Einer der besten Maler der Gegenwart
Chris Ofili erleuchtet das New Museum

Sie ist zurück in New York – Chris Ofilis skandalumwitterte Holy Virgin Mary. Als das Gemälde 1999 im Brooklyn Museum präsentiert wurde, sorgte es für einen Sturm der Entrüstung. Bürgermeister Rudolph Giuliani diffamierte es als “sick stuff” und kündigte an, dem Museum die Fördergelder zu streichen. Damals wurde das Bild im Rahmen der umstrittenen Gruppenschau Sensation präsentiert. Jetzt ist The Holy Virgin Mary in einem anderen, weniger aufgeregten Kontext zu sehen – der großen Ofili-Retrospektive im New Museum. Als Teil eines künstlerischen Werks, das eine wirkliche Sensation darstellt und das nicht auf Grund provokanter Inhalte, sondern wegen seines unglaublichen visuellen Reichtums. Night and Day, so der Titel der Schau, zelebriert die Malerei. Sinnlich und spirituell zugleich hat sie selbst Star-Kritiker Jerry Saltz begeistert. „Atemberaubend“ lautet sein Urteil.  

Die von Kurator Massimiliano Gioni chronologisch geordnete Ausstellung füllt gleich drei Stockwerke des Museums. Sie beginnt in der zweiten Etage mit den psychedelischen Gemälden aus Ofilis Londoner Jahren. Tausende von Punkten, Plastikperlen, Glitter und ausgeschnittene Magazinbildern überziehen ihre Oberflächen. Dabei verarbeitet er ebenso selbstverständlich Einflüsse aus der Hip-Hop-Kultur wie Höhlenmalerei aus Zimbabwe. Rodins Denker lässt er in Gestalt einer schwarzen Stripperin wiederauferstehen.

Die objekthafte Präsenz der Gemälde wird durch ihre Präsentation verstärkt: Sie hängen nicht an der Wand, sondern stehen auf kleinen Sockeln aus mit Kunstharz überzogenem Elefantendung. Seit dem er das Material 1991 während eines Kunstworkshops in Zimbabwe entdeckt hatte, war er von seiner runden Form fasziniert und begann es in seiner künstlerischen Arbeit zu verwenden. So auch bei seinem Bild der Muttergottes. Dass der Einsatz dieses Materials für den ehemaligen Messdiener nichts mit Blasphemie zu tun hat, macht No Woman, No Cry glasklar. Auch dieses Bildnis zeigt eine Frau, die ihren Sohn verloren hat, und es ruht auf Elefantendung. Ofili schuf es als Hommage an Doreen Lawrence. Ihr Sohn Stephen fiel einem rassistisch motivierten Mord zum Opfer und sie musste jahrelang für die Verurteilung der Täter kämpfen. Ihre Tränen bestehen aus collagierten Fotos ihres erstochenen Sohnes. Das berührende Bild war Teil der Ausstellung, für die Ofili 1998 als erster schwarzer Künstler mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde.

Während er an manchen seiner Gemälden jahrelang arbeitet, entstanden seine Afro Muses (1995 – 2005) jeweils in einem einzigen Arbeitsgang. 90 Aquarelle aus dieser Serie, mit der Ofili auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, hängen im New Museum auf einer großen, braun getönten Wand. Sie zeigen stolze Frauen, deren bunt schillernde Gewänder ebenso fantastisch erscheinen wie ihre Frisuren. Der Maler verleiht seinen Afro Muses eine majestätische Aura, die in der Kunstgeschichte ausschließlich weißen Herrscherinnen zugebilligt wurde.

Betritt man die Ausstellungsräume in der dritten Etage, wird einem bewusst, wie radikal sich Ofilis Œuvre seit 2005 verändert hat, dem Jahr, in dem er mit seiner Familie auf die Karibikinsel Trinidad übersiedelt. Die Augen müssen sich hier zuerst an das dämmrige Licht gewöhnen und doch ist es nicht immer leicht zu erkennen, was auf diesen Leinwänden zu sehen ist. „Einige der tiefblauen Bilder wirken sehr dunkel, doch sie sind tatsächlich auf silbernen Untergründen gemalt“, erläuterte der Künstler in einem Interview mit ArtMag. „Die erste Farbe, die ich auftrage, ist Silber. So erzielt man dieses starke Leuchten, das hinter dem Blau hervor scheint – fast wie Mondlicht, silbriges Mondlicht.“ Neun dieser Gemälde sind hier in einer von Mark Rothkos Kapelle in Houston inspirierten Architektur zu sehen. Sie zeigen melancholisch-schöne Paradiese, bewohnt von Heiligen, biblischen Sündern und verführerischen Göttinnen. Doch Ofili behandelt auch gesellschaftliche Themen: So zeigt Blue Devils (2014) ein Beispiel von gegen Schwarze gerichteter Polizeibrutalität.   

Nach diesen nächtlichen, fast monochromen Szenen leuchten die Gemälde in der vierten Etage noch intensiver. Hier findet sich der vielleicht überwältigendste Raum der Ausstellung: Auf mit violetten Blüten, Farnen und Zweigen bemalten Wänden ist eine Auswahl seiner jüngsten Arbeiten zu sehen. Souverän verarbeitet er Einflüsse von Matisse, Gauguin oder Picasso zu ebenso komplexen wie schönen Kompositionen, die doch ganz seine eigenen sind. Lime Bar (2014) zeigt eine Szene aus dem StudioFilmClub, den sein Freund Peter Doig in Port of Spain ins Leben gerufen hat. Hier macht Ofili gelegentlich die Bar. Auf dem Bild steht er mit weißem Hemd und schwarzer Fliege hinter dem Tresen, während im Vordergrund ein Paar an seinen Martinis nippt – ein sympathisch zurückhaltendes Selbstporträt für einen der besten Maler der Gegenwart.  
Achim Drucks

Chris Ofili: Day and Night
bis 25. Januar 2015
New Museum, New York