Let’s talk:
Neo Rauch, Götz Adriani & Friedhelm Hütte über den Schlaf der Vernunft

Zusammen mit Werkzyklen von Sigmar Polke, Gerhard Richter, Georg Baselitz und Arnulf Rainer sind jetzt in der Deutsche Bank KunstHalle auch kaum bekannte Zeichnungen von Neo Rauch aus der Sammlung Frieder Burda zu sehen. Doch aus welchen Quellen schöpft der Leipziger Maler, wenn er zeichnet?
GÖTZ ADRIANI: In der Sammlung Frieder Burda befinden sich nicht nur einige Ihrer Gemälde, sondern auch ein wunderbares Konvolut mit Arbeiten auf Papier, das 2009 angekauft wurde. Welchen Stellenwert haben die Zeichnungen innerhalb Ihres Werkes?

NEO RAUCH: Das ist eben das, was ich immer als Beiwerk bezeichne. Es ist das, was als Rinnsal nebenher plätschert, neben dem großen Strom der Leinwände. Das heißt ja nicht, dass ich es gering schätze. Es ist nur so, dass ich dem nicht die Zeit und die Aufmerksamkeit widme, die es vielleicht verdienen würde. Es ist sogar so, dass ich in abnehmendem Maße darauf hinarbeite, die Sachen präsentabel zu gestalten.


Neo Rauch zählt zu den bedeutendsten Malern der Gegenwart. Mit der Sammlung Deutsche Bank ist er seit Langem verbunden: Bereits 1990 wurden die ersten Werke des Leipzigers erworben; 2001 war eine Auswahl seiner Arbeiten aus der Sammlung im Deutsche Guggenheim zu sehen. In den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen ist seinem Werk eine ganze Etage gewidmet.

Götz Adriani ist einer der profiliertesten Ausstellungsmacher Deutschlands. Als Gründungsdirektor verhalf er der Kunsthalle Tübingen zu inter­natio­nalem Renommee. Seit 2001 unterstützt er Frieder Burda bei der Pro­gramm­ges­tal­tung seines Museums. Hier organisierte Adriani Aus­stel­lun­gen zu Sigmar Polke, Gerhard Richter und Georg Baselitz.

Friedhelm Hütte leitet die Kunstabteilung der Deutschen Bank. Der Kunst­histo­riker hat zahlreiche Ausstellungen aus der Un­ter­neh­mens­samm­lung kuratiert, so auch Sachsen – Werke aus der Sammlung Deutsche Bank. Im Rahmen dieser Schau wurden im Museum der bildenden Künste Leipzig auch frühe Papierarbeiten von Neo Rauch präsentiert.


GA: Was heißt präsentabel?

NR: In den Neunzigern ging es mir noch darum, das Passepartout mitzudenken, die edle Rahmung gewissermaßen schon im Hinterkopf zu haben, während ich an dem Blatt arbeitete. Das spielt für mich jetzt eigentlich kaum noch eine Rolle. Die Zeichnungen sind oftmals sehr viel beiläufiger, sie sind eigentlich Papierexistenzen, die ihr präsentables Wesen erst im Papierschrankfach ausbauen. Sie lagern dort eine Zeit lang, nachdem sie teilweise auf dem Fußboden ihr Dasein fristen mussten, und wenn ich dann nach Monaten das Schubfach aufziehe und den Bestand sichte, dann kommt es vor, dass ich einige von den Blättern dann auch als vorzeigbar ansehe.

FRIEDHELM HÜTTE: Die Zeichnungen aus der Sammlung Frieder Burda sind ja – im Vergleich zu früheren Arbeiten – sehr ausgearbeitet. Gibt es einen bestimmten Hintergrund? Sind die Blätter zu bestimmten Themen oder aus bestimmtem Anlass entstanden? Bilden sie eine Serie?

NR: Ich finde sie eher archaischer als die aktuelle Produktion, die sich ja eher an konventionellen figurativen Parametern orientiert. Wenn man das überhaupt so sagen kann. In den Neunzigern habe ich noch versucht, sehr viel Dunkelheit zu bewältigen und archaische Zeichensetzungen vorzunehmen.

FH: Gab es damals künstlerische Einflüsse, die Sie inspiriert haben?

