Prominentes Podium
Eine Preview der Frieze New York

Jerry Saltz zählt zu den Stars der amerikanischen Kunstkritik. Seine pointierten Kommentare veröffentlicht er auch via Twitter und Instagram, wo ihm über 150.000 Fans folgen. Doch Facebook gingen seine Posts zu weit: Weil er immer wieder gegen die Anstandsregeln des sozialen Netzwerks verstieß, wurde sein Account eine Zeit lang kurzerhand lahmgelegt. Diese Tatsache macht Saltz zum idealen Gast der diesjährigen Frieze Talks. Eingeladen wurden Künstler, Kuratoren und Kritiker, die das Publikum auf ganz unterschiedliche Weise herausforden. Dazu zählen nicht nur Provokateure wie Paul McCarthy oder Leigh Ledare, die mit sexuell expliziten Werken schockieren. Auch Christian Jankowski, der die Konventionen der Kunstwelt immer wieder ad absurdum führt, ist bei der Frieze New York zu Gast. Er erweitert nicht nur den Kunstbegriff, sondern auch den Artist Talk, den er mit Songs des legendären brasilianischen Sängers Caetano Veloso verwebt. Im Juni ist Jankowski auch in der Deutsche Bank KunstHalle präsent. Hier ist sein Film 16mm Mystery im Rahmen der Ausstellung Checkpoint California – 20 Jahre Villa Aurora in Los Angeles zu sehen.

Mit Pierre Bismuth nimmt auch der weltweit wohl einzige Oscar-prämierte Konzeptkünstler an den Talks teil. Der Franzose erhielt die Auszeichnung für seine Mitarbeit am Drehbuch von Michel Gondrys Kultfilm Eternal Sunshine of the Spotless Mind. Auf der Messe stellt er Where Is Rocky II? vor. Für diese absurde Dokumentation hat sich Bismuth auf die Suche nach einem verlorenen Werk von Ed Ruscha macht – einen künstlichen Felsbrocken, der irgendwo in der Mojave Wüste deponiert wurde. Um Grundsatzfragen geht es dagegen im Gespräch zwischen Thelma Golden und Arnold Lehman. Die Direktorin des Studio Museum Harlem und der Leiter des Brooklyn Museums diskutieren, für wen Museen eigentlich da sind.

Die prominent besetzten Talks zählen sicherlich zu den Höhepunkten der diesjährigen Frieze New York. Die Deutsche Bank ist von Beginn an Partner der Messe, die sich seit ihrer Gründung 2012 als eines der wichtigsten Kunstereignisse in den USA etabliert hat. Ihr Ansatz ist sowohl global als auch regional: in den Messezelten im Park auf Randall’s Island treffen 63 New Yorker Galerien auf rund 130 Teilnehmer aus mehr als 30 Ländern. Zum Aufgebot zählen Schwergewichte wie Gagosian, Hauser & Wirth und Ropac, wo neue Arbeiten von Imran Qureshi, dem „Künstler des Jahres“ 2013, zu sehen sind. Aber auch aufstrebende Galerien wie The Breeder, dépendance  oder Rampa, die auf diskursive Positionen setzen, sind auf der Messe bestens repräsentiert.

Neuentdeckungen versprechen die Sektionen Frame und Focus. Hier zeigen junge Galerien ausgewählte Einzelpositionen oder kuratierte Projekte. Erstmals mit dabei ist Antenna Space. Mit Liu Ding stellt die in Shanghai ansässige Galerie einen Künstler vor, der immer wieder die ungeschriebenen Regeln des Kunstmarkts thematisiert. Dagegen untersucht Than Hussein Clark auf dem Stand der Berliner Mathew Gallery wie sich gesellschaftliche Machtverhältnisse im Design wiederspiegeln.

Eine wirkliche Bereicherung der New Yorker Messe ist die neue Sektion Spotlight, die ursprünglich für die Londoner Frieze Masters konzipiert wurde. Betreut wird sie von Adriano Pedrosa, dem Künstlerischen Direktor des Museu de Arte de São Paulo. Spotlight widmet sich den Wegbereitern der aktuellen Szene. Dazu zählen Lynn Hershman Leeson, eine Pionierin der Medienkunst, oder der „Walking Artist" Hamish Fulton. Während ausgedehnter Wanderungen dokumentiert der Brite seine körperlichen und emotionalen Erfahrungen mit der Kamera. Zugleich sind bei Spotlight Positionen zu sehen, die von der westlichen Kunstkritik lange vernachlässigt wurden. Etwa Ibrahim El-Salahi aus dem Sudan, einer der bedeutendsten Vertreter der afrikanischen Moderne, oder brasilianische Künstler wie Anna Bella Geiger und Antonio Dias, die beide auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind.

Entscheidend für das innovative Profil der Messe sind auch die nicht-kommerziellen Sektionen Frieze Projects und Sounds. Hier erwartet die Besucher ein von Aki Sasamoto konzipiertes Labyrinth, das zugleich als dreidimensionaler Persönlichkeitstest fungiert. Während die Japanerin ihre Konstruktion in einem geheimen Raum versteckt, platziert Korakrit Arunanondchai seine Arbeiten lieber mitten im Messetrubel: Seine mit Denim bezogenen Massage-Sessel bieten den vom visuellen und intellektuellem Überangebot der Frieze gestressten Besuchern etwas Wellness für zwischendurch. Xaviera Simmons, eine Künstlerin der Sammlung Deutsche Bank, präsentiert eine neue Klangkollage. In ihren Sound-Arbeiten mischen sich Einflüsse von Avantgarde-Komponisten wie John Cage, aber auch Jazz, Hip-Hop und Soul. Wie alle Beiträge für Frieze Sounds ist Simmons‘ Number 18 betiteltes Stück nicht nur in den VIP-Limousinen der Messe zu hören, sondern auch im Internet unter friezeprojectsny.org für alle abrufbar.

Zeitgenössische Kunst auch Kindern und Jugendlichen zugänglich zu machen  – darum geht es bei Frieze Education. Das Programm, das von der Deutschen Bank ermöglicht wird, wendet sich gleichermaßen an High School Schüler und Kinder aus sozial benachteiligten Stadtgebieten. Angeboten werden Touren über die Messe sowie Workshops mit prominenten Künstlern wie Urs Fischer und Julie Mehretu oder dem Online-Kunstmagazin Triple Canopy. Bereits vor der Messe finden die Frieze Teens Workshops statt: Gemeinsam mit Künstlern, Kuratoren, Galeristen und Vertreten von Kunstinitiativen können jugendliche Kreative an der Verwirklichung ihres persönlichen „Traumprojekts“ arbeiten. Und wer weiß – vielleicht wird dabei schon der Grundstein für eine zukünftige Präsenz auf der Frieze New York gelegt.

Frieze New York
Randall’s Island, Manhattan
14.05. – 17.05. 2015