Realität und Imagination
Frankfurt und Hamburg feiern die Fotografie

Gleich zwei Festivals widmen sich diesen Sommer dem Medium Fotografie: In Frankfurt und der Rhein-Main-Region stehen die RAY Fotografieprojekte auf dem Programm, in Hamburg die Foto-Triennale. Die Deutsche Bank engagiert sich für beide Veranstaltungen, denn die Fotografie zählt von Beginn an zu den Schwerpunkten der Unternehmenssammlung.
„Spiegel mit Gedächtnis“ – so bezeichnete man im 19. Jahrhundert die ersten Kameras. Und mit eben dem Versprechen, die Welt so zu zeigen, wie sie ist, begann der Siegeszug der Fotografie. Doch schnell wurde den Pionieren hinter der Kamera bewusst, dass sich das neue Medium nicht nur zur Abbildung von historischen Gebäuden oder malerischen Landschaften eignet. Fotografien konnten ebenso gut inszeniert werden, konnten Fantasien, Träume, Utopien abbilden. Genau dieses Spannungsfeld zwischen Dokumentation und Imagination bestimmt das Medium noch heute, wobei die digitale Technik die Möglichkeiten, eigene Bildwelten zu schaffen, noch einmal radikal erweitert hat. Die Auseinandersetzung mit diesen beiden Tendenzen der Fotografie prägt auch das Programm zweier Festivals, die sich dem Medium widmen: der Triennale der Photographie in Hamburg und von RAY Fotografieprojekte, die in Frankfurt und der Rhein-Main-Region zu sehen sind.

Um die „Erweiterung des Realen“ geht es in der Hauptausstellung von RAY, für die sich gleich drei wichtige Frankfurter Institutionen zusammengetan haben: das Fotografie Forum, das Museum Angewandte Kunst und das MMK Museum für Moderne Kunst. Sie stellen 28 künstlerische Positionen vor, in deren Werk sich echter und virtueller Raum, Dokumentation und Inszenierung durchdringen. IMAGINE REALITY zeigt, wie Künstler die Wirklichkeit als Ausgangspunkt nehmen, um imaginäre und visionäre Bildwelten zu erschaffen. Gerade in Zeiten von Instagram, Tumblr und Photoshop, in denen die Grenzen zwischen Realität und Imagination zunehmend verschwimmen, ist die Frage, wie sich Wirklichkeit überhaupt noch definieren lässt, besonders dringlich.

Fotokunst, so zeigt es die Ausstellung, kann sich dabei in ihrer Reflexion der Realität in ganz unterschiedliche Richtungen bewegen. So wirft etwa Beate Gütschow einen Blick auf die kühle Seite der Moderne. Auf ihren schwarz-weißen Großformaten verwandelt sie optimistische Architektur-Utopien in unheimliche, zusammengeklonte Neubauruinen. Die Moderne gleicht auf Gütschows Bildern einer verlassenen Baustelle. Die Spanierin Cristina de Middel hingegen dringt tief in die Mythen und Psyche Nigerias vor. Als Fotojournalistin kam sie nach Afrika, doch irgendwann war sie die kolonialistischen Klischees leid, die in der Dokumentarfotografie immer wieder multipliziert werden. Also begann sie eine eigene künstlerische Form zu suchen: Gemeinsam mit den Bewohnern eines Slums in Lagos inszenierte sie ihre Serie This is what hatred did nach Erzählungen des nigerianischen Autors Amos Tutuola. „Ich adaptiere die Realität“, sagt de Middel, „um das zu finden, was ich brauche.“ Dabei entstanden unglaublich poetische und visionäre Bilder, in denen Fiktion und Realität untrennbar miteinander verwoben sind.

Zu den Neuproduktionen, die für IMAGINE REALITY entstanden, zählt auch eine Installation von Gusmão und Paiva, die von der Deutschen Bank ermöglicht wurde. Im Zentrum der Fotografien und Filme des portugiesischen Künstlerduos stehen die Mechanismen des Sehens und unserer Wahrnehmung. Ihre Filme basieren auf Aufnahmen von alltäglichen Handlungen, physikalischen Experimenten und Naturphänomenen. Durch extreme Zeitlupe oder Einfärbungen wird dieses Material so verfremdet, dass es eine geradezu magische Präsenz entwickelt und zugleich unsere Vorstellung von Wirklichkeit in Frage stellt. (Mehr zu Gusmão und Paiva und ihrem MMK-Projekt in unserem Feature).

