert. Als ich dort anfing, lernte ich noch von den algerischen Fotografen der alten Schule. Sie brachten mir bei, wie man sich den Menschen nähert und sie in ihrem normalen Alltag fotografiert. Diese Herangehensweise habe ich mir bis heute bewahrt. Nach all den Jahren, die ich jetzt schon beruflich als Fotografin arbeite, ist mir bewusst geworden, dass es nicht der kulturelle Hintergrund ist, der es dir ermöglicht, eindringliche Fotografien zu machen, sondern das Herz und der Verstand. Man muss menschlich sein und sich für die Welt und die kulturelle Vielfalt offenhalten – aber auch einen kritischen Geist haben.

Ihre Serie, die wir in der Gruppenausstellung „Women by Women“ im Fotografie Forum Frankfurt präsentierten, zeigte ganz unterschiedliche Algerierinnen in völlig unterschiedlichen Berufen und Situationen – weit entfernt von den Stereotypen Schleier, Armut und Ausbeutung. Ist es Ihnen ein Hauptanliegen, neue Perspektiven auf arabische Frauen zu eröffnen?

Ich bin ja selbst eine arabische Frau. Daher versuche ich, mit einem wahrhaftigen und realistischen Blick auf arabische Frauen zu schauen. Wie schon erwähnt, war es für mich fürchterlich, ständig mit der Frage belästigt zu werden, wie es ist, in „meiner Gesellschaft“ eine Fotografin zu sein. Ich habe immer gedacht, dass „meine Gesellschaft“ in mancher Hinsicht viel offener ist als westliche. Arabische Frauen sind aus Fleisch und Blut. Genau wie überall auf der Welt gibt es Frauen, die sich auflehnen, und andere, die sich unterwerfen. Es gibt Frauen, die sich für den Schleier entschieden haben, andere, die sich gegen ihn entschieden. Wir müssen diese persönlichen Entscheidungen respektieren. Ich komme aus einem Land, in dem Frauen eine aktive Rolle im Unabhängigkeitskrieg der 1950er einnahmen – diese Frauen gaben ihre Tapferkeit und ihren Mut an mich weiter.

Abgesehen von den islamischen Protesten und Demonstrationen in den frühen 1990er-Jahren, bei denen sich alle Frauen verschleiern mussten, hatte ich persönlich nie große Probleme als Fotografin. Ich fühlte mich nie unwohl. Ganz im Gegenteil hatte ich sogar das Gefühl, dass die Leute mir stärker vertrauten – eben weil ich eine Frau bin.

In der arabischen Welt ist die Kultur der Bilder noch etwas Neues. Lange kontrollierten die verschiedenen staatlichen Regime die veröffentlichten Bilder und die Menschen ließen sich nicht gerne fotografieren. Was hat sich verändert? Und wie schaffen Sie es, das Vertrauten der Menschen zu gewinnen und sie in der Öffentlichkeit zu fotografieren – insbesondere in Straßen, in denen das Fotografieren eigentlich verboten ist.

Anfangs versteckte ich die Kamera unter meiner Jacke, so dass sie unbemerkt blieb. Wenn ich fotografieren wollte, musste ich sehr schnell sein, damit niemand merkte, dass ich ihn fotografiere. Manchmal tat ich so, als ob ich jemanden fotografiere, der mich begleitete, ich stellte sie oder ihn nahe an die Person, die ich eigentlich fotografieren wollte. Es war fast so, als würde man ein Foto „stehlen“. Man musste geschickt sein.

