Abschied vom Klischee
Fotografinnen eröffnen einen neuen Blick auf den Nahen Osten

Nicht erst seit dem Arabischen Frühling nehmen sie die Kamera in die Hand. Heute sind Fotografinnen aus Nordafrika und dem Nahen Osten aus der internationalen Kunstszene nicht mehr wegzudenken.
Zuerst kamen die geopolitischen Wirren der 1980er- und 1990er-Jahre, dann die Folgen des 11. September 2001. Zehn Jahre später waren es die Unruhen des Arabischen Frühlings, und jetzt ist es der Vormarsch der IS-Truppen in Syrien und im Irak, der das weltweite Medieninteresse auf Nordafrika und den Nahen Osten, die sogenannte MENA-Region, lenkt. Die Konflikte und radikalen Umbrüche im Nahen Osten fordern zum Umdenken auf, lassen an überkommenen Rollenbildern und Identitätsbegriffen zweifeln. Es ist ganz deutlich, dass in dieser Situation auch neue visuelle Repräsentationsformen gefunden werden müssen. Und genau aus dieser Notwendigkeit bezieht die Gegenwartskunst in der Region ihre Dringlichkeit und Kraft – allem voran die Videokunst und Fotografie.

Angesichts der Berichterstattung aus dem Westen wird deutlich, wie sehr es an Allgemeinwissen über den „Orient“ mangelt, der bisher vor allem als das absolut Fremde oder gar Feindliche wahrgenommen wurde. Stattdessen umgibt die aktuelle Kunst aus diesen Ländern eine fast modische Aura – immer mehr Künstler aus dem Nahen Osten werden zu internationalen Themenschauen und Biennalen eingeladen.

Ohne es selbst wirklich zu wollen, sind die Künstler des Nahen Ostens so zu Botschaftern, Anthropologen und Sprechern ihrer eigenen Kultur geworden. Fast zwangsläufig müssen sie ideologische, politische und gesellschaftliche Unterschiede überbrücken. Sie müssen Dialoge ermöglichen oder dabei helfen, eine verbindende Weltsicht zu entwickeln. Ihnen ist es zu verdanken, dass der Westen inzwischen ein moderneres und vielfältigeres Bild des Orients hat. Erstaunlicherweise waren es gerade Frauen, die eine Kamera in die Hand nahmen und zu Pionierinnen der Medienkunst in der Region wurden. Sie setzten sich gezielt mit den Wirkungsmechanismen von Fotografie auseinander und gaben ihr neue Impulse, indem sie festgefahrene Vorstellungen ihrer Rolle als Frau beständig hinterfragten.

Im Nahen Osten der 1990er- Jahre waren es vor allem Presse und Dokumentarfotografinnen, die unter den schwierigsten Bedingungen über soziale Themen und Konflikte berichteten. Aber es gab auch damals bereits Fotografinnen, die das Medium im Bereich der bildenden Kunst einsetzten – als strategische Reaktion auf stereotype Bilder, in denen sie sich als Opfer oder Fantasieobjekte dargestellt fühlten. Ihre Werke zeichneten sich dabei nicht nur durch komplexere, herausfordernde Kompositionen, sondern häufig auch durch eine Kritik am eurozentrischen Blick auf den Orient aus.

Diejenigen, die sich eher als Pressefotografinnen verstanden, mussten sich zunächst in einer rein männlichen, bis dahin ausschließlich von Machostrukturen beherrschten Welt behaupten. Zohra Bensemra verdiente in den 1990er-Jahren ihre ersten Sporen im zehnjährigen algerischen Bürgerkrieg. Seitdem hat die Fotojournalistin, deren Werk in den Deutsche Bank-Türmen eine ganze Etage gewidmet ist, für Reuters von Kriegen und Unruhen in ganz Nordafrika und dem Mittleren Osten berichtet. Ihre Bilder zeigen unschuldige Opfer von Verbrechen, Frauen und Kinder, und dokumentieren die mörderische Gewalt der Männer. Aber Bensemra versucht auch, die in den Krisengebieten seltenen Momente der Ruhe und Würde festzuhalten.

