Sunset
Mary Heilmanns Projekt für das neue Whitney Museum

Mary Heilmann hat keine Angst vor Farben. Das zeigen nicht nur ihre abstrakten vom Minimalismus und der kalifornischen Surfer-Kultur inspirierten Gemälde, sondern auch die Installation, die sie eigens für die riesige Terrasse des eben neu eröffneten Whitney Museums entwickelt hat, die zugleich als die größte Outdoor-Galerie des Gebäudes erstmals bespielt wird. Die Deutsche Bank zählt schon lange zu den Partnern des New Yorker Museums und hat Heilmanns Projekt gefördert.  

America is hard to see ist der einem Gedicht von Robert Frost entlehnte Titel der Einweihungsausstellung, die vollständig aus der Sammlung des Whitney bestückt ist - dem einzigen großen New Yorker Museum, das sich ganz auf US-Kunst fokussiert. In 23 Kapiteln und mit über 600 Werken reflektiert die Schau, was die amerikanische Kunst seit 1900 bewegt. Natürlich präsentiert man die Klassiker von Edward Hopper, Georgia O’Keeffe oder Willem de Kooning. Was die Ausstellung aber so spannend macht, sind die vielen Werke, die vor Jahrzehnten letztmals zu sehen waren oder erstmals überhaupt gezeigt werden.

Auch Heilmann gehört zum Kanon der US-Gegenwartskunst. Dass sie dabei geradezu Kultstatus hat, verdankt sie nicht nur ihrer Malerei, in der sie eine völlig eigenwillige abstrakte Formensprache entwickelt, sondern zudem ihren engen Verbindungen zur New Yorker Kunstszene. Seit den späten 1960ern hat sie hier zahlreiche Freundschaften entwickelt, ebenso mit weltbekannten Künstlern, wie immer wieder auch mit Newcomern, die sie unterstützt. Dabei hat sie nicht nur die Veränderung der Kunstwelt, sondern auch der Stadt miterlebt. Das reflektiert ihre Installation Sunset: Auf der Terrasse des Whitney leuchten über 40 Stuhlskulpturen in Knallrot, Zitronengelb, Grasgrün. Die großzügige Dachfläche ist nur eines der architektonischen Highlights von Renzo Pianos kubistisch verschachteltem, an einen Ozeandampfer erinnernden Bau, der doppelt so viel Ausstellungsfläche wie der ehemalige Sitz des Museums an der Madison Avenue bietet. An der Außenwand des Gebäudes hat Heilmann eine Wandarbeit installiert – pink strahlende, an Treppenstufen erinnernde Formen, für die sie zwei abfotografierte Details eines ihrer Gemälde extrem vergrößert hat. Doch die Arbeit reagiert nicht nur auf den Bau, sondern auf die gesamte Umgebung, die man von hier oben sieht – ein geschichtsträchtiges Areal, wie auch das Video Swan Song dokumentiert, das die Installation begleitet.

1982 drehte es Heilmann mit der Performancekünstlerin Kembra Pfahler direkt in der Nachbarschaft: Es dokumentiert den Abriss leer stehender Lagerhäuser und des West Side Highway sowie die beginnende Gentrifizierung von Chelsea und dem Meatpacking District. Einst ein Hort für Künstler und die schwule Subkultur, ist das Leben rund um das neu erbaute Whitney heute fast nur noch für Superreiche bezahlbar. Heilmanns Installation ist ein fröhlich-bunter Schwanengesang, ein letztes wunderschönes Lied, das vor dem gänzlichen Verschwinden dieser alternativen Kultur angestimmt wird. Man kann auf Heilmanns Sesseln über ein vergangenes Kapitel der Stadtgeschichte New Yorks nachdenken – oder zu späterer Stunde einfach die fantastische Aussicht auf den Sonnenuntergang über dem Hudson River genießen. Nicht ohne Ironie spielt Heilmann mit den lästigen Wahrheiten, die man in der Lifestyle-Bequemlichkeit so gerne ignoriert.

Damit passt ihr Werk wunderbar zum Konzept von America is hard to see. Ziel der Ausstellung sei es, so Chefkuratorin Donna De Salvo, die “unbequeme Vielschichtigkeit der amerikanischen Kunst“ sichtbar zu machen. Ein gutes Vorhaben für ein Haus, das sich nie lediglich als Museum begriffen hat, sondern als Labor für die US-Kunst. Das dokumentierten die Whitney Biennalen, die seit 2006 von der Deutschen Bank gefördert werden. Regelmäßig von heftigen Kontroversen begleitet versuchen sie eine Bestandsaufnahme der aktuellen US-Szene. 2017 steht die 78. Ausgabe auf dem Programm. Dabei ist eines schon sicher: Der Neubau bietet den Künstlern jetzt noch mehr Raum für Experimente.

Mary Heilmann: Sunset / America Is Hard to See
01.05. – 27.09.2015
Whitney Museum, New York