Die Leute waren aus Zurückhaltung gegen die Fotografien. Arabische Gesellschaften waren und sind noch immer sehr konservativ, aber ich glaube, seit den Revolutionen und Kriegen gibt es eine neue Empfänglichkeit für Bilder. Ein Beispiel: Seit Algerien auf dem Weg zur Demokratie ist und es eine private Presse gibt, wurden hunderte neuer Publikationen veröffentlicht und hunderte Fotografen eingestellt. Die Berichterstattung über die Algerienkonflikte während der Neunziger halfen, die Menschen für neue Ideen zu öffnen: Sie ließen sich fotografieren, um ihrem Leiden Ausdruck verleihen zu können. Sie wollten der Welt zeigen, was der islamische Terrorismus ihnen antat. Andererseits ist es immer noch schwierig, das alltägliche Leben zu fotografieren. Araber sind noch immer sehr zurückhaltend und selbst in Pakistan sind mir die gleichen Hindernisse begegnet. Mittlerweile verstecke ich meine Kamera nicht mehr unter meiner Jacke, sondern stelle mich vor und rede mit den Leuten bevor ich anfange. Ich sorge dafür, dass sie mich nicht als Bedrohung ansehen, und warte bis zu dem Augenblick, in dem sie mich kaum noch wahrnehmen.

Wenn Sie in Krisengebieten arbeiten, richtet sich der Schwerpunkt Ihrer Bilder nicht nur darauf, eine Situation zu erfassen, sondern auch darauf, den Betrachter wirklich emotional zu packen. Zum Beispiel auf den beeindruckenden Bildern von Darfur.

Trotz der Schwierigkeiten des Lebens, besitzen Menschen eine unglaubliche Widerstandskraft. Ich habe das Gefühl, dass ich das zeigen muss: Irgendwie sehe ich darin ein Zeichen von Hoffnung und Optimismus – sogar Tränen bedeuten letztlich, dass die Person noch am Leben ist.

Selbst in den dramatischsten Situationen, heben Sie die Momente hervor, in denen das Leben die Oberhand gewinnt. Eine Poesie des Alltäglichen. Welche Botschaft versuchen Sie dadurch zu vermitteln?

Die Erfahrung in Algerien hat mich eine Menge gelehrt. Einige Menschen hatten den Mut, sich der islamistischen Diktatur zu widersetzen und trotz der Gefahren so weiter zu leben wie bisher: Sie besuchten Restaurants und blieben in den Diskotheken bis die Ausgangssperre aufgehoben war. Es war eine andere Form sich zu wehren. Außenstehende haben oft den Eindruck, als gäbe es unter solchen Umständen diese Art von Leben gar nicht mehr. Aber als Augenzeugin hatte ich das Gefühl, gerade diese Seite zeigen zu müssen, weil auch das ein Bestandteil des Konfliktes war. Eines ist sicher, nichts kann das Leben aufhalten oder es daran hindern, die Oberhand zu gewinnen. Ich kehre immer sehr bewegt zurück, wenn ich mehrere Stunden in einem Slum in Pakistan verbracht habe, wo ich Menschen begegne, die in bitterster Armut leben und dennoch lächeln und nicht aufgeben. Diese Menschen haben mich gelehrt, dass das Leben trotz allem weitergeht.

Wann ist der ideale Moment, ein Foto zu machen – wann ist der entscheidende Moment? Was ist für Sie das ideale Pressebild?

Als Anfängerin war mir das „knallharte“, visuell einprägsamste Motiv wichtig. Mit der Zeit habe ich jedoch gemerkt, dass diese Bilder nur eine kurze Lebensdauer haben. Am nächsten Tag kommt einfach das nächste „knallharte“ Bild und ersetzt das vorherige. Schockbilder sind allgegenwärtig und so leicht zu bekommen, dass es am Ende nicht mehr darum geht, den Konflikt abzubilden, der so viele Menschenleben zerstört, sondern nur noch darum, den sensationellsten Aspekt hervorzuheben. Zum Glück hat sich mein Standpunkt geändert. Das ideale Pressebild ist für mich eines, dem es gelingt eine ganze Geschichte zu erzählen, indem es lediglich ein bestimmtes Detail zeigt. Das ist eigentlich die Art von Bild, das die Menschen wirklich erreicht und ihnen im Gedächtnis bleibt. Selbst heute erinnern wir uns ja noch an die Bilder von Cartier-Bresson.

