Die Rettung der Schmetterlinge
Auf einen Tee mit Petrit Halilaj

Mit seinen poetischen Installationen und fantastischen Zeichnungen erobert Petrit Halilaj gerade die internationale Kunstwelt. Dabei ist sein Werk durchaus politisch und beruht auf harten Erfahrungen: Krieg, Vertreibung, Vergessen. Auch in der Sammlung Deutsche Bank ist der junge kosovarische Künstler vertreten. Oliver Koerner von Gustorf hat ihn in seinem Berliner Studio besucht.
„Nimm noch mal ein gutes Bild auf, morgen ist die Schule nicht mehr da“, sagt der kleine Junge. Das hat etwas Abgeklärtes, aber auch Bedrohliches. Dabei beginnt das Video zu Petrit Halilajs Ausstellung ABETARE 2015 im Kölnischen Kunstverein ganz unverfänglich: 2010 besucht er noch einmal seine alte Schule im kosovarischen Dorf Runik, die er von 1992 bis 1997 besuchte. Er muss sie geliebt haben. In seiner Biografie ist sie als der Ort der ersten Einzelausstellung des damals gerade einmal 10-Jährigen verzeichnet, anscheinend von seiner Lehrerin kuratiert. Nur ein Jahr später, 1998 nach dem Ausbruch des Kosovokriegs, war Halilaj bereits mit seiner Familie auf der Flucht. Jahre später kommt der inzwischen international arbeitende Künstler also zurück in sein Heimatdorf, zufällig einen Tag bevor das Gebäude abgerissen wird, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Er filmt das Geschehen, die Arbeiter auf dem Dach, die wiederverwertbares Baumaterial aussortieren, die spielenden Grundschüler, die um das verlassene Gebäude rennen, sich sammeln und auseinander stieben wie ein Vogelschwarm. Intuitiv scheinen die Kinder zu spüren, dass Halilaj anders ist. Aus anfänglicher Unsicherheit wird Angriffslust. Sie halten das Objektiv zu, greifen nach der Kamera, schneiden Grimassen, beginnen zu schreien. Latente Gewalt liegt in der Luft, etwas mehr als sonst auf einem Schulhof. Halilaj kann sie kaum noch in Schach halten und folgt einer Gruppe ins Gebäude, auf eine Führung, die in einen Moment purer Zerstörung mündet. Durch die Anwesenheit der Kamera und des Künstlers scheinen die Dinge erst zu eskalieren. Die Kinder werfen Fensterscheiben ein, verspritzen Farbe, zerfetzen Plakate und Karten und reißen Bilder von den Wänden. Immer wieder hört man Halilaj fassungslos „Nein, tu das nicht!“ rufen, während er beim Filmen versucht die Kinder aufzuhalten. „Wer ist das eigentlich?“ fragt scheinheilig ein bulliger Junge, der auf der gerahmten Fotografie eines Sportlers oder Politikers herumtrampelt. „Ich weiß es nicht, du zerstörst gerade sein Gesicht.“ antwortet Halilaj trocken. Und da ist er plötzlich dieser Grundkonflikt: Der stille, heimliche Kampf zwischen den Nerds, den Außenseitern, den Exzentrikern und den Vertretern der vermeintlichen Normalität, die scheinbar immer die Oberhand haben. In diesem Moment bekommt der Film plötzlich eine subversive Ironie, die Halilajs gesamtes Werk auszeichnet, es geradezu antreibt.  

