Zusammengesetzte Realitäten
Jeff Chien-Hsing Liao im Museum of the City of New York

Straßenfotografie für das 21. Jahrhundert: Montiert aus Hunderten von Einzelbildern, zeigen Jeff Chien-Hsing Liaos hyperreale Panoramen die ganze Dynamik New Yorks. Die Deutsche Bank ist Sponsor seiner Werkschau, die jetzt im Museum of the City of New York zu sehen ist.
Besser werde ich nie – diese ernüchternde Erkenntnis überkommt Jeff Chien-Hsing Liao während seines Praktikums bei der Fotoagentur Magnum. Hier kann er die Aufnahmen von Klassikern der Dokumentarfotografie wie Henri Cartier-Bresson oder Bruce Davidson genau studieren und sieht, dass ihre Bilder eine kaum zu übertreffende Qualität besitzen. Doch Liao lässt sich nicht entmutigen. Im Gegenteil. Er wird in den nächsten Jahren seine ganz eigene Ästhetik und Arbeitsweise entwickeln – eine High-Tech-Version klassischer Straßen- und Stadtansichten.

Inspiriert wird er dabei vor allem von zwei Fotokünstlern, die auf ganz spezifische Art das Spannungsverhältnis zwischen Fakt und Fiktion erkunden: Gregory Crewdson mit seinen surrealen, filmischen Tableaus, die er mit großem Aufwand inszeniert, und Andreas Gursky, dem Meister des tiefenscharfen Großformats. Der Besuch seiner Retrospektive 2001 im MoMA wird für Liao zum Schlüsselerlebnis. Gurskys detailreiche, wandfüllende Fotoarbeiten zeigen Phänomene einer globalisierten Massengesellschaft – und dennoch sind seine Bilder von Börsen, Raves oder vollgepackten Supermarktregalen nicht im klassischen Sinne dokumentarisch. Die Wirklichkeit ist zwar ihre Basis, doch Gursky bearbeitet seine Aufnahmen am Computer, verschmilzt mehrere Ansichten des gleichen Motivs zu einem einzigen Bild. Alles erscheint bei ihm bigger than life, auch der letzte Winkel ist scharf – Gurskys Werke zeigen mehr, als das menschliche Auge zu sehen vermag. Eine ähnliche Strategie wird Liao mit seinen New-York-Panoramen verfolgen.

Das erste Projekt, bei dem der junge Fotograf einen dokumentarischen Ansatz mit digitaler Bildbearbeitung verbindet, ist die Abschlussarbeit an der New Yorker School of Visual Arts. Sein Thema findet er vor der Haustür: Seit 1999 wohnt Liao in Queens. In Taiwan aufgewachsen, zog er mit 18 in die, wie er sagt, „vielfältigste Gegend der Welt. Hier werden mehr als 150 Sprachen gesprochen. Jeder Migrant bringt seine eigene Kultur mit nach Queens und erzeugt so dieses unglaublich lebendige gesellschaftliche Umfeld“. Habitat 7 nennt er seine Serie, an der er von 2004 bis 2006 arbeitet. Die Bilder entstehen entlang der Subway-Linie Nr. 7, die Queens mit dem Times Square in Manhattan verbindet. Fast täglich nutzt er den sogenannten „International Express“, um ins Zentrum zu fahren. Aus den Abteilfenstern der Hochbahn sieht er die Geschäfte, Restaurants und Werkstätten, die von Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt betrieben werden. „Ich betrachte die Linie 7 als einen Lebensraum von Immigranten, die dem typischen American Dream folgen und dabei ihre ethnischen Traditionen bewahren."

Eine seiner „Sozialstudien“, wie er seine Großformate nennt, zeigt die Straßenkreuzung Roosevelt Avenue / 69th Street. Jedes Detail ist hier zu erkennen: die philippinische Flagge, die über Krystal's Cafe & Pastry Shop weht, die Zettel im Schaufenster, mit denen Krystal nach einem „Filipino Cook“ und einem „Cake Decorator“ sucht, Werbung für den Glamour Unisex Hair Saloon. Man sieht einen Obdachlosen, der einen Abfallbehälter inspiziert, Autos, Passanten, Wartende. Es sind Szenen aus dem Alltag von Woodside, einer Nachbarschaft, die früher vor allem von Iren bewohnt wurde. Inzwischen ist hier ein „Little Manila“ entstanden, Migranten von den Philippinen prägen das Straßenbild. 69th Street, Woodside, Queens aus der Sammlung Deutsche Bank ist typisch für Habitat 7. Liao fotografiert die Szenerie aus einer gewissen Distanz – ähnlich der Totale in einem Kinofilm. Statt sich auf einzelne Protagonisten zu konzentrieren, für die die Straße nur als eine Art Hintergrundfolie fungieren würde, zeigt er die Menschen in ihrem sozialen Kontext. In seinen Panoramen friert Liao einen verdichteten Eindruck der Atmosphäre vor Ort ein – zu einem Tableau, in dem das Auge ganz in Ruhe von einem Detail zum nächsten wandern kann.

