Kunsttrends: Müde vom Mitmachen?

Museen gleichen heute mehr und mehr Erlebnisparks. In ihren Aktionen produzieren Künstler flüchtige, soziale Ereignisse. Poppige Bar-Installationen, Karussells oder futuristische Klettergerüste zählen zum festen Repertoire. Kaum eine Ausstellung, in der Besucher nicht selbst Kunst produzieren sollen oder ein Teil von ihr sind. Aber warum müssen wir eigentlich ständig mitmachen? Kann man uns nicht mal wieder Betrachter sein lassen? ArtMag hat internationale Künstler, Kuratoren und Kritiker gefragt.


Ayşe Erkmen
Künstlerin, Berlin / Istanbul
Photo: Serdar Tanyeli

Ayşe Erkmen

Man kann Zuschauer im Kino, Leser eines Buchs, Hörer von Musik sein… Bildende Kunst ist ganz speziell und vielfältig…, der Kunstbetrachter war nie nur Betrachter, und lediglich Betrachter zu sein, wurde mit der Zeit immer weniger interessant. Die Kunst ist vielfältig in ihrer Form, ihrer Materialität, ihren Orten. Es gibt kein bestimmtes Material oder festgelegtes Medium, die Kunst kann sich überall niederlassen: im Museum, in der Galerie, der Stadt, auf dem Land, auf dem Meer, im Himmel… Bildende Kunst kann die Form von Film, Musik, Büchern, Theater annehmen, ihr Körper kann ebenso Farbe wie Luft sein… Man kann sie mit Nicht-Kunst verwechseln, für eine andere Kunst oder auch gar nichts halten. Darum liegen auch das Nicht-Mitmachen oder der Rückzug auf die reine Rolle des Betrachters sowieso nicht in der Natur der Kunst. Auf der anderen Seite gibt es da auch diese aufwändig fabrizierte, vorgeplante, didaktische Kunst, die dem Betrachter Codes vorgibt und bei der man genau weiß, was man tun soll. In diesen Fällen liegt es ganz beim Betrachter, ob er den Anleitungen folgt oder nicht. Das eröffnet aber auch einen Raum, in dem man sich aussuchen kann, ob man nur schauen und weitergehen möchte oder stattdessen ganz oder nur ein bisschen teilnehmen will. Ganz und gar mitzumachen bedeutet an diesem Punkt, dass etwas irgendwie Sinn macht, dass man etwas versteht und zufrieden ist. Das hängt aber auch wieder davon ab, ob der Betrachter oder die Betrachterin sich wirklich zufriedenstellen lassen will, oder ob der Künstler oder die Künstlerin gefallen oder verwirren möchte...






Nicolaus Schafhausen
Kurator, Kunsthalle Wien
© Kunsthalle Wien 2014, Photo: Sabine Hauswirth

Nicolaus Schafhausen

Aktuelle Kunst darf uns auf keinen Fall in Ruhe lassen. Ihr Potenzial liegt darin, Diskurse zu öffnen, zu inspirieren und an uns zu rütteln. Wenn die Mittel dazu im Event liegen, dann weil die Kunst einem Kampf um die Aufmerksamkeit ihrer Betrachter ausgesetzt ist. Ob es Informationsmassen in Zeiten digitaler Kommunikation sind, ob Sportevents, ob gesellschaftspolitische Entwicklungen oder andere Kulturzweige – die zeitgenössische Kunst und ihre Macher stehen in Konkurrenz zu zahllosen Angeboten, die die Aufmerksamkeit der Konsumenten einfordern. Effektvolle, pompöse und auf Teilhabe ausgerichtete Kunstprojekte sind dabei nicht nur häufig besucht, sondern auch jene, über die häufig berichtet wird. Die Frage stellt sich also in Richtung der Erwartungshaltung an derzeitige Kunst. Sie soll unterhalten und Spaß machen. Kunst kann, darf und soll jedoch auch unbequem sein, sie darf den Betrachter fordern und für ihn zur Denkübung werden. Selbst wenn irgendwann eine Übersättigung erreicht ist oder die Kunst ihrem Potenzial von ästhetischem Kommentar und freier Kritik nicht mehr gerecht wird, dann nur, weil sie uns nicht in Ruhe gelassen hat.






Simon Njami
Kurator, Autor und Kunstkritiker, Paris
Photo: David Damoison

Simon Njami

Wir müssen nicht mitmachen. Ich muss nicht mitmachen. Mitmachen bringt mich in eine passive Position. Das heißt, das zu tun, was alle machen. Das heißt, politisch korrekt zu sein. An dieser Art von Partizipation, die keinen Raum für Kontroversen und Diskussion lässt, geht die Welt augenblicklich zugrunde. Wenn Leute „mitmachen“ sagen, dann heißt das unweigerlich „etwas für die gute Sache zu tun“. Auf der richtigen Seite zu stehen. Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich möchte meine eigene Meinung haben, selbst wenn sie der Mehrheit nicht gefällt. Ich schätze den kritischen Blick, der mich anders macht. Was würde aus der Welt wohl werden, wenn alle nur „mitmachen“? Darauf gründen alle totalitären Regimes. Wenn wir 1984 von George Orwell lesen, sehen wir, dass die, die nicht mitmachen, sofort als schuldig, als Unruhestifter gebrandmarkt werden. Ich möchte ein Unruhestifter sein. Ich möchte meine eigene Meinung haben. Anstatt mitzumachen, will ich handeln.