Nun zur Fotografie, die den entscheidenden Moment einfängt: Wenn ich an einer Geschichte zu arbeiten beginne, mache ich zunächst Aufnahmen, die ich in der Regel nicht verwende. Sie helfen mir aber, das Thema zu umreißen und mich der betreffenden Person anzunähern. Außerdem gewöhnt sie sich dabei an die Kamera und man lernt sich gegenseitig besser kennen. Es ist wichtig, die Zustimmung der Menschen zu gewinnen. Nur so fühlen sie sich wohl, dann stört sie meine Gegenwart auch nicht und sie vertrauen mir soweit, dass sie bereit sind, einen Ausschnitt ihres Lebens mit mir zu teilen.

Heute möchte ich mit meinen Fotos das Geschehen vor mir einfangen und zugleich dem Betrachter das Gefühl zu geben, dass er selbst dabei ist. Das erfordert immer äußerste Konzentration, damit alles – das Herz, der Kopf, die Augen – gleichzeitig und im Einklang miteinander funktioniert. Ich verlasse mich aber auch ein gutes Stück auf meinen Instinkt. Der entscheidende Moment ist, wenn sich all dies harmonisch zusammenfügt.

Viele Pressefotografen wenden sich heute von Agenturen ab, zugunsten von Galerien und dem Kunstmarkt. Weshalb arbeiten sie noch immer lieber für eine Agentur?


Mit einer Agentur zusammenzuarbeiten erleichtert vieles. Zunächst einmal werden meine Bilder sofort angenommen: Das Tempo ist natürlich höllisch und Du stehst die ganze Zeit unter Druck. Du musst immer schnell sein. Das hält mich aber nicht davon ab, Bilder zu machen, die auch in Galerien gezeigt werden können. Die Agentur gibt mir zudem einen großen Rückhalt. Ich habe darüber schon viel mit befreundeten, freischaffenden Fotografen gesprochen, die große Schwierigkeiten haben, ihre Arbeiten zu finanzieren und auch größere Risiken tragen als Agenturfotografen. Sie müssen ihre Aufträge ausführen, koste es, was es wolle. Dazu kommt, dass Konflikte heute unter ganz anderen Vorzeichen ablaufen: die Fotografen sind selbst zur Zielscheibe geworden – man denke da nur an den Arabischen Frühling und vor allem an den Krieg in Syrien, um sich das vor Augen zu führen.

Die Frage lautet doch, ist es das noch wert, so viel zu riskieren, wenn eigentlich jeder Fotos machen kann? Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir im Wettbewerb stehen mit der „Phonografie“: Einige Zeitungen haben ihre Fotografen gefeuert und ihren Journalisten iPhones gegeben. Die Presse räumt den Fotos immer weniger Raum ein. Warum sollte man also eine Agentur verlassen, die noch immer Kunden hat? Reuters hat „The Wider Image“ gestartet, eine iPad Applikation, die jedem praktisch ermöglicht, dasselbe zu machen, wie Fotografen, die mit einer Galerie zusammen arbeiten. Du kannst damit anspruchsvolle Fotoreportagen realisieren, die in der Presse erscheinen, aber auch ausgestellt werden können.

Was halten Sie von einer Pressefotografie, die dramatische Inhalte mit Hochglanzästhetik verbindet?


Heutzutage muss man sich an gewisse Regeln halten. In vielen Ländern, vor allem in Europa, vermeiden es die Zeitungen Bilder zu zeigen, die schockieren. Aber da man die Gräuel der Welt nicht ignorieren oder so tun kann, als ob es sie nicht gäbe, müssen diejenigen, die auf diesem Gebiet arbeiten, einen Weg finden, diese Informationen verfügbar zu machen. Wenn es also möglich ist, einige Szenen aufzupolieren, indem man mit Beleuchtung arbeitet, warum nicht? Aber ich bin absolut dagegen, Bilder zu verfälschen oder Photoshop zu verwenden, um den ganzen Kontext zu verändern.

In den letzten drei Jahren berichteten Sie über den Arabischen Frühling: Tunesien, Libyen, Syrien. Wie war es, diesen historischen Wandel zu dokumentieren?