Liaos Arbeitsmethode ist das absolute Gegenteil spontaner Straßenfotografie. Bevor er ein Motiv aufnimmt, macht er sich intensiv mit der Situation vor Ort vertraut – mit den Menschen, die dort unterwegs sind, der Architektur, den Lichtverhältnissen. Dann rückt er mit seiner 8x10 Großformat-Kamera, Stativ und Filmen an – ganze 50 Pfund ist sein Equipment schwer. Das jeweilige Motiv teilt er in drei Segmente auf, von denen er jeweils bis zu zehn Einzelaufnahmen macht. Die Negative werden eingescannt und schließlich am Computer zu einer Panoramaansicht kondensiert. Die Arbeit an einem Bild kann bis zu zwei Wochen dauern.

Es sind Fragmente der Wirklichkeit, die Liao miteinander verschmilzt. Assembled Realities, zusammengesetzte Realitäten, lautet dann auch der Titel der ersten großen Schau seiner New York-Bilder. Über vierzig dieser Großformate aus den vergangenen zehn Jahren sind jetzt in der von der Deutschen Bank gesponserten Ausstellung im Museum of the City of New York zu sehen. Assembled Realities gleicht einer Reise durch alle fünf Bezirke New Yorks – mit Zwischenstopps an Attraktionen wie dem Flatiron Building, dem Shea Stadium oder Nathan’s, dem berühmten Imbiss auf Coney Island. Man setzt mit der Fähre nach Staten Island über, hat grandiose Ausblicke auf die Skyline von Manhattan oder die Art Déco-Bauten am Grand Concourse in der Bronx. Zwischen den spiegelnden Hochhausfassaden und den leuchtend-bunten Schaufenstern und Reklamen wirkt die historische Subway-Station an der 72. Straße wie ein Fremdkörper – ein leicht absurdes Relikt vergangener Zeiten.

Beim Gang durch die Ausstellung wird eines ganz offensichtlich: Der irreale Charakter von Liaos Bildern hat mehr und mehr zugenommen – besonders, seitdem er auch mit einer Digitalkamera arbeitet: „Seit 2010 erkunde ich diese neuen Möglichkeiten der Fotografie und montiere meine Bilder jetzt aus einigen Dutzend, manchmal sogar ein paar Hundert Aufnahmen zusammen. Außerdem spiele ich mit Schärfen und Unschärfen. In meinen neueren Arbeiten geht es um das Gleichgewicht zwischen weichen und harten, warmen und kalten Passagen.“ Wie ein Maler fügt er die verschiedenen Bildelemente zusammen, um seinen persönlichen Eindruck des jeweiligen Motivs festzuhalten.

Mit seinen Panoramen gelingt es Liao die ganze Dynamik der Stadt, die niemals schläft, in Bildern zu fassen. Und auch ihren Wandel: Das Shea Stadium, wo die New York Mets bis 2008 ihre Heimspiele austrugen, wurde inzwischen abgerissen und durch das Citi Field ersetzt. Und natürlich hat er auch den Neubau des World Trade Centers dokumentiert. Parallel zur Ausstellung erscheint sein schlicht New York betiteltes Buch, das ebenfalls eine Bilanz seiner Arbeit zieht. Zeit also für etwas Neues. Sein nächstes Projekt ist bereits in Arbeit – er fotografiert die Nachtmärkte in Südost-Asien. Das Überangebot aus Ständen, Waren, Lichtern, Reklamen und die sich durch die Gänge drängelnden Menschen ist ein ideales Sujet für Liao. Und vielleicht besitzt er nach seinen Jahren in New York jetzt genau den Abstand, der nötig ist, um dieses visuelle Chaos zu bändigen und in Bilder zu fassen.
Achim Drucks

Jeff Chien-Hsing Liao's New York:
Assembled Realities

15.10.2014 – 15.02.2015
Museum of the City of New York