Not New Now
Die 6. Marrakech Biennale

“Zweifel sind das Tor zur Weisheit” – Zeilen wie diese ließen die Lyrik von Abderrahmane El Majdoub im Maghreb zu einem Teil der Alltagskultur werden. Die ursprünglich nur mündlich überlieferten Vierzeiler des 1568 verstorbenen Dichters und Sufi-Mystikers sind tief in der kollektiven Erinnerung dieser Region verankert. Jetzt haben seine Gedichte Yto Barrada zu ihrem Beitrag zur sechsten Ausgabe der Marrakech Biennale inspiriert: Majdoub Rag Flag.  Für diese Textilinstallation recycelte die „Künstlerin des Jahres“ 2011 der Deutschen Bank kleine Reste alter Stoffe. Sie wurden zu Flaggen vernäht, auf denen Zeilen aus El Majdoubs Gedichten  zu lesen sind. Barradas Patchwork-Fahnen wehen am Bahia Palast und bilden so einen Kontrapunkt zu den prachtvollen Marmorfliesen, Mosaiken und Stuckarabesken, die das zum Weltkulturerbe zählende Gebäude schmücken. Der Opulenz vergangener Zeiten setzt die Künstlerin eine Ästhetik des Beiläufigen und der Bescheidenheit entgegen.

Barradas Installation passt perfekt zum künstlerischen Ansatz der diesjährigen Marrakech Biennale. Unter dem Titel Not New Now sucht die  Kuratorin Reem Fadda, Zweifel zu sähen – vor allem an unserer kulturellen Fixierung auf das Neue. Begriffe wie Recycling, Folklore, Materialität, Verantwortung oder Ökologie bilden den assoziativen Rahmen ihres Ausstellungsprojekts. Zugleich geht es Reem Fadda auch um die Auseinandersetzung mit den häufig von Armut, Gewalt,  und religiösen Spannungen geprägten gesellschaftlichen Verhältnissen in den nordafrikanischen und arabischen Ländern. Eingeladen hat sie rund 50 Künstler, von denen neben Yto Barrada auch Kader Attia, Mona Hatoum und Adrián Villar Rojas in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind. Wie immer bei der 2005 initiierten Biennale liegt ein Schwerpunkt auf Künstlern aus den beiden Welten, die sich in Marrakech begegnen – der Maghreb und die südlich der Sahara gelegenen Regionen. Dabei blickt die Biennale nicht nur auf die Gegenwart, sondern  präsentiert auch die Künstler der Casablanca School, die in den in den ersten Jahren nach dem Ende der französischen Kolonialherrschaft zeigten, wie sich lokale und internationale Einflüsse miteinander verbinden lassen. Indem sie Hard Edge-Malerei à la Frank Stella mit den abstrakten Formen der marokkanischen Volkskultur kombinierten, schufen sie eine ganz eigene, marokkanische Antwort auf die Moderne.

Gewidmet ist die 6. Marrakech Biennale dem Andenken an die französisch-marokkanische Fotografin Leila Alaoui, die im Januar  bei einem islamistischen Terrorangriff in Burkina Faso ums Leben kam. Dort war sie im Auftrag von Amnesty International für ein Projekt zu  Frauenrechten tätig. Mit Serien zu Themen wie Identität und Migration war sie auch auf den Marrakech Biennalen 2012 und 2014 vertreten. In Erinnerung an die mit nur 33 Jahren verstorbene Künstlerin ist dieses Jahr ihr Projekt l’île au Diable zu sehen, eine Hommage an die Arbeiter aus den ehemaligen französischen Kolonien. Der Tod von Leila Alaoui wirft ein Schlaglicht auf die Bedrohungen, unter denen viele Menschen im Norden Afrikas und den arabischen Staaten leben. Doch die Macher der Biennale lassen sich nicht einschüchtern. In einem Statement heißt es: „Möge die Erinnerung an dich uns dazu anspornen zu leben und zu schafften, gegen jedes Unrecht und die Feinde der Aufklärung zu kämpfen und daran mitzuarbeiten, eine solidarische und mitfühlende Gesellschaft aufzubauen.“  

6. Marrakech Biennale – Not New Now
24.02. – 08.05.2016