„Views“-Preis 2015
Die Nominierten stehen fest

Sie bezeichnet sich als katholische Feministin, schwärmt für Madonna und Lady Gaga, dreht Videos, in denen Gottesdienste wie LSD-Trips aussehen: Ada Karczmarczyk hatte 2012 ein spirituelles Erweckungserlebnis und arbeitet seitdem an einer religiös-angehauchten Kunst für die Generation Smartphone. Das Ergebnis: ebenso bunte wie humorvolle Videos, in denen sie in selbstgefertigten Sets und Kostümen von ihrer frohen Botschaft singt. Damit hat es Karczmarczyk als junge polnische Künstlerin in die New Yorker Postmasters Gallery geschafft – und auf die Liste der Nominierten für den diesjährigen „Views“-Preis. 2003 als Kooperationsprojekt der Deutschen Bank, ihrer Stiftung und der Warschauer Zachęta Nationalgalerie initiiert, hat sich „Views“ zur wichtigsten Auszeichnung für polnische Gegenwartskunst entwickelt. So bespielte etwa der Gewinner von 2011, Konrad Smolenski, zwei Jahre nach seiner Auszeichnung den polnischen Pavillon auf der Biennale in Venedig.

Neben Karczmarczyk wurden vier weitere Künstler für die im 2-jährigen Turnus verliehene Auszeichnung vorgeschlagen. Standen Anfang der 2000er Jahre vor allem konzeptuelle Maler wie Wilhelm Sasnal und Michał Jankowski für die neue Kunst aus Polen, ist die Szene heute wesentlich vielfältiger. So gehören auch Film, Installation, Comic und Performance zu den Medien der „Views“-Künstler. Der diesjährige Schwerpunkt liegt allerdings auf skulpturalen Arbeiten. Alicja Bielawska überträgt die Linien ihrer Zeichnungen in die Dreidimensionalität – in Form geschwungener Stahlrohre, die den Raum wie minimalistische Kunst dynamisieren. Doch immer erinnern ihre reduzierten, farbig leuchtenden Skulpturen an poetische Fragmente alltäglicher Dinge oder Situationen: Von Möbeln, Spielplätzen und Zelten blieben so nur noch zeichenhafte Umrisse stehen. Dabei bricht Bielawska die Nüchternheit ihrer Konstruktionen immer wieder, indem sie  sie mit glänzenden Stoffe oder bunter Knetmasse überzieht.

Auch Iza Tarasewicz kombiniert minimale, möbelartige Strukturen oder vorgefundene Räume mit unterschiedlichen Materialien: Beton, Stahl, Teer treffen auf Fell, getrocknete Eingeweideund  Asche. Es sind symbolisch aufgeladene Substanzen,  mit denen Tarasewicz einen ganzen Kosmos von Bedeutungen und Mythen schafft, der von archaischen Ritualen wie auch von Joseph Beuys, Bruce Nauman oder Louise Bourgeois inspiriert sein könnte.

Piotr Łakomys Werk steht dagegen klar in der puristischen Tradition des Minimalismus. Aus Styroporblöcken, Beton oder Plastik fertigt er reduzierte, kühle Skulpturen und Rauminstallationen, die er häufig mit LED- oder Glühlampen akzentuiert. Seine monochromen Arbeiten stehen für Konzentration und Ernüchterung – ein Gegengift zu der Flut visueller Eindrücke, die jeden Tag auf uns einstürzt. Reduktion auf das Wesentliche ist auch das Stilmittel von Agnieszka Piksas Comics, mit denen sie schon auf der São Paulo Bienniale 2014 vertreten war. Ihre meist mit schwarzer Tusche gefertigten Zeichnungen nehmen mit surrealem, melancholisch gefärbtem Humor die Absurdität des Alltags aufs Korn.

Wie immer stellt die Zachęta die jüngsten Arbeiten der Nominierten in einer großen Ausstellung vor. Wer den mit 15.000 Euro dotierten „Views“-Preis und das Stipendium in der Villa Romana gewinnt, wird am 22. Oktober im Rahmen einer festlichen Gala verkündet.

Views 2015
07.09 – 15.11.2015
Zachęta Nationalgalerie, Warschau