Begleitet wird IMAGINE REALITY von einer Vielzahl weiterer spannender Ausstellungsprojekte. So präsentiert der Nassauische Kunstverein Wiesbaden im Rahmen von RAY eine Neuproduktion von Ming Wong, der Singapur 2009 auf der Venedig Biennale vertrat. In seinem Film- und Fotoarbeiten verkörpert Ming Wong klassische Frauenrollen von der Hausfrau bis zur Geisha und macht klar, wie präsent diese Stereotypen auch heute noch sind. Während Jörn Vanhöfen in den Opelvillen den gesellschaftlichen Wandel in der Rhein-Main-Region dokumentiert, sind im MMK 3 die Finalisten des Deutsche Börse Photography Prize 2015 zu sehen: Nikolai Bakharev, Zanele Muholi, Viviane Sassen sowie ein Kooperationsprojekt der Künstler Mikhael Subotzky & Patrick Waterhouse. Im Frankfurter Kunstverein wird es politisch: Hier zeigt der amerikanische Künstler und Aktivist Trevor Paglen, was wir eigentlich nicht sehen sollen: Geheimgefängnisse, Drohnen, Abhörstationen –  Orte und Objekte, die offiziell nicht existieren.  

In Hamburg beschäftigt sich die Triennale der Photographie unter dem Motto The Day Will Come mit der Zukunft des Mediums – und unserer Welt. Sechs Ausstellungen vervollständigen diesen Titel auf eine jeweils andere Weise: So widmet sich The Day Will Come …When Man Falls in den Deichtorhallen den Serien des New Yorker Fotografen Phillip ToledanoA New Kind Of Beauty (2008-2010) zeigt mit plastischer Chirurgie optimierte Frauen und Männer in Posen, die an Renaissance-Gemälden erinnern. In seinem jüngsten Projekt Maybe steht Toledano dagegen selbst vor der Kamera. Auf Grundlage von DNA-Tests und Gesprächen mit Psychologen oder Wahrsagern entwickelte er Szenarien, wie sein Leben in 30 Jahren aussehen könnte. Auf den aufwendig inszenierten Bildern sieht man Toledano in den unterschiedlichsten Rollen – als herumstreuenden Obdachloser, dick gewordenen Verlierer oder in Ehren ergrauter Akademiker.

In der zeitgenössischen Kunst dokumentieren Fotoarbeiten häufig die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche unserer globalisierten Welt. Doch gleichzeitig wird das Medium auch genutzt, um Utopien und Hoffnungen Ausdruck zu verleihen oder Fragen von Identität zu verhandeln. Dieser Ambivalenz widmet sich die Hamburger Kunsthalle mit When There is Hope. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Deutschen Bank und präsentiert zahlreiche Arbeiten aus der Unternehmenssammlung, etwa von Carlos Garaicoa, Dayanita Singh oder Adrian Paci. Das Werk des albanischen Künstlers ist untrennbar mit seiner Erfahrungen als Migrant verbunden: 1997 verließ er mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern seine Heimat und siedelte nach Italien über. Paci dient die eigene Biografie als Ausgangspunkt für Fotoarbeiten und Videos. Autobiographisch geprägt ist auch das Werk von Mohamed Camara. Der junge Fotograf aus Bamako, der Hauptstadt von Mali, verwandelt Aufnahmen aus seinem Alltag in poetische Impressionen fernab der üblichen Medienbilder von Afrika. Camaras Fotografien lassen den Eindruck entstehen, dass sich hinter den sichtbaren Oberflächen eine andere, mystische Dimension verbirgt. Als poetisch- politisch kann man auch den Ansatz von Yto Barrada bezeichnen. Die „Künstlerin des Jahres“ 2011 verdichtet beiläufige Szenen und Eindrücke zu visuellen Metaphern, die von der Situation in ihrer Heimatstadt Tanger erzählen. Die marokkanische Küstenstadt wird gerade zu einer Touristendestination umgebaut. Doch gleichzeitig stranden hier jedes Jahr hunderte von Afrikanern, die auf ein besseres Leben im nur wenige Kilometer entfernten Europa hoffen.

Auch die Hauptausstellungen der Triennale werden von einem umfangreichen Rahmenprogramm ergänzt. So ehrt die Sammlung Falckenberg mit Lynn Hershman Leeson eine Pionierin der Medienkunst, während sich das Projekt #snapshot der aktuellen Flut digitaler Bilder widmet. Selfies, Katzenfotos, aber auch Schnappschüsse von Katastrophe oder politische Ereignissen können heute via Smartphone und Internet sofort ein globales Publikum erreichen. Noch nie zuvor in der Geschichte des Mediums wurden so viele Fotografien produziert und geteilt. Gerade vor diesem Hintergrund ist es wichtig, sich eines immer wieder klar zu machen – die Fotografie spiegelt nicht so sehr die Wirklichkeit wieder, sondern vielmehr das Bild, das wir uns von ihr machen.
Achim Drucks

RAY Fotografieprojekte
Imagine Reality

20.06. – 20.09. 2015
Fotografie Forum Frankfurt
Museum Angewandte Kunst, Frankfurt
MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt

Triennale der Photographie in Hamburg
When There Is Hope

Hamburger Kunsthalle
19.06.- 13.09.2015