ABETARE, das ist die Schulfibel, die jedes Kind im Kosovo kennt und mit der auch Halilaj aufwuchs. Immer wieder unterbrechen Buchseiten mit nostalgisch-idealisierten Illustrationen, Buchstaben und Schreibübungen den Film und die Zerstörung der Dorfschule, wie eine Folie, die sich nicht mehr mit der Wirklichkeit deckt. Für seine Installation im Kölnischen Kunstverein hat er aus diesen sich einander überlagernden Ebenen eine andere Art von Alphabet erschaffen: Die Kritzeleien, Zeichnungen und Sprüche, mit denen das Mobiliar und die Klassenzimmer vollgeschmiert sind und die er im Film gemeinsam mit den Kindern begutachtet, hat er im Kölnischen Kunstverein mit dünnen Stahlstangen extrem vergrößert nachgebaut. Dreidimensional ziehen sich diese riesigen Krakeleien, Herzen, Sterne, Maschinengewehre, Vögel, Schriftzüge wie KFOR oder UCK durch den sonnendurchfluteten Bau der Nachkriegsmoderne. Sie ballen sich an der Decke, umzingeln Türrahmen, krallen sich an Treppengeländern fest, werfen Schatten und Spiegelschriften. Im Kellergeschoss türmen sich alte Pulte. Einigen von ihnen hat der Künstler so lange Beine verpasst, dass sie hoch durch das Treppenhaus in die oberen Etagen ragen. Es sieht aus wie nach einem Bombeneinschlag. Mit seiner Intervention hat Halilaj die Institution wirklich vollgeschmiert, ein direktes, semiotisches Erlebnis geschaffen. Denkt man an Fragmente einer Sprache der Liebe, das berühmte, 1977 erschienene Buch des Poststrukturalisten und Semiotikers Roland Barthes, dann hat Halilaj so etwas wie Fragmente einer Sprache des Krieges und des Konflikts zusammengetragen – all die Normen und Zwänge, die Klischees und Geschlechterrollen, mit denen Kinder von klein auf konfrontiert werden. Aber auch das Fantasievolle und Poetische, das sich nicht fassen lässt, das leicht wie ein Schmetterling umherflattert, und gerade aus der Position der Verletzlichkeit Neues und Originelles hervorbringt.

Er selbst, erzählt Halilaj, sei ein ziemlich besonderes Kind gewesen: „Scheinbar liebte ich Schmetterlinge, als ich vier oder fünf Jahre alt war. Und immer wenn sich meine Eltern weigerten mich hochzuheben, damit ich sie fangen konnte, fing ich so an zu weinen, dass sie mich ein „hysterisches Mädchen“ nannten. Ich fing sie und brachte sie in mein Zimmer. Dort waren ständig etwa 10 Schmetterlinge. Meine Mutter musste lachen und sagte: ‘Wir waren so froh, als du in die Schule kamst, weil du da endlich etwas normaler wurdest.’“ Richtig “normal“ wurde Halilaj nie. Im Flüchtlingscamp in Albanien bekam jedes Kind von Mitarbeitern der Hilfsorganisation einen Stift zum Malen angeboten. Halilaj verlangte zwei, weil er beidhändig sei. Wenig später filmten Kamerateams den damals 13-jährigen Flüchtling, der mit beiden Händen gleichzeitig Sittiche, Truthähne oder Hühner zeichnete.

Auch noch Jahre später hat man ein bisschen den Eindruck einer Art Wunderkind gegenüber zu sitzen. Der gerade einmal 30-jährige Künstler wirkt erstaunlich freundlich, offen, fast weich. Es ist ein verregneter Winterabend in Berlin. Wir trinken Tee in seinem Studio in Berlin Wedding. Und das ist nun gar nicht so, wie man es sich von einem angehenden Kunststar vorstellt. Der Raum unter dem Dach einer Remise im Hinterhof ist überschaubar. Ein riesiger Tisch voller Bücher, Magazine, Zeichnungen und Blätter, eine Couch, auf der gerade seine kleine Schwester übernachtet. Ihr Visum läuft aus und sie muss bald zurück in den Kosovo. An zwei kleinen Schreibtischen sitzen sich Halilaj und seine Assistentin gegenüber.

Man kann kaum glauben, dass hier all diese Projekte gestemmt werden. Angefangen hat es 2010, mit der von Kathrin Rhomberg kuratierten Berlin Biennale. 2013 repräsentiert er als erster Künstler den Kosovo auf der Biennale in Venedig und hat eine große Einzelausstellung im Brüsseler WIELS. 2015 folgt der Doppel-Coup im Rheinland. Fast zeitgleich zu ABETARE im Kölnischen Kunstverein zeigt Halilaj in der Bonner Bundeskunsthalle die Ausstellung She fully turning around became terrestrial. Als wir uns zum Gespräch treffen, läuft gerade noch seine ziemlich monumentale Werkschau Space Shuttle in the Garden im renommierten Mailänder Pirelli HangarBicocca.

Wie vielleicht vor ihm nur der vietnamesisch-dänische Künstler Danh Vo ist auch Petrit Halilaj in wenigen Jahren zu einer Art Liebling der Kuratoren geworden. Was ihn mit Vo verbindet ist, dass auch er aus seiner von Flucht und Migration geprägten Geschichte eine ganz eigene konzeptionelle Formensprache entwickelt hat, die ebenso reduziert wie  biografisch und psychologisch aufgeladen ist. Auch Halilaj bezieht Bruchstücke seiner Familiengeschichte und historische Artefakte in seine Werke ein und hinterfragt Geschlechterrollen und kulturelle Identitäten. Auch bei ihm geht es um Abwesenheit, den Verlust von Zugehörigkeit und Heimat.

