Andere Stimmen, andere Räume
„Herland“ in der 60 Wall Gallery der Deutschen Bank New York

Mit der „Women on Wall Street“-Konferenz stärkt die Deutsche Bank die Rolle von Frauen in der Finanzbranche. Dieses Jahr feiert das Projekt sein 20. Jubiläum.  Aus diesem Anlass zeigt die 60 Wall Gallery der Deutschen Bank New York „Herland“ – eine Schau, in der Künstlerinnen aus der Unternehmenssammlung wiederum Künstlerinnen vorstellen, die sie inspirieren.
Sie ist die Cindy Sherman des postdigitalen Zeitalters: K8 Hardy verkörpert die Gegenentwürfe zu den weiblichen Rollenklischees, die in Modemagazinen oder Filmen propagiert werden. Identität ist für die Performance-Künstlerin vor allem ein soziales Konstrukt – und das lässt sich beliebig verändern. Mit Hilfe von Second-Hand-Klamotten und eigenwilligem Make-Up verwandelt sich K8 Hardy in die unterschiedlichsten Frauenfiguren, die sich jeder Kategorisierung entziehen.

Zu Herland hat K8 Hardy eine ihrer ehemaligen Lehrerinnen eingeladen – die Künstlerin und Filmemacherin Elisabeth Subrin. Sie zeigt Fotoarbeiten zu ihrem Film Shulie, dem Remake einer 1967 entstandenen Dokumentation über Shulamith Firestone, eine Studentin am Art Institute of Chicago. Nur drei Jahre nach Ende der Dreharbeiten sollte Firestone mit ihrem Bestseller The Dialectic of Sex zu einer der wichtigsten Stimmen des radikalen Feminismus werden. Für Shulie stellt Subrin die Dokumentation mit Schauspielern an den Originalschauplätzen nach. Ihr Reenactment spielt mit der Spannung zwischen Fakt und Fiktion und macht dabei klar, dass viele der Probleme, die Firestone schon als Studentin beschäftigten, auch heute noch bestehen – etwa die Diskriminierung von Frauen oder Farbigen in der Arbeitswelt. Zugleich versteht sich Shulie als Hommage an eine Generation, deren Engagement die Frauen von heute viel zu verdanken haben.

Tatsächlich hat sich der ökonomische, politische und soziale Status der Frau in den letzten Dekaden deutlich verbessert. Doch trotz aller Fortschritte ist das Ziel der völligen Gleichstellung von Männern und Frauen noch immer weit entfernt – gerade im Berufsleben. So beträgt etwa der Frauenanteil unter den amerikanischen Vorstandsvorsitzenden weniger als 5 %. Um Frauen in der Deutschen Bank zu stärken, wurde 1991 die Initiative „Women on Wall Street“ gegründet. Mit Erfolg. Beteiligten sich anfangs nur rund 200 Frauen an der „Women on Wall Street“- Konferenz, kamen dieses Jahr zur mittlerweile 20. Veranstaltung der Initiative mehr als 2.000 Besucherinnen. Viele von ihnen arbeiten in leitenden Positionen für bedeutende Wall Street-Unternehmen.

Anlässlich dieses Jubiläums wurden acht Künstlerinnen aus der Sammlung Deutsche Bank eingeladen, jeweils eine Künstlerin, die sie ganz besonders schätzen, für Herland auszuwählen. „Wie die Konferenz feiert auch die Ausstellung Frauen, die etwas Außergewöhnliches geleistet haben. Beide Initiativen setzen auf das feministische Prinzip, die Präsenz von Frauen in ihren jeweiligen Berufsfeldern zu stärken“, erklärt Liz Christensen, Senior Curator der Deutsche Bank. Und das ist in der Kunstwelt ebenso nötig wie in der Finanzbranche. So konstatiert auch Wangechi Mutu in ArtMag: „Viele der geschlechtsspezifischen Unterschiede und Benachteiligungen, mit denen Frauen im Kunstbetrieb drangsaliert werden, existieren auch in jedem anderen beruflichen Bereich. Die Kunstwelt spiegelt all die Probleme wider, unter denen das gesamte System leidet.“

In Herland ist Mutu, die 2010 von der Deutschen Bank als erste „Künstlerin des Jahres“ geehrt wurde, mit der Suite The Original Nine Daughters vertreten. Die neun Töchter entpuppen sich als bizarre Hybride zwischen Mensch und Tier, Pflanze und Maschine. Eingeladen hat Mutu eine der ungewöhnlichsten jungen Künstlerinnen der USA: Saya Woolfalk. „Eine von ihren Installationen zu betreten gleicht dem Besuch eines mysteriösen Museums in einer Art Paralleluniversum“, erklärt Mutu. Woolfalk erschafft einen ganz eigenen spirituellen Kosmos. Bewohnt wird er von Frauen, die sie Empathics nennt. Diese blau-weiß geschminkten, androgynen Science-Fiction-Wesen führen alle Kategorisierungen nach Geschlecht oder Rasse ad absurdum. (Mehr zu Saya Woolfalk lesen Sie in unserem Feature.)

