Notes for Now
Prospect.3 in New Orleans

Hinter blutroten Vorhängen beschwört Carrie Mae Weems die Geister der Vergangenheit: Zu einem Jazz-Soundtrack lässt die Künstlerin eine Parade von sprechenden Hologrammen auftreten. Ob schwarze Aktivistin, Boxer oder Playboy-Bunny – alle ihre Charaktere erzählen von persönlichen Verletzungen, dem Fortbestehen des Rassismus und persönlichen Rachegefühlen. Zu sehen ist die hypnotische Installation Lincoln, Lonnie and Me im Museum of African-American Art – im Rahmen von Prospect.3, der Biennale von New Orleans. Auch mit ihrer Foto- und Video-Arbeit Louisiana Project taucht Weems tief in die amerikanische Geschichte ein. Anhand des Mardi Gras zeigt die Künstlerin, die mit Arbeiten aus dieser Serie auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, wie stark Gesellschaft des heutigen New Orleans noch von den kulturellen Mustern der Vergangenheit geprägt ist.

"Carrie Mae Weems Werk steht für vieles, was ich mit dieser Biennale diskutieren möchte”, erklärt der künstlerische Direktor von Prospect.3, Franklin Sirmans. „Unbeirrbar und mit großer Aufrichtigkeit analysiert sie, wie wir Menschen einander lieben aber auch hassen und wie wir versuchen, auf diesem Planeten zusammenzuleben.“ Notes for Now, Anmerkungen zur Gegenwart, lautet der Titel seiner Biennale. Unter diesem Motto hat Sirmans, der als Kurator für Gegenwartskunst seit 2010 am Los Angeles County Museum of Art (LACMA) für frischen Wind sorgt, eine Schau zusammengestellt, die sich auf die spezifische Situation vor Ort in New Orleans einstellt. Ebenso stark geht es ihm aber auch um allgemeingültige Themen wie Gefühle, Identität und die Verständigung über Formen des Zusammenlebens. Insgesamt 58 Positionen hat Sirmans ausgesucht, zu sehen sind sie an 18 Orten im gesamten Stadtgebiet. Der Eintritt ist wie bei den vorausgehenden Prospect-Ausgaben frei, um möglichst vielen Einwohnern und Gästen der geschichtsträchtigen Stadt mit ihrem reichen kreolischen Erbe die Teilnahme zu ermöglichen.

Sirmans Künstlerliste weist einige Überraschungen auf – etwa den Post-Impressionisten Paul Gauguin, Tarsila do Amaral, die Wegbereiterin der brasilianischen Moderne, oder Jean-Michel Basquiat, dessen Verbindungen zu den Südstaaten in der kleinen Ausstellung Basquiat and the Bayou im Ogden Museum of Southern Art nachgegangen wird. Die lokale Szene vertreten so unterschiedliche Künstler wie Zarouhie Abdalian mit ihren subtilen Interventionen im öffentlichen Raum, die Folk Art Legende Herbert Singleton oder Douglas Bourgeois. Seine detailreichen Gemälde verstehen sich als Hommage an Größen der „schwarzen“ Musik wie Aretha Franklin oder Bobby Womack. Daneben hat Sirmans Positionen wie David Zink Yi oder Camille Henrot ausgewählt. Künstler, die für eine jüngere Generation stehen. Ihre Arbeiten realisieren sie auf der ganzen Welt und lassen dabei die menschliche Identität immer als Konstrukt, als etwas Gebrochenes, Heterogenes erscheinen.

Besonders spannend sind zwei Fotoprojekte, die im Rahmen von Prospect.3 präsentiert werden. In seiner Serie über die bizarr kostümierten Darsteller des nigerianischen „Nollywood“-Kinos zeigt der Südafrikaner Pieter Hugo, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, eines der wenigen Beispiele afrikanischer Selbstrepräsentation in den Massenmedien. Keith Calhoun und Chandra McCormick dokumentieren dagegen seit 30 Jahren die Situation der Afroamerikaner in New Orleans. Eines der Langzeitprojekte des Ehepaars widmet sich mit dem „Alcatraz des Süden“, dem Louisiana State Penitentiary. In präzisen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen sie den Alltag im größten Hochsicherheitsgefängnis der USA, die Isolation in den Zellen, die harte Arbeit auf den Feldern und die seltenen Begegnungen der Gefangenen mit ihren Frauen und Kindern.  

Die erste Prospect-Ausgabe wurde von Dan Cameron initiiert – als Reaktion auf die verheerenden Folgen von Hurrikan Katrina. Sie eröffnete im November 2008 mit Beiträgen von 80 Künstlern wie Cao Fei, Katharina Grosse, William Kentridge oder Wangechi Mutu. Die bislang größte Ausstellung der Stadtgeschichte begeisterte die Kritiker, hinterließ allerdings auch tiefrote Zahlen. Dementsprechend fiel die Prospect.2 (2011/12) weitaus bescheidener aus. Jetzt möchte die Biennale sich neu positionieren. Standen die ersten beiden Ausgaben noch ganz im Zeichen des Wiederaufbaus der Stadt, hat sich der Fokus diesmal erweitert.

Doch der Gedanke, dass Kunst soziale Realitäten nicht nur kommentieren, sondern auch ändern kann, spielt für die Prospect noch immer eine zentrale Rolle. Für diesen Gedanken stehen ganz besonders zwei der diesjährigen Teilnehmer – der japanische Architekt Shigeru Ban und der Künstler Theaster Gates. Ban wurde dieses Jahr für seine kreative Verwendung recyclebarer Materialien wie Papier und Pappe mit dem Pritzker Preis ausgezeichnet und entwickelte unter anderem Notunterkünfte in Ruanda, Haiti und auf den Philippinen. Gates erweckt leerstehende Gebäude und Straßen zu neuem Leben. Gemeinsam mit arbeitslosen Jugendlichen aus seiner Nachbarschaft in South Chicago verwandelte er ein Abbruchhaus in eine Mischung aus Installation und Kulturzentrum, das das von sozialen Problemen geprägte Viertel inspirierte. Der studierte Stadtplaner, dessen Schau 13th Ballad im Chicagoer Museum of Contemporary Art von der Deutschen Bank gefördert wurde, bezeichnet seinen Ansatz als „poetisch-pragmatisch“. Das krisengeschüttelte New Orleans dürfte ein idealer Nährboden für seine Kunst sein.
Achim Drucks

Prospect.3: Notes for Now
25.10.2014 – 25.01.2015
New Orleans