Was die beiden allerdings unterscheidet ist Halilajs buchstäbliche Erdigkeit, der Lehm und die Exkremente mit denen er arbeitet, der Dreck, in dem er wühlt. Das können wie etwa 2011 bei den Statements auf der Art Basel 60 Tonnen Erde vom Grundstück des zerstörten Elternhauses im Kosovo sein, die er kommentarlos in die Koje seiner Galerie kippen ließ - eine so schwere Last, dass der Fußboden der Halle fast nachgab. Das kann eine ganze Menagerie von Tieren sein, die er für die Ausstellungen im WIELS und der Bundeskunsthalle aus Lehm und Kuhdung nachformte und in minimalen, geometrischen Installationen aus golden schimmernden Kupferstangen montierte. Diesen beiden Ausstellungen geht der abenteuerliche Fund eines kompletten, verschollenen Naturkundemuseums voraus.

Als Halilaj 2009 eine Ausstellung in einem Projektraum macht, der in einem Seitenflügel des Völkermuseums in Pristina untergebracht ist, macht er eine merkwürdige Entdeckung: „In der Nacht vor der Eröffnung räumte ich ein paar Dinge ins Lager des Museums zurück und fand da diese wundervollen Holzkästen mit dem, was einmal Schmetterlinge gewesen sein mussten. Ich war sofort fasziniert, weil man zwar noch die Nadeln sah, aber die Schmetterlinge waren fast völlig verrottet und begannen sich aufzulösen. Überall auf den Kästen waren Spritzer von Farbe und Zement, Staub und Sand. Man sah, dass sie viel mitgemacht hatten. Um ehrlich zu sein, ich war fast etwas besessen von ihnen. Ich nahm also die Schmetterlinge einfach mit und dachte, ich rette sie, offensichtlich wollte sie ja keiner. Aber am Morgen kam der Kurator des Projektraumes und fragte mich, was ich um Gottes Willen getan hätte. Ich erwiderte, die Schmetterlinge seien völlig verwahrlost und dass ich sie behalten wolle. Er forderte mich auf, sie sofort in der nächsten Nacht zurückzubringen, wenn die Museumswächter nicht da seien. Man solle sie nicht berühren, sie gehörten dem Völkerkundemuseum. Und ich fragte mich, warum um alles in der Welt hat ein Völkerkundemuseum Schmetterlinge? Dann besuchte ich das Museum und keine Spur eines Tieres. Waren dies also spezielle serbische oder albanische Schmetterlinge?“

Als er eines Tages wieder im Projektraum ist, findet er unter einem Waschbecken ein altes, völlig durchgeweichtes Notizbuch. Als er es öffnet, sieht er den Schriftzug „Naturkundemuseum Pristina“. Halilaj erzählt, wie er damals alle Hebel in Bewegung setzte, um die Schmetterlinge zu behalten und herauszufinden, was mit dem Naturkundemuseum passiert sei. Er habe „Liebesbriefe“ an den Kurator und die Direktion des geschrieben, aber es half nichts. Erst als ein neuer Direktor für das Völkerkundemuseum berufen wird, kommt die Sache in Bewegung. Halilaj lernt den ehemaligen Direktor des Naturkundemuseums kennen, einen Biologen, der wie in einer Novelle von Kafka dreizehn Jahre nach dem Verlust seines Postens noch immer in einem Büro im Haus sitzt. Und er erfährt, dass das Naturkundemuseum 2001 in einer Nacht- und Nebelaktion geräumt wurde um dem Völkerkundemuseum Platz zu machen, das von nun an Einblicke in die albanischen Volkstraditionen bieten sollte. Verständlich, sagt Halilaj. Es sei klar, dass die Kosovo-Albaner als junge Nation mehr von ihrer Geschichte zeigen wollten als einheimische Fauna. Doch was dann passierte, sei der wirkliche Skandal: „Während des Krieges nahmen die Serben jede Menge von archäologischen Artefakten mit, ließen aber die Sammlung des Naturkundemuseums völlig intakt und unberührt. Dann wechselte das politische System und sie nahmen die Sammlung einfach raus. Die erste Partei ignorierte sie, die zweite vernachlässigte sie, ohne sich weiter zu kümmern, was mit ihr passierte – aus einer Mischung von Arroganz, Ignoranz und Faulheit. Niemand nahm sich die Zeit, die Tiere richtig zu lagern.“    
 
