Zeitmaschinen, Roboterballette
Laura Owens und Cao Fei in der Wiener Secession

In einer Doppelausstellung würdigt die Wiener Secession zwei Künstlerinnen, denen im Frankfurter Hauptsitz der Deutschen Bank jeweils eine ganze Etage gewidmet ist – Laura Owens und Cao Fei. Seit den späten 1990er Jahren gehört Owens zu den einflussreichsten Künstlerinnen der US-Szene und lotet immer wieder neu aus, was in der zeitgenössischen Malerei möglich ist. Dabei verbindet sie virtuoses Können mit konzeptionellem Denken und dem Einsatz unterschiedlichster Techniken, Medien und Referenzen. Während Owens in ihren früheren Arbeiten eine fantastische, kindlich-verspielte Welt schuf, in der es aber tatsächlich um formale Fragen und malerische Komposition ging, erscheinen ihre jüngsten Werke konzeptueller, poppiger und härter.

Bereits seit einigen Jahren arbeitet Owens auch mit Motiven aus alten Zeitungen. Vor kurzem stieß sie durch einen Zufall auf einen Satz Druckplatten der Los Angeles Times, die unter den Schindeln ihres Hauses in Echo Park als Abdeckung dienten. Die Platten stammten aus dem Jahr 1942, in dem auch das Haus erbaut wurde. Damals widmete sich die Los Angeles Times natürlich ausführlich den dramatischen Ereignissen nach dem Angriff auf Pearl Harbour. Parallel dazu berichtete sie aber auch vom normalen Alltag in der Stadt und dem Viertel, in dem die Künstlerin heute lebt. Owens druckte die Zeitungsseiten nach, scannte sie ein und bearbeitete sie am Computer weiter. Neben die historischen Meldungen stellte sie zeitgenössische Werbeanzeigen aus Magazinen und dem Internet, aber auch Artikel, die bis in die 1890er-Jahre zurückreichen. Diese collagierten Zeitungsseiten übertrug Owens dann mittels Siebdruck auf ihre Leinwände.

Analog zu dieser Überlagerung der unterschiedlichen Zeitebenen lassen sich auch die visuellen Ebenen weder eindeutig dem Vorder- noch dem Hintergrund zuordnen und erzeugen so einen instabilen Bildraum. Hier schweben digitale Pinselstriche neben realer Öl-, Acryl- und Vinylfarbe. Das Ergebnis ist eine Art malerischer Zeitmaschine. Der Betrachter bewegt sich von Bild zu Bild wie durch die Seiten einer Zeitung. Owens lässt die Grenzen zwischen Bild und Text, Sehen und Lesen, zwei- und dreidimensionaler Wahrnehmung verschwimmen und erschafft so für ihre Schau in der Sezession eine völlig neue Erfahrung von Malerei.

Schon lange gilt Cao Fei als eine der wichtigsten chinesischen Gegenwartskünstlerinnen. Sie arbeitet mit Filmen, Performances und Installationen und zählt zur ersten im postkommunistischen China aufgewachsenen Generation. In ihren Arbeiten unternimmt Cao Fei eine Zustandsbeschreibung der durch Urbanisierung, rasanten technologischen und sozialen Wandel geprägten chinesischen Gesellschaft: ihrer Ängste und verlorenen Träume, ihrer Fantasien und der Strategien, mit denen die Menschen ihre Wirklichkeit zu überwinden oder ihr zu entkommen suchen.

Für die Ausstellung hat Cao Fei vier neue Arbeiten geschaffen, die zusammen mit fünf ausgewählten Schlüsselwerken zu sehen sind. Dazu zählen etwa ihr Second-Life-Experiment RMB City (2008–2011) oder das Video COSplayers (2004), in dem chinesische Teenager in die Rollen ihrer Lieblingsfiguren aus Computerspielen schlüpfen.

Die temporäre Installation Splendid River (2015) hat Cao Fei auf der Fassade der Secession angebracht: Vier chinesische Schriftzeichen zieren das Gebäude und machen es so zur Kopie der Kopie des Wiener Originals in ihrer Heimatstadt Guangzhou. In dem Nachbau hat ein Immobilienunternehmen seinen Sitz. Solche Imitate sind ein verbreitetes Phänomen in China, wo beliebte Markenprodukte, aber auch Ikonen der westlichen Architektur und sogar ganze Dörfer wie das österreichische Hallstatt kopiert werden.

Die wohl spektakulärste Arbeit in der Ausstellung ist die Installation Rumba (2015), in der automatisierte Performances nach einem festen Zeitplan stattfinden: Haushaltsroboter vollführen eine Art Zufallschoreographie. Von einem unsichtbaren Signal in Aktion versetzt, beginnen vier Putzroboter auf einer hölzernen Bühne zu staubsaugen und sich im Kreis zu drehen. Es scheint, als tanzten sie vor Freude über die Vorteile, die die Automatisierung den Neureichen und der Mittelklasse bringt. Diese Installation knüpft an den Film La Town (2014) an, der gerade auf der Venedig-Biennale zu sehen ist. In dem aufwendig in Stop-Motion-Technik produzierten Trickfilm irren kleine Plastikspielfiguren durch eine post-apokalyptische Metropole. Sie bezieht sich aber auch auf ihren Film Haze und Fog (2013), der in Wien gezeigt wird und über den die Künstlerin auch in ihrem Interview für ArtMag sprach. Das Werk ist ein völlig neuer Typus des Zombiefilms. Angesiedelt in der Dienstleistungsgesellschaft des heutigen Peking, erzählt Haze und Fog in poetisch-abgründigen Bildern von Traditionsverlust, Umweltverschmutzung, sozialem Zerfall. Waren die unterbezahlten Putzfrauen und Kuriere im Film Untote oder moderne Sklaven, wird ihre Rolle nun von Automaten übernommen, die fröhlichen Insekten gleichen. Cao Fei übt dabei eine ebenso subtile wie treffende Kritik nicht nur an den Verhältnissen in China, sondern an einer globalen Entwicklung.  

LAURA OWENS

CAO FEI
Splendid River


02.07 – 30.08. 2015
Secession, Wien