Stadt als Installation
Olivo Barbieri im MAXXI

Site Specific – so betitelte Olivo Barbieri seine Serie, für die er weltweit in mehr als 40 Metropolen fotografierte. Mit diesem Begriff werden eigentlich Kunstwerke beschrieben, die für einen bestimmten Ort konzipiert wurden. Und tatsächlich scheinen seine stets aus einem Helikopter aufgenommenen Luftaufnahmen von Las Vegas, Istanbul oder Brasilia keine realen Städte zu zeigen. Dank eines speziellen Objektivs und digitaler Postproduktion wirken sie vielmehr seltsam künstlich und erinnern an Miniaturmodelle. „Ich versuche mir die Welt wie eine Installation anzuschauen“, erklärt der 1954 in Carpi nahe Modena geborene Fotokünstler. Ob er die unglaublichen Ansammlungen von Hochhäusern in Shanghai oder eingestürzte Gebäude in Detroit zeigt –Site Specific zeigt die Stadt des 21. Jahrhunderts als ein sich ständig veränderndes Konstrukt, als ein, wie Barbieri es formuliert, Avatar ihrer selbst.

Obwohl seine Arbeiten bereits auf der Venedig Biennale, im MoMA oder der Tate Modern zu sehen waren, wird Barbieri erst jetzt mit der ersten großen Retrospektive in seinem Heimatland geehrt. Mit mehr als 100 Fotografien und Filmen dokumentiert das MAXXI in Rom seine gesamte künstlerische Laufbahn. Bereits mit den frühen, Anfang der 1980er Jahre entstandenen Farbaufnahmen italienischer Provinzstädte und Landschaften war er in Viaggio in Italia (1984) vertreten. Mit dieser inzwischen legendären Ausstellung eröffnete der Fotograf und Kurator Luigi Ghirri ein neues Kapitel in der italienischen Fotografiegeschichte. Sie zeigte ein völlig neues Bild des „Bel Paese“ jenseits aller folkloristischen Klischees.

Zu den Höhepunkten der aktuellen Schau im MAXXI gehören die Arbeiten aus Barbieris Serie Artificial Illuminations (1982 – 2014), mit denen er auch in der Sammlung Deutsche Bank in Rom vertreten ist. Auf diesen Nachtaufnahmen wirken Straßen, Landschaften oder Touristenattraktionen wie der Schiefe Turm von Pisa ebenso artifiziell wie die Städte in Site Specific. Dabei resultieren die leuchtenden Farben und die geheimnisvolle Atmosphäre dieser Bilder allein aus der extremen Langzeitbelichtung: Straßenlaternen und die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos tauchen das Colosseum in ein grelles Licht, was das Amphitheater wie eine Filmkulisse erscheinen lässt, während die einsame Rückenfigur im Vordergrund an die Gemälde der romantischen Landschaftsmalerei erinnert. „Ich habe mich nie für Fotografie interessiert. Ich interessiere mich ausschließlich für Bilder“, erklärte Barbieri einmal. Die großartige Ausstellung im MAXXI macht klar, was er damit meint.

OLIVO BARBIERI. IMMAGINI 1978 - 2014

29.05. – 15.11.2015
MAXXI, Rom