Am Ende der Subkultur:
Eine Exkursion in die Achtziger

Die Eighties sind zurück – erst in Mode und Design, nun auch in der Kunst. Mitten in schwierigen Zeiten besinnt man sich auf den rebellischen Hedonismus dieser Jahre. Nicht nur, dass das Städel Museum in Frankfurt, gefördert von der Deutschen Bank, die figurative Malerei der damaligen BRD neu betrachtet. Auch das Münchner Haus der Kunst würdigt die „Genialen Dilletanten“ Westberlins und die deutsche Wave-Musikszene mit einer großen Schau. Doch warum fasziniert uns diese Ära wieder? Achim Drucks und Oliver Koerner von Gustorf begeben sich auf eine Zeitreise.
B-Movie heißt einer der Überraschungserfolge im Kinosommer 2015. In sehr persönlichen und authentischen Bildern zeigt der Dokumentarfilm eine vergangene Welt: Das Berlin der 1980er. Die deutsche Frontstadt des Post-Punk und New Wave wirkt wie ein fernes Universum. Und das, obwohl hier vor dreißig Jahren der Grundstein für die Clubs, die Ausstellungsräume, für das kreative Image der Stadt gelegt wurde, die heute Millionen von Touristen anzieht. Der Film macht auch klar, was verloren ging. Im Vergleich zu der aktuellen durchkommerzialisierten Szene-Kultur ging es in dem eingemauerten Biotop Berlin geradezu unschuldig und dabei viel radikaler zu. Denn tatsächlich betraten Bands wie die Einstürzenden Neubauten, Malaria oder Die tödliche Doris, Künstler wie Martin Kippenberger oder die Maler vom Moritzplatz komplettes Neuland. In der Ära von Thatcher, Reagan und Kohl befreite sich eine ganze Generation von dem Glauben an eine abgesicherte Zukunft und begann ganz einfach das zu tun, was sie immer tun wollte. In Berlin, Köln und New York griffen junge Menschen zu Packpapier, Dispersionsfarbe, Super 8-Kamera und Fotokopierer, schnappten sich Instrumente oder bauten sich welche, nähten Nessel und PVC zusammen, um für kürzere oder längere Zeit "Filmemacher", "Musiker", "Modeschöpfer", "Designer" oder "Künstler" zu werden.

Dieses Bekenntnis zur "Do it Yourself"-Lebensart erschöpfte sich nicht in individueller Kreativität, sondern war untrennbar mit der Eroberung des urbanen Raumes verbunden. Die achtziger Jahre begannen als Epoche der Hausbesetzungen, mit der Forderung nach Freiräumen für alternatives Leben. "Es herrscht Krieg in den Städten und das ist gut so...", äußerte Blixa Bargeld, Frontmann der Einstürzenden Neubauten 1981 in Anspielung auf die Straßenschlachten zwischen Besetzern und Polizei, die in der Frontstadt Berlin bürgerkriegsartige Ausmaße annahmen: "Für mich ist jetzt Untergangszeit, die Endzeit, endgültig. Das läuft noch drei oder vier Jahre, dann ist es vorbei."

Der Einmarsch in Afghanistan, der erste Golfkrieg , der Kampf gegen die Atomkraft: Anfang der Achtziger führte die politische Lage zu der Vorstellung einer nahenden Apokalypse. Die Zukunft, das war der nächste Tag. „Heute denken, morgen fertig" lautete dann auch einer der programmatischen Bildtitel von Martin Kippenberger. Diese unbekümmerte, rotzige Schnelligkeit ist der heutigen Generation von Post-Digital Künstlern nicht fremd. Allerdings treffen sie inzwischen auf einen mächtigen, globalen Markt, in dem der kommerzielle Erfolg zunehmend über künstlerische Strategien entscheidet. Das damalige Lebensgefühl war ungestümer, bestimmt von Beschleunigung, Intensität und ironischer Ambivalenz. Die Kunst jener Zeit war so, wie die Musik, die man hörte: "Alles war schnell, sehr schnell", bemerkte der Kölner Künstler Walter Dahn 1994 in einem Gespräch mit Richard Prince: "Ich erinnere mich, dass ich in einer Nacht mit Georg Dokoupil zwanzig Gemälde gemacht habe, und das war's. Wir hatten ein ausgeprägtes Gefühl für Zeit, Rhythmus, Geschwindigkeit. Wir waren zwar keine Punkmaler, aber die ganze Zeit liefen diese Platten, die uns stimulierten und schneller werden ließen."