Mareike Dittmer
Herausgeberin Frieze d/e, Berlin

Mareike Dittmer

Die Aufforderung zum Mitmachen in der Kunst ruft bei mir ziemlich unmittelbar Bartlebys Mantra „Ich möchte lieber nicht“ hervor. Wenn Ausstellungen zu Events werden, die den Betrachter wie „Festivals of emotions“ einbeziehen und gleichzeitig Komplizenschaft, Sozialverträglichkeit und die maximale Aufmerksamkeit der Medien einfordern – dann ist Abstand meine bevorzugte Alternative. Das Prinzip von Flüchtigkeit als Inszenierung wiederum interessiert mich sehr, auch wenn es im sozialen Kontext ebenfalls auf Partizipation setzt. Vielleicht liegt das daran, weil diese ephemeren Installationen und Situationen im Unterschied zum verordneten Mitmachspektakel schon aufgrund ihrer flüchtigen Struktur Zufälligkeiten zulassen und damit eine dem Moment verpflichtete Doppeldeutigkeit erzeugt wird. Aber letztendlich lässt sich die Frage nach dem Pro und Kontra der Partizipation – wie so vieles – nur anhand eines konkreten Werks und für dieses Werk beurteilen.






Sebastian Preuss
Stellvertretender Chefredakteur Weltkunst, Berlin
© ZEIT Verlag/Vera Rammen

Sebastian Preuss

Immer mehr, immer Neues – das ist ja nicht nur in der Kunst so, sondern gehört eben zum Wesen des Kapitalismus. Und wenn wir heute eine Zeit des immer hektischeren, immer gierigeren Hyperkapitalismus erleben, dann dreht sich natürlich das Karussell der vermeintlich neuen Sensationen auch in der Kunst immer rasender und verrückter. Daran ist kaum zu rütteln, die interessante Frage ist nur: Hat die Kunst überhaupt eine Chance, dem eine neue Langsamkeit, mehr Beharrlichkeit und weniger „Innovationen“ – die es ja ohnehin meist nicht sind – entgegenzusetzen. Ich bin da eher pessimistisch, solange die Kunst so sehr von einem völlig überhitzten und dabei ungleich verteilten Markt bestimmt wird. Künstler, die überleben wollen, können sich aus der Turbospirale kaum ausklinken. Und wir Betrachter, sprich: Konsumenten, sind eben auch nur Kinder unserer Zeit. Zum Glück gibt es, wie überall, vereinzelte und meist isolierte Ausnahmen, abseits des Fegefeuers der Eitelkeiten. Die suche ich.






Zoë Gray
Kuratorin, WIELS, centre for contemporary art, Brüssel
Photo: Manuel Versaen

Zoë Gray

Duchamps berühmter Ausspruch sagt ja bereits, dass der Betrachter das Kunstwerk macht. Unsere Rolle als Betrachter ist also genauso wichtig, wie die Rolle des Künstlers. Deshalb sind alle Kunstwerke partizipativ, ganz gleich ob sie physische Interaktion oder geistiges Engagement einfordern. Somit waren wir noch nie einfach nur Betrachter. Koki Tanakas partizipativer Ansatz ist zugleich offen und großzügig. Sein jüngstes Werk lässt sich in zwei Hauptrichtungen aufteilen: Einerseits gibt es Arbeiten, in denen er einer Gruppe von Leuten eine gemeinsame Aufgabe stellt und dann ihre Zusammenarbeit filmt. Andererseits gibt es Arbeiten, in denen er eine gemeinsame Aktion mit offenem Ende vorschlägt und auch selbst daran teilnimmt. Walking with Dogs (Rennes, 2014) ist eine dieser „Aufgaben“. Sie richtete sich zwar an Hundehalter und ihre Hunde, stand aber auch denen offen, die keinen vierbeinigen Begleiter vorzuweisen hatten. Der Künstler erzählte den versammelten Spaziergängern und Hunden, wohin es gehen sollte, und los ging es. Als wir im Ziel ankamen, gab es keine abschließenden Worte des Künstlers. Unter den Teilnehmenden herrschten unterschiedliche Eindrücke. Für eine Gruppe handelte es sich um ein Kunstwerk, für die anderen war es lediglich ein Spaziergang. Für den Künstler war der Moment wichtig, den wir alle geteilt haben, der Moment, in dem der individuelle Akt des Hundeausführens zu einem kollektiven Marsch durch die Stadt wurde, in dem eine einsame Handlung sich in einen Akt der Solidarität verwandelte.