Action und Abstraktion
Jackson Pollocks „Mural“ und die Fotografie

Energie sichtbar machen – darum geht es in Jackson Pollocks Malerei. Wie ihm dies gelang, veranschaulicht sein Meisterwerk „Mural“, das gerade in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen ist. Eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen war die Action Photography. Achim Drucks über eine Gruppe von Fotografen, die nicht nur Pollocks Gemälde, sondern auch zahlreiche Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank beeinflusst hat.
Die Moderne ist das Zeitalter des rasanten technischen Fortschritts und der Beschleunigung – ein Phänomen, das auch die künstlerische Avantgarde herausfordert. So heißt es 1909 im Manifest der Futuristen: „Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen ... ist schöner als die Nike von Samothrake.“ Es gilt also eine Kunst zu schaffen, die genauso zeitgemäß ist wie die neuesten technischen Errungenschaften. Diesen verdankt man auch das ideale Medium, um die Energie und den Aufbruchsgeist dieser Ära festzuhalten – den Film. Doch wie sieht es mit der Fotografie aus? Wie kann ein statisches Medium Bewegung abbilden?

Eine Antwort auf diese Frage gibt 1943 das New Yorker Museum of Modern Art mit seiner Ausstellung Action Photography. Wissenschaft und Technik, Tanz und Sport, aber auch der Krieg, der gerade in Europa und Asien tobt, liefern Motive voller Dynamik, die sich mittels Hochgeschwindigkeitsfotografie oder Momentaufnahmen einfangen lassen. Die „Action Fotografen“ halten den Sekundenbruchteil fest, in dem eine Kugel aus dem Revolverlauf schießt. Oder sie fotografieren die Bewegungen eines Lichtstrahls in einem abgedunkelten Raum. Mittels Langzeitbelichtungen werden daraus abstrakte Liniengeflechte.
 
Neben der Langzeitbelichtung ist auch die Stroboskop-Technik in der Action Photography eine äußerst beliebte Methode. Sie erlaubt es, verschiedene Phasen eines Bewegungsablaufs auf einer einzigen Aufnahme zu dokumentieren. So lässt Gjon Mili auf Alfred Hitchcock during the filming of Shadow of a Doubt (1943) den korpulenten Star-Regisseur gleich mehrfach wild gestikulierend durchs Bild marschieren. Genau diese Fotografie aus der MoMA-Schau ist jetzt im Rahmen von Jackson Pollock’s 'Mural' in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen. Die Ausstellung rund um Pollocks größtes Gemälde veranschaulicht, dass dieses Meisterwerk nicht nur vom mexikanischen Muralismo oder den zersplitterten Formen in Picassos kubistischen Bildern beeinflusst wurde, sondern eben auch von der Action Photography. Und so wirkt der nach links aus dem Bild hinaus schreitende Hitchcock hier wie eine fotografische Vorstudie zu Pollocks Mural. Pollocks schemenartige Figuren marschieren ebenfalls nach links durch das Gemälde, ihre nach vorne gewölbten Körper erscheinen auf einmal wie ein Echo auf den sich wiederholenden Körper des Regisseurs.

Doch es geht Pollock natürlich nicht allein um die Darstellung rein physischer Bewegung. Hitchcock bringt in seinen Filmen Ängste und Obsessionen auf die Leinwand, Pollock das Unterbewusste. Nicht umsonst hat er sich so intensiv mit den Ideen des Psychoanalytikers C. G. Jung beschäftigt. „Der moderne Künstler“, so Pollock, „drückt eine innere Welt aus – mit anderen Worten – die Energie, die Bewegung und die anderen inneren Kräfte“. Energy Made Visible, lautet dann auch der Untertitel der Ausstellung in der KunstHalle. Dieses Ziel teilt Pollocks Malerei mit der „Action Photography“. Die MoMA-Schau ist 1943 bezeichnenderweise genau in den Wochen zu sehen, in denen Pollock an Mural arbeitet. In dem Katalog zu der Berliner Ausstellung weist Kurator David Anfam akribisch nach, wie stark der Maler von diesen Aufnahmen beeinflusst wurde. So widmet er der Fotografie dann auch einen wesentlichen Teil seiner Schau. Präsentiert werden aber nicht nur Bilder, die damals in New York gezeigt wurden, sondern auch Arbeiten von Vorläufern sowie von Fotografen, die sich in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg mit Bewegung und Abstraktion beschäftigen.

Als wichtigster Pionier der Action Photography gilt Eadweard Muybridge. In der KunstHalle ist er mit der Serienaufnahme eines springenden Mannes aus seinem 1887 erschienenen Portfolios Animal Locomotion vertreten. Dank Muybridges Fotosequenzen ließen sich Bewegungsabläufe erstmals detailliert studieren. So bewies er, dass ein Pferd beim Galopp tatsächlich alle vier Beine gleichzeitig vom Boden löst und beendete einen langen Streit unter Naturwissenschaftlern. Die Kamera sieht eben mehr als das menschliche Auge. Am visuellen Fundus von Animal Locomotion bediente sich nicht nur Degas für seine Ballettstudien, sondern auch Duchamps bei seinem legendären Gemälde Akt, eine Treppe herabsteigend (1912) , das eine menschliche Figur in verschiedenen, sich überlagernden Bewegungsphasen zeigt. Jahrzehnte später wird der Minimal-Künstler Sol LeWitt zum Fan dieser Sequenzen. Er begeistert sich vor allem für die Logik des seriellen Bildes. Und auch Jürgen Klaukes konzeptuelle Fotografie steht in der Tradition dieser Serienaufnahmen. In Arbeiten wie Formalisierung der Langeweile (1980) aus der Sammlung Deutsche hält Klauke seine Inszenierungen absurder Rituale in ebensolchen Sequenzen fest wie einst Muybridge die Bewegungen von Menschen und Tieren.  