Die Vorstellung, dass nur jetzt alles möglich ist, ließ in Kreuzberg, Brixton oder der Lower East Side alternative Zentren mit Clubs, Plattenläden, Off-Galerien und Ateliers entstehen. In Lichtgeschwindigkeit eröffneten sie, schlossen wieder oder wechselten den Standort. Unter dem Druck zerbröselnder Sozialsysteme und neokonservativer Regierungen erblühten jedoch nicht nur Subkulturen und alternative Ideen, sondern auch ein exzessiver Lebensstil, der die Massenkultur erfasste. Der Begriff der "Nachhaltigkeit" war noch völlig unbekannt.

Die "Last Days of Disco" brachen an, die Spezies der Yuppies wurde an der Wall Street geboren, man feierte, verdiente Geld und verschwendete es, inszenierte sich. Doch der große Knall blieb aus. Die kommenden Jahrzehnte führten zu einer erstaunlichen Erkenntnis: dass der Kollaps Teil unseres Alltags geworden ist. Terror-Angst, die Konflikte im Nahen Osten, Euro-Krise, Flüchtlingsströme, Klimakatastrophen: In einer globalisierten, unberechenbar gewordenen Welt haben sich nicht nur die Zukunftsperspektiven sondern auch die Bedrohungsszenarien multipliziert. Drei Jahrzehnte später sehnt man sich fast zurück nach einer Zeit, in der die Bedrohungen zwar vehement, aber überschaubarer scheinen, in der die durch die Mauer getrennten Machtblöcke in Ost und West noch klare Fronten bilden. Seit Beginn des neuen Jahrtausends entdeckt die Popkultur die Eighties wieder – jedoch vor allem als ästhetisches Spielmaterial mit Retro-Appeal.

Ob man nun durch die Straßen von Brooklyns Trend-Viertel Williamsburg, des Londoner East-Ends oder Berlin Mitte streift – der Hang zu Neonfarben, asymmetrischen Haarschnitten und Leggings war lange unübersehbar. Doch während die Mode jetzt bereits schon die 90ern recycelt, wendet sich die Kunst mit großen institutionellen Schauen den 80ern zu und erweitert den Gegenwartskanon. Schon lange schien es, als sei die figurative Malerei dieser Ära aus den Diskursen verbannt. Bis auf konzeptionellere Positionen wie Kippenberger oder die Oehlen-Brüder erschien diese Malerei zu „pinselschwingend“, zu wenig intellektuell, zu eindimensional. Doch im Abstand ist es jetzt möglich, diese Bilder differenzierter zu betrachten, Vorurteile zu revidieren. Ein Blick in die Ausstellung in Städel macht deutlich, dass sich unter den Stereotypen von „heftiger“ oder „wilder“ Malerei eine Vielzahl von Stilen und formalen Ansätzen verbirgt – und dass diese Malerei gar nicht nur „malerisch“ ist, sondern wie bei Salomé, Luciano Castelli, Helmut Middendorf oder Rainer Fetting, den Malern vom Moritzplatz, ihre Wurzeln gleichermaßen in der Performance und der politischen Aktion hatte.


Helmut Middendorf über "Electic Night". Live zu sehen ist das Gemälde ist in der von der Deutschen Bank geförderten Schau "Die 80er" im Frankfurter Städel Museum.

Mit ihrer Band Geile Tiere inszenierten sich Salomé und Castelli als martialische Versionen des Conferenciers aus Cabaret: in Strapsen, Lederhosen und Stöckelschuhen, die Augen mit schwarzen Balken umrandet, lieferten sie legendäre Performances, auf denen sie ihren Hit Alle sind wir geile Tiere hinausbrüllten. „Meine Malerei entstand auch aus dem politischen Kampf heraus, dem Emanzipationswillen und dem Willen, männliche Sexualität in anderer Form darzustellen. So offensiv gab es das vorher in der Malerei nicht. Meine Bilder waren auch ein Widerstand gegen die damalige vorherrschende Sexualnorm“ erklärte Salomé jüngst in einem Interview mit ArtMag. Zugleich betonte er, dass auch die frühen Performances von Marina Abramović und Ulay ihn inspirierten.
 
Dagegen nutzten die Kölner Maler der „Mülheimer Freiheit“ das visuelle Vokabular der "primitiven" Kunst, von Art Brut und Outsider Art. Dabei ging es Peter Bömmels, Walter Dahn oder Jiri Georg Dokoupil allerdings nur vordergründig um die Subjektivierung der Malerei oder "persönlichen" Ausdruck. Im Gegenteil, es handelte sich vielmehr um einen rebellischen Akt der Piraterie und die Torpedierung eines authentischen, individuellen Stils. "Kontinuitäten in meinen Arbeiten interessieren mich nicht", betonte Dokoupil 1981. "Mich interessiert eine Arbeit in Brüchen und Widersprüchen."