Halilajs Film Poisoned by men in need of some love (2013) zeigt die Bergung, die der Künstler schließlich durchsetzt. Der Weg hinunter in den Keller gleicht dem Abstieg in eine ägyptische Grabkammer. Schuldbewusst, aggressiv, mit bürokratischem oder wissenschaftlichen Eifer, versuchen die Mitarbeiter des Museums die Öffnung bis zum letzten Moment zu verhindern und die Scham darüber zu verbergen, was mit der Sammlung in den feuchten, überheizten Räumen passiert ist. Die Situation erinnert an die Szenen in der Schule. Halilaj repräsentiert den Nerd, den Spinner, das Kind, das die Schmetterlinge haben will. Er geht einfach nicht weg und fragt immer wieder ganz unschuldig „Was macht ihr hier eigentlich?“ Bei unserem Gespräch betont er, dass es in Ordnung sei, Leute zu verunsichern und in Schwierigkeiten zu bringen. Es ist zu verstehen warum, wenn man sieht, wie die Haushandwerker die Kisten aufstemmen, und der ungeheure Schaden zum Vorschein kommt. Der Anblick der ausgestopften, von Schimmel und Rissen überzogenen Tiere berührt und ist von merkwürdiger Schönheit Mit ihren vertrockneten Gliedmaßen, Schnäbeln und Schnauzen wirken die Biber, Rehe und Reiher wie mystische Fabelwesen. Die Gruppen von aneinander gepressten Eulen und Enten, die Schubladen voller Schlangen, die beinahe zu Staub verfallen sind Sinnbilder der Vernachlässigung. Sowohl im Film wie auch in seinen Installationen aus den alten Vitrinen und den aus Exkrementen nachgeformten Tierkörpern vollbringt Halilaj das Kunststück, diese Zustände des Verfalls auch als gesellschaftliche Zustände sichtbar zu machen – ohne didaktisch den Zeigefinger zu erheben.

Vielmehr kann man seine Kunst als einen Liebesdienst bezeichnen. Die Vögel und Tiere die Halilaj, wie auch auf seinen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank, nach alten dokumentarischen Fotografien des Naturkundemuseums detailreich nachzeichnet, sind weit mehr als Rekonstruktionen von Rekonstruktionen. Er versieht diese vergessenen Wesen mit fantastischen, jugendstilartigen Federn, wie die Darsteller in einem dekadenten Schauspiel. Einem ausgestopften, augenlosen Kanarienvogel in seiner Installation verpasst er eine operettenhafte, frivole Maske, die in einiger Entfernung von seinem Schnabel schwebt – als Metapher für das Wechselspiel zwischen Sehen und Gesehen werden, Subjekt und Objekt, aber auch als Sinnbild eines anderen, queeren Blicks. Die Tiere, die er aus Kuhmist und Lehm nachformt und in modernistische Strukturen aus goldschimmernden Messingstangen implantiert, unterstreichen seine Arbeitsweise – die alchemistische Idee, aus Exkrementen, aus dem absolut Wertlosen Gold zu gewinnen. Dieser materielle Prozess ist in der Alchemie zugleich ein innerer, spiritueller Weg, der zu Weisheit und Erkenntnis führt. „ Auf gewisse Weise geht es in meinen Arbeiten manchmal darum, wie man mit Mist umgeht“, sagt Halilaj, „ob man ihn ignoriert oder nicht. Als ich mich mit dem Museum beschäftigte, fragte ich mich auch, ob ich das nicht einfach sein lassen sollte. Ich wusste ja, dass das ganze Museum irgendwo eingelagert war. Und es war eine unangenehme Geschichte, für die man sich wirklich schämen konnte. Sollte ich diese Sache nun anrühren oder nicht doch lieber meine Freunde anrufen, mit ihnen eine wunderschöne Reise unternehmen und daraus irgendeine Form von Kunst machen? Ich konnte mich nicht dazu durchringen, weil ich damit andere Leute hängen lassen würde. Aber letztendlich ging es und geht es nur darum, mich selbst mit diesen Dingen zu konfrontieren.“