In den 2000er-Jahren entwickelte sich aus diesen journalistischen Ansätzen eine viel persönlichere Herangehensweise. Dabei standen nach wie vor politische und gesellschaftliche Themen im Vordergrund, wie etwa die Urbanisierung, das explosive Wachstum der Vorstädte und Slums, die daraus resultierenden Lebensbedingungen und sozialen Gegensätze. Dass heute subjektiver fotografiert wird, liegt auch an einer Veränderung der Medienlandschaft. Mit dem Beginn des Arabischen Frühlings kam der „Graswurzeljournalismus“ auf, bei dem Bürger die Berichterstattung und die Verbreitung von Nachrichten im Internet oder auf Blogs selbst übernehmen. Frauen spielen hierbei eine ebenso wichtige Rolle wie Männer. Die Anzahl der Dokumentaraufnahmen, die in Tunesien, Ägypten und Syrien von Künstlerinnen und jungen Fotografinnen gemacht wurden, ist unglaublich hoch – ebenso wie die der künstlerischen Arbeiten, die in der Auseinandersetzung mit dem Arabischen Frühling entstanden. Eine wichtige Rolle der sozialen Netzwerke war die Verbreitung fotografischer Bilder, die vorher unter der Kontrolle der jeweiligen Machthaber gestanden hatten. Bis dato war es zum Beispiel strengstens verboten gewesen, auf öffentlichen Plätzen zu fotografieren.

Ein weiterer Fortschritt war die aktive Teilnahme und Mitbestimmung der Bürger, die vorher von der offiziellen Propaganda unterdrückt worden war. Der bedeutende Anteil, den die Frauen an einer neuen, sozial engagierten Form der Dokumentarfotografie haben, spiegelt sich auch in der Gründung von Rawiya wider, einem Kollektiv junger Frauen aus dem Nahen Osten. Lichtjahre von der reißerischen Berichterstattung der Massenmedien entfernt, nähern sie sich in ihren thematischen Serien den Menschen mit großer Feinfühligkeit. So zeigt etwa Tanya Habjouqa den Alltag in den syrischen Flüchtlingslagern und in Gaza, während Myriam Abdelaziz die Kinderarbeit in den Steinbrüchen im ägyptischen Menya in fast malerisch anmutenden Bildern festhält.

Zugleich haben die Abwesenheit einer nationalen Presse und schwindende Einkommensquellen die dokumentarisch orientierten Fotografinnen nach anderen Möglichkeiten der Veröffentlichung suchen lassen, zum Beispiel in Galerien oder durch institutionelle Auftragsarbeiten. Dadurch waren sie gezwungen, ihre Themen mit den formalen Fragestellungen der bildenden Kunst zu verbinden. Dass die Szenen im Nahen Osten so vital und substanziell sind, liegt auch an der Eigeninitiative vor Ort: Es waren vor allem Künstler und Künstlerinnen, die Projekträume und neue kreative Netzwerke gründeten, um mehr Präsenz zu erlangen.

Die Künstlerinnen der Region stammen aus komplexen, vielfältigen Kulturen und häufig geht es ihnen gerade darum, die Elemente dieser Kulturen zu dekonstruieren und für sich neu zu besetzen. Es erstaunt nicht, dass Porträt und Selbstporträt zu Mitteln erster Wahl wurden. Als Inbegriff der Repräsentation erlauben sie den Künstlerinnen sowohl mit der Abbildung als auch mit den Interpretationen, die sie auslösen, zu spielen. Zugleich machten Künstlerinnen die Machtverhältnisse und Unterdrückungsmechanismen sichtbar, die sich unterschwellig im Porträt verbergen. So ist Shirin Neshats Mitte der 1990er-Jahre entstandene Serie Women of Allah mit ihren „kalligrafierten“ Porträts verschleierter Frauen der erste wirklich moderne Gegenentwurf zu den Stereotypen, die der westliche Blick auf die Frauen des Orients hervorgebracht hatte. Vor allem jedoch stellt Neshat die sexistische, religiöse und militärische Unterdrückung im Iran nach der Revolution an den Pranger, während sie zugleich auch Formen der künstlerischen Repräsentation per se hinterfragt.