NR: Ich weiß nicht so recht, wer da alles hineinwirkte seinerzeit, vorbildhaft. Wohl auch Beuys mit seinen Zeichnungen. Das war die Zeit des Umbruchs, die eben auch zunehmend Figuratives mitführte, von einer diffusen Abstraktion herkommend in die präziser gefasste Formulierung hinein. Das sind zunächst Schwebeteilchen, die sich dann aber immer mehr manifestieren und ihren Platz zentral behaupten.

GA: 2009 veröffentlichten Sie unter dem Titel Schilfland einen ausschließlich den Arbeiten auf Papier gewidmeten Band, der 160 Werke enthält und einen Zeitraum von 2005 bis 2009 umfasst. Meint der etwas nebulöse Begriff Schilfland das Ursprungsgebiet, aus dem sich Ideen zeichnerisch entwickeln, den Ort, wo sich auf dem Papier Bewusstes und Unbewusstes, Vages und Bestimmtes begegnen?

NR: Ja, das ist der Bezirk, in dem sich die Ratio aufweicht und in dem wir durch Nebelbänke waten und unsicheren Grund unter den Füßen haben.

GA: Dient das Zeichnen dazu, einen ersten Niederschlag der aus dem Unterbewussten hervorbrechenden Traumgesichter festzuhalten?

NR: Die Zeichnung ist ein unmittelbares Schilfland-Produkt. Das ist das, was ich zwischen den Halmen hervorziehe, während die Leinwände im trockenen Milieu des Ateliers zuwege gebracht werden.

FH: Sie sagten einmal, dass Sie Ihre Zeichnungen nicht als klassische Zeichnung im Sinne einer Bleistiftzeichnung etwa von Caspar David Friedrich oder Albrecht Dürer verstehen, sondern eher wie die Aufzeichnungen in einem Tagebuch.

NR: Noch nicht einmal als das. Es sind Anwandlungen, die von Zeit zu Zeit nach außen drängen und in bestimmten Gemütszuständen ihre formale Relevanz unter Beweis zu stellen versuchen. Aber es ist nichts, was in irgendeiner Weise unmittelbar vorbereitend wirksam würde, oder etwas, das eine unmittelbare Widerspiegelung von Naturvorgängen oder Wahrnehmung bedeuten würde.

GA: Werden im Schattenreich der Zeichnungen Goyas Ungeheuer einer fragwürdigen Vernunft geboren?

NR: „Der Schlaf der Vernunft“. Natürlich. Das ist ein ganz wesentliches Blatt. Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor, und diese Ungeheuer sind natürlich die Kunstwerke.

GA: Wie definieren Sie angesichts einer ramponierten Natur und desolaten Kultur das längst disqualifizierte Schöne in Ihren im Grunde elegischen Bildern?

NR: Das Schöne ist immer auch ein großer Schmerz …, sagt Jürgen von der Wense, dieser skurrile Reiseschriftsteller. Und für mich ist das Schöne eben auch etwas, was ich mit leiser Wehmut wahrnehme, was meine Schutzimpulse wachruft und was von der Vergänglichkeit stark bedroht ist. Während das Hässliche sich in unsere Gewohnheit einschleicht. Das Hässliche ist subversiv, es ist omnipräsent, so überrascht uns das Schöne ja immer wieder, wenn wir ihm begegnen, es ist aber hinfällig, es ist etwas, was nicht so stabil zu sein scheint wie das Hässliche.

GA: Überwiegt das Hässliche in unserer Vorstellung?

NR:
In unserer Wahrnehmung. Wir leben in einer haltlosen Zeit, in einer fassungslosen Zeit, in der es keine gültigen Fassungen mehr gibt, die über die Jahrhunderte hinweg weiter tragen könnten, was wir ihnen anheimzugeben versuchen. Ja, da ist das Hässliche als Gestaltungsmittel, als Versuch, anstelle des Schönen etwas zu setzen, was von Dauer ist, natürlich eine tragfähige Konstruktion, die uns aber nicht glücklich macht. Wobei man das erst einmal bewerkstelligen muss, das gewollte, das absichtsvolle Hässliche.

GA: Eine letzte Frage: Was bedeutet Ihnen das Glück des Zeichnens oder Malens?

NR: Das Glück zu leben.


„.....Höhere Wesen befehlen“
Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Frieder Burda

05.12.2014 – 08.03.2015
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin