Verfremdungseffekte
Lada Nakonechnas konzeptuelle Zeichnungen

Lada Nakonechna misstraut den Bildern. Deshalb baut die ukrainische Künstlerin gerne Widerhaken und Irritationen in ihre Arbeiten ein. Kürzlich wurde eine Auswahl ihrer Zeichnungen für die Sammlung Deutsche Bank angekauft. Auch sie zeigen, wie es Nakonechna immer wieder schafft, kritisches Bewusstsein zu schärfen.
Gewalt und Idylle – in ihrer Video-Arbeit Constructing the new Landscape lässt Lada Nakonechna Reportagefotografie mit romantischer Landschaftsmalerei kollidieren. Immer wieder schiebt sich das Gemälde eines dramatischen Wolkenhimmels über die Aufnahme eines Demonstranten, der von uniformierten Männern überwältigt wird. Ein Foto, wie wir es so häufig in den Medien sehen. Die horizontale Linie, an der die beiden Motive auf dem Monitor aufeinandertreffen, zittert, bleibt stehen, um sich dann wieder ein Stückchen nach oben oder unten zu verschieben. Doch die Linie bewegt sich nie so weit, dass eines der beiden Bilder komplett sichtbar wird. Gerade diese permanente „Enttäuschung“ des Zuschauers verleiht Constructing the new landscape eine erstaunliche Spannung. Die “neue Landschaft”, die neuen Verhältnisse, die hier konstruiert werden, lassen sich offensichtlich nur mit Gewalt durchsetzen. Die Macht, in deren Auftrag die beiden Uniformierten handeln, bleibt ebenso anonym, wie der Demonstrant, den sie abführen. Die Gesichter aller Beteiligten sind hinter den Wolken des Gemäldes verborgen. Alles wirkt undurchschaubar – so wie die derzeitige Situation in der Ukraine, dem Heimatland der Künstlerin.

Den Titel Constructing the new landscape verwendet Nakonechna auch für eine 2012 entstandene Serie von Bleistiftzeichnungen. Eine Auswahl wurde vor kurzem für die Sammlung Deutsche Bank angekauft. Hier kombiniert die Künstlerin ebenfalls Landschaftsimpressionen mit Bildern von Demonstrationen und Straßenkämpfen, deren Vorlagen aus dem Internet stammen. „Diese beiden Bildtypen sind gar nicht so unterschiedlich, wie man anfangs denken würde“, erklärt Nakonechna. „Das kritische Potential der Romantischen Landschaftsmalerei, die Auseinandersetzung mit Natur und Zivilisation, ist für den heutigen Betrachter allerdings nicht mehr erkennbar. Ihre Schönheit lenkt uns ab und tröstet uns, Naturdarstellungen beruhigen uns, indem sie die Realität von uns fernhalten. Aus diesem Grund habe ich versucht, das Bild so zu konstruieren, dass es Gefühle von Unbehagen vermittelt und damit eine unkritische Wahrnehmung verhindert wird.“

Fünf Arbeiten aus Nakonechnas Serie sind derzeit in der Ausstellung Walk The Line. Neue Wege der Zeichnung im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen. Ergänzt werden sie hier von einer Wandzeichnung mit dem programmatischen Titel Incomplete. Unvollständig ist diese Arbeit deshalb, weil die Künstlerin auf die Darstellung der Demonstranten verzichtet und nur das Landschaftsmotiv auf die Wand des Ausstellungsraums übertragen hat. Der darunter befindliche Teil der Wand  bleibt weiß. „Dieser Raum ist den Besuchern vorbehalten, die durch ihre Anwesenheit die Arbeit erst vollständig machen“, erklärt Holger Broeker, der die Schau kuratiert hat. „Lada Nakonechna bezieht den Betrachter nicht nur visuell, sondern auch physisch aktiv in das Geschehen ein. Der romantische Illusionsraum wird zum Kontrastrahmen für den sozialen Raum, in dem sich der Betrachter seiner selbst bewusst wird.“

Nakonechna möchte den passiven Betrachter aktivieren, seinen, wie sie es formuliert, „konzeptuellen Apparat“ erweitern und ihn sensibilisieren – für die versteckten Botschaften von Bildern oder die gesellschaftlichen Verhältnisse, die darin zu Tage treten. Kein Wunder, dass man im Werk der 1981 geborenen Künstlerin häufig auf Bezüge zu Bertolt Brechts Epischem Theater stößt. Und das arbeitet mit dem sogenannten Verfremdungseffekt: Die Handlung wird durch Kommentare oder Lieder unterbrochen, um die Identifikation des Zuschauers mit den Figuren des Stücks zu verhindern. Die kritische Distanz zum Geschehen auf der Bühne soll ihn ermuntern, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen – auch im Bezug auf die gesellschaftliche Situation: „Die Verhältnisse sind anders vorstellbar, als sie sind“, so Brecht.

In diesem Sinne „verfremdet“ Nakonechna auch die Blätter ihrer Serie Cards. In jedem Land, in dem die Künstlerin seit 2010 arbeitet, entstehen Zeichnungen von kitschigen Landschaften. Alle haben das gleiche Format und basieren auf Fotos aus dem Internet, die sie innerhalb eines Tages ganz mechanisch abzeichnet. Unter den klischeehaften Motiven notiert Nakonechna jeweils, wie lang sie daran gearbeitet hat, das Entstehungsland, den dortigen durchschnittlichen Stundenlohn und den darauf basierenden Preis für ihre Arbeit. So ist ein in der Schweiz entstandenes Blatt 315 Franken wert, eines aus der Ukraine dagegen 104 Hrywna, was etwa 13 Franken entspricht. Das Projekt dokumentiert, wie sehr sich in den verschiedenen Ländern die Vorstellungen von einer malerischen Landschaft gleichen, die sozialen Verhältnisse aber unterscheiden.

Um visuelle Klischees geht es auch in einem weiteren für die Sammlung Deutsche Bank erworbenen Werk Nakonechnas: Die 13-teilige Serie Popular view. Gaze through the lilac in Kiev Botanical Garden, directed towards the river Dnepr basiert ebenfalls auf Internetbildern basiert. Wie Monets zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten gemalten “Heuhaufen” zeigen die Arbeiten immer wieder ähnliche Ansichten desselben Motivs. Nakonechnas Zeichnungen widmen sich den Fliederbüschen im Botanischen Garten von Kiew, einer Touristenattraktion, deren spektakuläre Blüte jeden Mai von Hunderten Besuchern bewundert und fotografiert wird. Anders als Monet geht es ihr nicht um verschiedene Lichtstimmungen. „Ich beschäftige mich hier mit dem Charakter dieser vorgefundenen Aufnahmen, dieser Bilder, die unsere Auffassung von Realität prägen. Die Serie zeigt, dass sich diese „dokumentierten Ansichten“ nicht besonders voneinander entscheiden. Bilder werden meist unbewusst gemacht – jeder hat heute die Möglichkeit zu fotografieren und drückt andauernd auf den Auslöser ohne groß darüber nachzudenken.“

Trotz der tagtäglichen Flut von Bildern sind wir, so die Künstlerin, „seltsamerweise unfähig, die visuellen Informationen, die wir aufnehmen, zu verstehen und zu beurteilen.“ Diese Fähigkeit wäre aber gerade in der augenblicklichen Lage in der Ukraine besonders wichtig. Nakonechna lebt in Kiew, der Hauptstadt eines Landes, das sich seit Jahren im Ausnahmezustand befindet. Streiks, Proteste und die gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den politischen Lagern, die 2013/14 in den Massenprotesten auf dem Maidan kulminieren, erschüttern das Land. Mit einer Arbeit, die im Rahmen der Ausstellung Through Maidan and Beyond im Wiener Architekturzentrum zu sehen war, reagiert die Künstlerin ganz direkt auf diese Situation. „Out of harm’s way besteht aus zwei kleinen Elementen – einem Guckloch in der Wand und einem Objekt, auf dem ein Foto angebracht ist. Es zeigt das verletzte Auge eines Journalisten, der Zeuge der Ereignisse auf dem Maidan war. Sehen kann also eine echte Gefahr darstellen. Es ist nicht nur ein passiver Akt. Die Journalisten und auch andere Leute auf dem Maidan berichteten in Live Streams direkt vom Platz. So wurden sie zu den Augen der Menschen, die die Ereignisse von zu Hause aus verfolgten und die, wenn es nötig war, sofort auf die andere Seite des Monitors wechseln konnten.“

Die Ukraine kommt nicht zur Ruhe: Auf die Krimkrise folgt der Krieg im Osten des Landes. Misstrauen, Verschwörungstheorien und gegenseitige Schuldzuweisungen prägen das gesellschaftliche Klima. Der Unterschied zwischen Information und Propaganda hat sich aufgelöst. Ein Phänomen, das sich natürlich nicht nur auf diese Region beschränkt. Kein Wunder, dass Nakonechna erklärt, dass man „visuellen Informationen nicht mehr länger trauen kann. Der Realitätsgehalt jedes Bildes, jeder Aktion muss angezweifelt werden.“
Achim Drucks

Walk The Line. Neue Wege der Zeichnung
Wolfsburg, Kunstmuseum
Noch bis 16.8.2015