In ihren Serien, wie etwa Girls in Cars von 2005, zeichnet Shirin Aliabadi ein Jahrzehnt später das Bild einer anderen iranischen Gesellschaft: Die Frauen von Teheran finden immer einen Weg, sich nach der neuesten Mode zu kleiden. Sie haben Methoden entwickelt, die ihnen auferlegten religiösen Beschränkungen auf geschickte Weise zu unterlaufen. Aliabadi kritisiert das System, das die Frauen auf ihre Erscheinung reduziert, und die klischeehaften Vorstellungen, die im Westen über iranische Frauen kursieren.

Die palästinensische Künstlerin Raeda Saadeh fotografiert sich hingegen in äußerst persönlichen, szenischen Performances. In ihnen rekonstruiert sie klassische Frauendarstellungen aus der westlichen Kunst- und Kulturgeschichte oder der Märchenwelt der Gebrüder Grimm. Ihre Serien werfen einen sarkastischen Blick auf kulturelle Diskrepanzen und mentale und geografische Entfremdungen, die durch den palästinensischen Territorialkonflikt auf allen Beteiligten lasten.

Eine ganz andere Perspektive auf Tradition und Geschlechterrollen entwickelt die in Frankreich geborene Algerierin Zineb Sedira. In ihren frühen Arbeiten, mit denen sie auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, untersucht sie die konservativen Werte, die ihr die nach Paris ausgewanderte Mutter vermittelte, und lenkt den Blick auf die daraus resultierenden Konflikte, die ihre multikulturelle Identität prägten. Mit ihrer Video-Installation Floating Coffins erlangte Sedira 2009 internationale Bekanntheit: In der Tradition romantischer Landschaftsmalerei zeigt sie verrostete Schiffswracks und Tankerfriedhöfe, die die mauretanische Küste säumen – Zeugnisse der Umweltzerstörung und der vergeblichen Träume vom Wohlstand in einer globalisierten Welt.

In einer Region, in der über lange Zeit die Unterordnung unter die Gemeinschaft vorherrschte, führt das Aufkeimen von individuellen Wünschen zu Konflikten. Die Globalisierung und der freie Markt wecken die Hoffnung auf ein besseres Leben für jeden, doch schon bald zeigt sich, dass dieser Reichtum ungleich verteilt wird. Seitdem sie ihre Karriere mit einer Serie von Dokumentarfotografien begann, beobachtet Yto Barrada die Veränderungen in ihrer Heimatstadt Tanger. Hier geht die urbane und wirtschaftliche Expansion mit eklatanter sozialer Ungleichheit einher. Verstärkt wird diese durch lähmende Traditionen, Armut und Unterdrückung. Yto Barrada, die 2011 „Künstlerin des Jahres“ der Deutschen Bank war, enthüllt die zerstörten Illusionen und Träume der Menschen, die beim Blick über die Straße von Gibraltar auf bessere Zeiten hoffen. Die Meerenge gilt gemeinhin als Symbol des Transits zu den Orten unbegrenzter Möglichkeiten – in Barradas Bildern wird sie zu einer Allegorie der Entzauberung.

Die rasante Expansion einiger Städte und die Ausweitung der Konsumgesellschaft thematisieren auch andere Fotografinnen. So betrachtet Maha Maamoun, die ebenfalls in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, den Binnentourismus in Ägypten. In ihren Postkartenidyllen voll illusorischer, vorfabrizierter Bilder schildert sie die Freizeitaktivitäten der noch aus der Ära Mubaraks stammenden Mittelschicht als Vergnügen einer Minderheit, das auf Kosten der großen Mehrheit stattfindet.

Die Kreativität und Komplexität, mit der sich diese Fotografinnen und Künstlerinnen sozialen Realitäten annähern, hat ihnen nicht nur eine wichtige Stimme in Nordafrika und im Nahen Osten, sondern auch in der internationalen Kunstwelt verliehen. Sie dokumentieren die Wirklichkeit und entwickeln emanzipatorische Sichtweisen sowie komplementäre Welten, die selbst im kosmopolitischen Kunstbetrieb so bislang nicht zu sehen waren. Mit ihrer neuen und differenzierten Sicht auf eine Region im Umbruch fordern sie zu einem interkulturellen Dialog auf.


Michket Krifa lebt in Paris und ist eine freie Kuratorin und Autorin mit dem Schwerpunkt auf Afrika und den Nahen Osten.