Neben dieser wissenschaftlich getriebenen Fotografie lieferte auch die europäische Avantgarde wichtige Anregungen für die „Action Photography“. In der KunstHalle belegen dies Cami Stones 1929 entstandenen Aufnahmen aus dem nächtlichen Berlin. Die Lichter der Großstadt verwandeln sich hier in gleißend helle Linien und Schraffuren. Diese Bilder sind Ausdruck einer progressiven, urbanen Ästhetik. Und so ist Cami Stone 1929 auch in Es kommt der neue Fotograf! vertreten. Dieses Fotobuch propagiert das Neue Sehen, eine von Konstruktivismus und Bauhaus beeinflusste Fotografie, die mit harten Kontrasten von Licht und Schatten, Verzerrungen und Verkürzungen arbeitet. Alltagsmotive werden zu abstrakten Kompositionen, gefeiert werden Maschinen und Großstädte, Wissenschaft und Technik. Ein mechanisches Gerät wie die Kamera erscheint als das perfekte Werkzeug, um die Welt der Moderne zu erfassen.

Laszlo Moholy-Nagys künstlerische Arbeit wird ebenfalls von dieser Begeisterung für Fortschritt und Technik getragen. Mit seinem Licht-Raum-Modulator setzte er 1930 die Skulptur buchstäblich in Bewegung. Und auch in der Fotografie geht er immer wieder neue Wege. Für die in den 1920ern entstandenen Werke, die heute Teil der Sammlung Deutsche Bank sind, spielte er mit extremen Perspektiven, um Impressionen von Straßen und Landschaften zu verfremden. Bereits in den 30er Jahren beginnt Moholy-Nagy, mit Farbfilmen zu experimentieren. In der KunstHalle ist eine dieser seltenen Aufnahmen zu sehen: Die wild bewegten, roten und weißen Linien der Leuchtreklamen und Scheinwerfer auf seiner wohl in New York entstandenen Nachtszene scheinen Pollocks „Action Paintings“ vorwegzunehmen.

Es sind genau diese Korrespondenzen, die die Fotoarbeiten in der KunstHalle so spannend machen. Ihre Themen und Formensprache lassen sich bis in die Gegenwartskunst weiterverfolgen und finden sich auch auf zahlreichen Fotografien aus der Sammlung Deutsche Bank wieder – vor allem bei Künstlern, die sich mit dem Erbe der Moderne auseinandersetzen. So übernimmt Günter Förg bei seinen Aufnahmen von Bauhaus-Bauten oder der sowjetischen Revolutionsarchitektur die Ästhetik des Neuen Sehens, rückt aber auch die bröckelnden Fassaden ins Bild. Markus Amms 2005 entstandene Luminogramme antworten direkt auf Moholy-Nagys berühmte Fotogramme. Beide Techniken kommen ohne Kameraeinsatz aus. Doch Amm treibt die Reduktion der Mittel noch weiter und verzichtet auch auf die Gegenstände, die bei der Produktion eines Fotogramms direkt auf dem lichtempfindlichen Film platziert werden. Er arbeitet ausschließlich mit Licht und Fotopapier. Dabei entstehen Bilder, deren konstruktivistische Formen sich wie der Mythos der Moderne aufzulösen scheinen.

Jackson Pollock hat in den 1940ern seinen persönlichen Verbindungsmann zu den fortschrittlichen Tendenzen in Europa: den Schweizer Fotografen und Grafikdesigner Herbert Matter, der in New York für Magazine wie Vogue und Arts & Architecture arbeitet. Die Ehefrauen der beiden Künstler, die Malerinnen Lee Krasner und Mercedes Carles, hatten sich 1936 im Gefängnis kennengelernt, wo sie nach einer Demonstration gelandet waren. Pollock und Matter verbindet seit dieser Zeit eine enge Freundschaft. Matter ist auch in der MoMA-Schau vertreten – ein weiteres Indiz, dass Pollock „Action Photography“ gesehen hat.
 
Matters Beitrag Mobile in Motion ist von Alexander Calders kinetischen Skulpturen angeregt. Dem fragilen, aus Draht und Metallplättchen gefertigten Mobile verhilft der Fotograf mit der Stroboskop-Technik allerdings zu einer ganz neuen Wirkung. Calders sich drehende Objekte gleichen auf seiner Aufnahme einem Spiralnebel, der im Weltall schwebt. Ähnlich kosmisch wirken auch Peter Keetmans 1950 entstandene Plastische Schwingungen. Sie entstehen mit einfachsten Mitteln: einer pendelnden Taschenlampe und einer Kamera, die auf einem sich drehenden Plattenspieler montiert ist. Doch das Ergebnis überzeugt mit unglaublicher Präzision: Die weißen Spiralen sehen aus, als habe der Fotograf eine mathematische Formel visualisiert. Keetmanns abstrakte Lichtzeichnungen scheinen sich wie virtuelle Diagramme in einer schwarzen Unendlichkeit zu bewegen. Die Futuristen hätten ihre technoide Ästhetik geliebt. Lange vor digitaler Revolution und Computerkunst scheinen diese Fotografien die Zukunft vorwegzunehmen.

Jackson Pollock’s 'Mural': Energy Made Visible
25.11.2015 – 10.04.2016
Deutsche Bank KunstHalle