Die Situation in Tunesien war mir sehr vertraut. Algerier und Tunesier haben eine lange gemeinsame Geschichte, Kultur und Tradition. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die Tunesische Revolution, anders als in Libyen und Syrien, kein Krieg war. Aus Tunesien zu berichten, war wirklich leicht. Ich musste meine Arbeitsweise nicht ändern und habe es sogar genossen, in einem Land zu fotografieren, in dem ich mich merkwürdigerweise zuhause fühlte. In Libyen und Syrien hingegen war es schwieriger. Dort herrschte wirklich Krieg: Kampfgebiete, schwere Artillerie – Gefahren und Tod überall. Man musste immer aufpassen. In Libyen bekam man gar keinen Zugang zur Zivilbevölkerung. Das Fotografieren von Familien ist der libyschen Mentalität fremd, damit musste ich mich abfinden. Daher war es nicht so einfach, das Leid der Menschen dort zu zeigen. Und in beiden Ländern musste man aufpassen, dass man nicht manipuliert wird: Jeder hatte seine eigene Version des Konflikts. In Syrien hingegen arbeitete ich mit den Flüchtlingen zusammen und so unterschiedlich ihre Ansichten auch waren, dort offenbarte sich eine humanitäre Katastrophe, ein ganzes Volk wurde vertrieben.

Seit mehr als zehn Jahren arbeiten Sie jetzt schon in Ländern, die sich im Krisenzustand befinden, in denen Konflikte herrschen. Wie gehen Sie mit den damit verbundenen Gefahren um und wie bereiten Sie sich auf sie vor?


Auch wenn ich oft in “Top News”-Ländern unterwegs bin, mache ich im Vorfeld das Gleiche wie jeder andere Journalist: Ich informiere mich über die Länder und die Konflikte. Außerdem muss ich einen vertrauenswürdigen „Mittelsmann“ finden, der dort auf mich wartet. Überlebenswichtig ist es, die Gefahren schon zu kennen bevor man aufbricht, sowohl die Gefahren für Journalisten als auch für Frauen. Auch andere Informationen sind nötig: Wie geht man mit den Einheimischen um, was sind Tabus, was ist erlaubt? Man muss aufpassen, dass man sich den Leuten nicht auf falsche Weise annähert. Noch viel wichtiger ist es aber, dass man sie nicht wütend macht.

Wenn man auf dem Weg in ein Krisengebiet ist, muss man mit allem rechnen; man kann es sich nicht leisten, zu glauben, dass man die Kontrolle besitzt. Alles kann überall passieren und niemand kann dich davor schützen, bombardiert zu werden. Man muss sicher gehen, dass man mit Leuten unterwegs ist, denen man vertrauen kann und die dich zumindest davor bewahren können, entführt zu werden. Das ist unerlässlich. Wie schon gesagt, sind Journalisten in heutigen Konfliktgebieten Angriffsziele. Es gibt auch politische Angelegenheiten, die sich einem Fotografen entziehen, und ich glaube nicht, dass dich irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen dagegen wappnen können. Es ist Aufgabe des Fotografen, vorsichtig und aufmerksam zu bleiben, nicht das erstbeste Hilfsangebot anzunehmen, sondern ein Gespür für die jeweilige Situation zu haben und sich nicht auf eine politische Seite zu schlagen.

Gerade leben Sie in Pakistan und reisen viel in Afghanistan. Eine völlig neue Welt?

Absolut. Es ist hier sehr schwer für Frauen. Es macht keinen Unterschied, ob man eine Fremde oder Einheimische ist. Ich kleide mich sogar anders.

Nach mehr als zwanzig Jahre in Ihrem Beruf, was glauben Sie, hat sich an Ihrer Vorgehensweise geändert?

Ich fühle mich reifer. Mich wirft nichts mehr so leicht aus der Bahn, anders als damals als ich anfing. Ich stelle höhere Ansprüche an mich selbst, achte mehr auf Details und tue was immer ich kann, um nicht der Sensationsgier zu verfallen.