Woolfalks utopischer Ansatz passt perfekt zu Herland. Der Ausstellungtitel bezieht sich auf Charlotte Perkins Gilmans gleichnamigen Roman, in dem die 1935 verstorbene Frauenrechtlerin eine Alternative zu männlich dominierten Gesellschaften entwirft: In einer völlig isolierten Region Südamerikas hat sich eine ausschließlich aus Frauen bestehende Gemeinschaft entwickelt  – eine ideale Welt ganz ohne Krieg und Gewalt, die auf Bildung, Zusammenarbeit, Schöpfergeist und Ästhetik setzt. Gilman veröffentlichte Herland 1915: fünf Jahre später wurde in den USA das Wahlrecht für Frauen eingeführt. Auch ihr Einsatz für die finanzielle Gleichstellung von Frauen wirkte wie ein Aufbruchssignal.

Fast ebenso befremdlich wie Woolfalks  Empathics wirkt auch María Magdalena Campos-Pons. Auf ihren Polaroids inszeniert sich die Künstlerin mit weiß gepudertem Gesicht, auf dem Kopf trägt sie einen mit Federn und Perlenschnüren geschmückten Vogelkäfig. Die Bilder entstanden anlässlich ihrer Performance auf der Venedig Biennale 2013, wo sich die kubanische Künstlerin auf der Piazza San Marco als eine Art multikulturelle Göttin präsentierte. Eher konzeptuell als performativ sind Carrie Mae Weems‘ Fotoarbeiten. Mit dem Rücken zur Kamera steht die afroamerikanische Künstlerin vor einer minimalistischen Sol Lewitt-Skulptur oder dem British Museum. Weems hinterfragt die Rolle, die Kriterien wie Geschlecht oder Rasse bei der Beurteilung von Kunst durch die Institutionen spielen. Auch Ko Siu Lan, die von Cao Fei eingeladen wurde, kritisiert die bestehenden Verhältnisse. Auf ihrem Rubik’s Cube ist das Wort One in Kombination mit Nation, Family, Child, Husband, System, Country, World, Party, Voice zu lesen – ein subtiler Kommentar zum politischen und gesellschaftlichen Druck in ihrem Heimatland China.

Für andere Künstlerinnen in Herland stehen formale Fragen im Vordergrund: Um Farbe, Struktur, Ordnung und Harmonie geht es in den Kompositionen von Fanny Sanín, die im Dialog mit Soledad Salamés auf Filz gedruckter Ansicht der Brooklyn Bridge zu sehen sind. Dabei ergeben sich erstaunliche Korrespondenzen zwischen Saníns streng geometrischen Studien und dem konstruktiven Design der Brücke. Judy Pfaff lässt auf ihrer Materialcollage A Thing with Feathers (2012) teils gemalte, teils applizierte Formen wie Herbstlaub umher wirbeln. Technisch statt organisch kommt dagegen Keltie Ferris Gemälde Trio daher – auf einem bunten, gepixelten Hintergrund lässt sie an Graffiti erinnernde Linien tanzen. „Seitdem ich Keltie Ferris‘ Ausstellung gesehen habe, setzte ich mich für sie ein“, erklärt Pfaff. „Sie steht für eine neue Generation, die die Möglichkeiten abstrakter Malerei wirklich erweitert hat.“  

Auch Barbara Astman hat mit Sondra Meszaros eine jüngere Künstlerin eingeladen. Beide sind in Herland mit fast geisterhaft wirkenden Arbeiten vertreten: Für ihre Serie I As Artifact hat Astman abgenommene kosmetische Gesichtsmasken fotografiert: Vor einem tiefschwarzen Hintergrund gleichen diese fragilen Strukturen archaischen Artefakten. Meszaros lässt auf ihrer großformatigen Kohlezeichnung eine mystische Gestalt mit der Landschaft verschmelzen.

Miwa Yanagi dagegen blickt auf eine Generation zurück. Sie hat mit Ishiuchi Miyako eine der wenigen Frauen ausgewählt, die sich in der von Männern dominierten japanischen Fotoszene durchsetzen konnten. Zu sehen sind drei ihrer intimen, in Schwarz-Weiß gehaltenen Interieurs aus den späten 1970er-Jahren. Yanagi selbst präsentiert eine ihrer großformatigen Arbeiten aus der Serie My Grandmothers. Ihre Aufnahmen zeigen, wie sich junge Frauen ihr Leben in 50 Jahren vorstellen. So imaginiert sich Yuka im Beiwagen eines Motorrads, das über die Golden Gate Bridge donnert. Ihr knallrot gefärbtes Haar weht im Wind, sie schreit vor Glück. Yanagis mit Hilfe von Make Up und digitalen Retuschen gealterte „Grandmothers“ verweigern sich allen traditionellen Rollenklischees – eine Haltung, die auch die Künstlerinnen von Herland teilen dürften.
Achim Drucks

Herland
bis 17.03.2015
60 Wall Gallery
Deutsche Bank, 60 Wall Street, New York