Psychogramme modernen Lebens
Heidi Speckers Porträts in der Berlinischen Galerie

Wir leben im Zeitalter der Selbstoptimierung. Das gilt auch für die Fotografie. „Es gibt heute kaum noch Fotos von Leuten über 40, die nicht optimiert sind. Entweder haben sie sich selbst chirurgisch optimiert oder die Porträts werden in der Postproduktion nachgebessert“, erklärte Heidi Specker 2015 im Interview mit ArtMag. Jetzt ist ihr jüngstes Projekt, die Porträt-Serie IN FRONT OF in der Berlinischen Galerie zu sehen, gemeinsam mit IM GARTEN, der wohl berühmtesten, zwischen 2003 und 2004 entstandenen Serie der Berliner Fotografin, die mit zahlreichen Arbeiten auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist.

Wie schon die Architekturbilder, durch die Specker seit Mitte der 1990er Jahre bekannt wurde, verbindet ihre 70-teilige Porträtserie analytische und formale Distanz mit einem sehr persönlichen Interesse. Die Freunde und Bekannten, die Specker in ihrem Atelier mit indirektem Blitzlicht fotografierte, wirken in ihrer Alltäglichkeit verletzlich, fast etwas verloren. In den undefinierten Räumen deuten nur einige Requisiten Tiefe oder Atmosphäre an. Ergänzt werden die Porträts durch Aufnahmen von Körperfragmenten und Stillleben. Mit „IN FRONT OF“ stellt Specker den durch den Kanon der Kunstgeschichte geprägten Blick auf das Porträt in Frage. Gleichzeitig geht es ihr um Machtverhältnisse: die Interaktionen und Abhängigkeiten, die während einer Porträtsitzung zwischen Fotografin und Modell entstehen, und die Sehnsucht aller Beteiligten nach Selbstdarstellung.  

Zugleich ist „IN FRONT OF“ ein Plädoyer gegen Optimierungswahn und Perfektionismus. Die Schonungslosigkeit, mit der die 1962 geborene Künstlerin ihre Freunde aufnimmt, geht nicht nur mit dem „anti-illusionistischen“ Blick auf die Menschen vor der Kamera einher, sondern auch mit der reduzierten Technik, mit der sie fotografiert werden. Die Bilder thematisieren die Bedingungen jedes einzelnen Shootings – die künstlerische Tradition, in der das Porträt steht, aber auch die Spannungen und Interaktionen zwischen Fotograf und Modell. Specker bemüht sich, so wenig wie möglich zu verbergen – weder die Intimität zwischen ihr und den Menschen vor ihrer Kamera, noch die Unmöglichkeit in bestimmten Momenten Nähe herzustellen. Die Porträtierten stammen überwiegend aus der Generation der Fotografin, es sind ihre Freunde und Bekannte, zu denen auch andere Künstler, Kuratoren oder Kulturjournalisten zählen– und so ist „IN FRONT OF“ auch die Annäherung an das Netzwerk, in dem sich Heidi Specker bewegt.

Dass in der Berlinischen Galerie auch ihre Architekturaufnahmen zu sehen sind, erklärt sich durch den gleichen spezifischen Blick: Nähert sich Specker den modernistischen Bauten doch auf ähnliche Weise wie den Menschen. Anstelle der Kleidung treten Fassaden, anstelle der Personen treten Gebäude, die Teil eines sozialen Gefüges sind. So erinnern auch die Aufnahmen von Bäumen und Sträuchern, die Specker vor urbanen Architekturen fotografiert, in an die kühle, eher distanzierte Fotografie der Neuen Sachlichkeit. Doch wie ihre Porträts sind sie gleichzeitig Psychogramme des modernen Lebens.
 
Heidi Specker
IN FRONT OF
Fotografien 2005/2015

bis 11.07.2016
Berlinische Galerie