Es ging also nicht um die Fortführung, sondern die Sabotage des Projektes der Moderne – ganz im Sinne postmodernen Denkens, das am Ende der "großen Erzählung" angekommen war, und sich nur in der Rekombination vorhandener Bilder und Ideen niederschlagen konnte. Das Recycling expressiver Malerei war für die Künstler der frühen Achtziger eine subversive Geste, die die Möglichkeiten "authentischen" Ausdrucks in einer zunehmend von Technologie und Medialisierung geprägten Gesellschaft in Frage stellt. Zur subversiven Haltung des Punk hatte schon immer die Ablehnung des vermeintlich Authentischen gehört, die zynische Idee, dass es sich um eine mediale Selbstinszenierung handelte – um einen "Great Rock 'n' Roll Swindle", eine Rebellion, die sich im kommerziellen Ausverkauf selbst negiert.

Unterhaltung war in den frühen Achtzigern zwischen Schmerz und Lust angesiedelt. "Hör mit Schmerzen" – so brachte es ein Lied der Einstürzenden Neubauten auf den Punkt. Gemeinsam mit den Neubauten bestritten Bands wie Die Tödliche Doris oder Sprung aus den Wolken 1981 im Berliner Tempodrom "Die große Untergangsshow – Festival Genialer Dilletanten". Die gegenüber dem Duden "unrichtige" Schreibweise des Wortes "Dilettanten" war ursprünglich ein Schreibfehler auf dem Flyer und sollte durch den gleichnamigen, im Merve Verlag erschienenen Band zum Synonym für eine Berliner Szene werden, in der die "Do it Yourself"-Attitüde des Punk zu einer einmaligen Verschmelzung zwischen Musik, Performance und bildender Kunst führte. Wie jetzt die Ausstellung Geniale Dilletanten im Münchner Haus der Kunst verdeutlicht, war die Szene der frühen 1980er in dieser kurzen Phase des Aufbruchs nicht nur von der damaligen Pop-Kultur, sondern auch von DADA, Fluxus und der situationistischen Bewegung der 1960er inspiriert. Die Vorstellung der Trennung zwischen etablierter Kunstgeschichte und Subkultur greift hier noch weniger als in früheren Dekaden.  

Rückblickend wirken die Bilder dieser Epoche wie Relikte einer romantischen und etwas naiven Zeit, in der die Welt noch überschaubarer war, in der Grenzen tatsächlich noch überschritten werden konnten. Tatsächlich aber läuteten die Achtziger das Ende der Subkultur ein. Mit dem Einzug der Hausbesetzter, Musiker und Künstler in "Problemvierteln" beginnt dort die Gentrifizierung: auf die kreative Avantgarde folgen Immobilienmakler. Massiv beschleunigt wurde diese Kommerzialisierung des "Underground" durch MTV, das auch die Zuschauer in der Provinz mit Bildern und Trends aus der Subkultur versorgte, die vorher nur Eingeweihten zugänglich waren.

Vielleicht war es in den Achtzigern aber auch noch leichter, Position zu beziehen als in der globalisierten, unübersichtlichen Welt der Gegenwart. Diese Dekade erscheint heute als schizophrene Ära, die sich zwischen Aktivismus und cooler Gleichgültigkeit, Malerei und Appropriation, Punk und Disco, Schulterpolstern und schmalen Krawatten, Hedonismus und AIDS hin und her bewegt. „Anything goes“, das Leitmotiv der Gegenwartskultur, basiert auf Phänomenen, die in den Achtzigern zum Teil der Massenkultur wurden – dem Nebeneinander von Stilen, die Aneignung und Neukombination unterschiedlichster Zeichen und Einflüsse. Das Internet ermöglicht mittlerweile den Zugang zu einem schier unerschöpflichen Reservoir von Bildern und Tönen, die gesampelt, bearbeitet und neu kombiniert werden können. Welchen Einfluss das Denken der 1980er auch auf die heutige Zeit hat, beweist die Albert Oehlen-Retrospektive im New Yorker New Museum. Sie ist einem Maler gewidmet, der für absoluten Stilpluralismus und radikale Kritik an dem Malereibegriff überhaupt steht, der aber zugleich mit allen Mitteln auslotet, was in diesem Medium möglich ist. Gerade deshalb wird er von jungen US-Künstlern wie Wade Guyton, Kelley Walker oder Seth Price geschätzt. Auch sie arbeiten mit allen nur erdenklichen Mitteln und Strategien. Zwar hat Photoshop längst den Fotokopierer abgelöst, aber das Prinzip bleibt seit den Achtzigern das gleiche: copy & paste.

Die 80er. Figurative Malerei in der BRD
22.07. – 18.10.2015
Städel Museum, Frankfurt

"Geniale Dilletanten". Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland

26.06 – 11.10.2015
Haus der Kunst, München