Multidisziplinäres Experimentierfeld
Die neue Fondazione Prada in Mailand

„Künstler zählen zu den intelligentesten Menschen auf der Welt. Wir möchten von ihnen lernen, wie sich die Welt entwickeln wird.“ So begründete Miuccia Prada kurz vor Eröffnung der neuen Fondazione Prada ihr Engagement. „Was mich wirklich interessiert, das sind nicht Gewissheiten, sondern Zweifel, Kämpfe und Konflikte.“ In diesem Sinne versteht sich die Fondazione nicht als konventionelles Museum, sondern als Knowledge Tool, als Ort des Lernens und der Auseinandersetzung. Konsequenterweise beauftragten die Designerin und ihr Mann, Prada CEO Patrizio Bertelli, dann auch den Architektur-Visionär Rem Koolhaas, eine ehemalige Brennerei im Süden von Mailand in ein Forum für Gegenwartskunst zu verwandeln.

Koolhaas hat die in den 1910er Jahren errichteten Fabrikanlagen größtenteils bewahrt und mit eigenen Bauten ergänzt. Das Ergebnis ist ein Komplex, bei dem es immer wieder zu Brüchen zwischen Alt und Neu kommt. Ins Auge fallen besonders das sogenannte Haunted House, ein mit Blattgold überzogenes Gebäude für eher intime Arbeiten, und ein weißer, achtstöckiger Beton-Monolith. Mit bis zu neun Meter hohen Räumen bietet der Turm genug Platz für großformatige Arbeiten. Sehr smart ist die Bar Luce mit ihren Resopal-Tischen und dem Terrazzoboden geraten. Wes Anderson, der Regisseur von The Grand Budapest Hotel, entwarf sie in Anlehnung an die Cafés in italienischen Kinoklassikern wie Viscontis Rocco und seine Brüder.

Mit der neuen Fondazione Prada beginnt sich die Design- und Modemetropole Mailand auch als Ort für Gegenwartskunst zu etablieren. Auf diesem Gebiet hat die Stadt einigen Nachholbedarf. So gibt es hier noch immer kein öffentliches Museum für zeitgenössische Positionen. Dafür engagieren sich in Mailand vor allem Unternehmen wie der Reifenhersteller Pirelli, der 2004 das Ausstellungshaus Hangar Bicocca initiierte. Auch die Deutsche Bank macht ihre beiden Kunstpräsentationen in den Niederlassungen in Bicocca und der Via Turati regelmäßig für die Öffentlichkeit zugänglich.

Die 1993 gegründete Fondazione Prada wird ihren multidisziplinären Ansatz jetzt noch erweitern. Neben Kunst geht es auf den insgesamt 11.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche auch um Architektur, Film oder Philosophie. Zur Eröffnung der neuen Räume kombiniert Robert Gober im Haunted House eine Auswahl seiner Skulpturen mit Arbeiten von Louise Bourgeois, darunter auch eine ihrer ikonischen Cells. Roman Polanski verrät in einer neuen Dokumentation und einer Filmreihe, was ihn bei seiner Arbeit beeinflusst hat. In einem Kellerraum des Kinogebäudes hat Thomas Demand das 36 Tonnen schwere Pappmodell für seine berühmte Fotoarbeit Grotto installiert. Der Collezione Prada sind gleich drei Ausstellungen gewidmet. Neben Klassikern der Kunst der 1960er und 1970er wie Lucio Fontana, Donald Judd und Barnett Newman, ist auch eine Auswahl von Artists’ Cars von Elmgreen & Dragset, Carsten Höller & Rosemarie Trockel oder Tobias Rehberger zu sehen.

Doch Prada wäre nicht Prada, wenn das Eröffnungsprogramm nicht noch mit einer ganz besonderen Überraschung aufwarten würde. So widmet sich die erste große Ausstellung eben nicht der Gegenwartskunst. Vielmehr wirft Serial Classic einen zeitgenössischen Blick auf die Kunst der römischen Antike und beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Original und Kopie. Die Meisterwerke der griechischen Skulptur wurden von den Römern im großen Stil schlichtweg nachgeahmt. In der venezianischen Dependance der Fondazione in der Ca’ Corner ist zeitgleich die korrespondierende Schau Portable Classic zu sehen. Sie zeigt, was sich aus den antiken Kopien entwickelte: In der Renaissance wurden die lebensgroßen Marmorgötter und -helden auf handliche Formate in Bronze oder Terrakotta geschrumpft, um die Gemächer eines humanistisch gebildeten Publikums zu schmücken. Die Idee, Kunst und Kultur einem breiten Publikum zugänglich zu machen, entspricht dem Laborcharakter der neuen Fondazione Prada. Sie bietet beides: Außergewöhnliche ästhetische Erfahrungen und grenzübergreifendes Denken für das 21. Jahrhundert.    

Fondazione Prada
Largo Isarco 2, Mailand
Serial Classic
09.05. – 24.08.

Ca’ Corner della Regina, Venedig
Portable Classic
09.05. – 13.09.