Biennale of Sydney
Auf der Suche nach einer gerechteren Zukunft

Mit Think-Tanks, Zeltlagern und futuristischen Opern nähert sich das wichtigste Kunstevent Australiens der Realität des Post-Internet-Zeitalters an. Anneke Jaspers, Kuratorin für Gegenwartskunst an der Art Gallery of New South Wales, über eine erstaunlich politische und von der Deutschen Bank geförderte Biennale.
Als die Biennale of Sydney 1973 gegründet wurde, lag der globale Biennale-Boom noch in weiter Ferne. Zwar waren bereits die documenta wie auch die Biennalen in Venedig und São Paulo etabliert, doch in dieser Region betrat die Biennale of Sydney Neuland. Nicht nur weil sie der internationalen Gegenwartskunst im asiatisch-pazifischen Raum eine Plattform bot, sondern auch die Kunst der Ureinwohner erstmals in diesen Kontext einbezog. Die Ausstellung positionierte sich in einer Zeit, in der Australien begann, das eigene Selbstverständnis, seine geografische, politische und kulturelle Rolle in der Welt zu hinterfragen. Dabei prägten zwei unterschiedliche Interessenslagen die Diskussion: das Bedürfnis, globale Bedeutung zu erlangen und sich zu vernetzen, sowie die Notwendigkeit, lokale Eigenheiten zu erkunden und zu analysieren.

Fast ein halbes Jahrhundert später steht die 20. Biennale of Sydney vor der Aufgabe, sich wieder zu verorten. Den Ausgangspunkt hierfür bildet die von Stephanie Rosenthal gestellte Frage, die zugleich das Leitmotiv der Schau bildet: „Wenn jede Epoche ihre ganz eigene Sicht auf die Realität postuliert, wie sieht dann unsere Sicht aus?“ Sie spricht damit vor allem die heutigen Lebensbedingungen an, aber auch die Entwicklungen, die den Kontext der Gegenwartskunst und das Spannungsfeld dieser Biennale bestimmen. Vieles hat sich seit ihrer Gründung verändert: Damals gab es noch kein Internet, Ideen von postkolonialer Identität und Politik standen noch nicht im Mittelpunkt, und die zweite Welle des Feminismus kam gerade erst ins Rollen. Doch was ist seitdem erkämpft worden und was gilt es noch einzufordern?

Diese Leitfrage geht Hand in Hand mit Rosenthals Ausstellungstitel für die Biennale The future is already here – it’s just not evenly distributed, der einem Zitat des Science-Fiction-Autors William Gibson entlehnt ist und ebenso auf die globalen Krisen wie auf die drängenden sozialen Probleme in Australien anspielt. Die Schere zwischen Arm und Reich, die Benachteiligung indigener Völker, die Grenzen kultureller Zugehörigkeit, wie sie sich in der Flüchtlingskrise widerspiegeln, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, die Vereinnahmung natürlicher Ressourcen durch private Interessen – all das klingt in diesem kuratorischen Leitsatz an und wird von den beteiligten Künstlern untersucht.

Die Biennale erstreckt sich über den gesamten Stadtraum. Zu den sieben zentralen Veranstaltungsorten gehören zwei bedeutende Kunstmuseen Sydneys und einige wichtige Projekträume. Dazu kommt Cockatoo Island, eine mitten im Hafen gelegene, verlassene Insel voll labyrinthischer Bauten, die als Strafgefangenenlager und Werft diente und heute zum Weltkulturerbe zählt. Rosenthal hat außerdem kleine, überraschende Orte hinzugewonnen, etwa eine Bücherei oder einen Friedhof. Ähnlich, wie diplomatische Vertretungen einen autonomen politischen Raum für sich beanspruchen, verstehen sich die Hauptausstellungsorte als „Botschaften des Nachdenkens“. Jede von ihnen ist einem weit gefassten poetischen Konzept gewidmet, etwa die „Botschaft des Realen“, des „Transits“, des „Verschwindens“.

Eine Botschaft in Australien zu errichten, ist eine aufgeladene Geste. Das liegt an der skrupellosen und politisch dubiosen Weise, mit der hier 1788 die europäische Vorherrschaft etabliert wurde. Trotz der unübersehbaren Präsenz der Kultur der Aborigines wurde das gesamte Land zum Niemandsland – zur „terra nullius“ – erklärt und zur Besiedlung freigegeben, was jahrzehntelange exzessive Gewalt nach sich zog. 1972 eigneten sich die Aborigines daher die westliche Idee der „Botschaft“ an: Mit der „Aboriginal Tent Embassy“, die als eine der längsten Protestaktionen in die Geschichte einging, errichteten Aborigine-Aktivisten aus Sydneys Vorort Redfern ein Camp vor dem Parlamentsgebäude, um so für ihre Rechte zu demonstrieren.

Embassy (2013–2016), die Arbeit des australischen Künstlers Richard Bell, wird so zu einem Schlüsselwerk der Ausstellung. Es verleiht Rosenthals Idee eine künstlerische Form, spielt auf den Wandel der Zeiten an und verweist zugleich auf Themen, die viele Werke der Ausstellung miteinander verbinden: Fragen nach Territorium, Identität, sozialer Benachteiligung, Emanzipation, Informationspolitik und Macht. Bell ist ein versierter Provokateur, berühmt für seine Werke, die aus indigener Perspektive auf das koloniale Erbe Australiens blicken – und das meist mit bitterer Ironie. Embassy ist eine Hommage an die Zeltstadt der Aborigines von 1972. Die Installation dient als Ort für Workshops und Veranstaltungen, bei denen es vor allem um aktuelle Belange der Ureinwohner geht: Wohnungspolitik, Bodenrechte, Gesundheitsfragen. Für die Biennale wird das Zeltdorf auf dem Rasen vor dem Museum of Contemporary Art Australia installiert, mit Blick auf die Bucht von Sydney Cove, wo die Europäer ihre ersten Siedlungen errichteten. Bells Arbeit stellt hier den thematischen Anker dar für die „Embassy of Translation“, in der es um die Neubewertung und Re-Inszenierung von Geschichte geht.

Die eher auf ihre kunsthistorischen und ethnografischen Sammlungsbestände fokussierte Art Gallery of New South Wales dient als “Embassy of Spirits”. Hier greift die palästinensische Künstlerin Jumana Manna Bells Überlegungen unter anderen Vorzeichen auf. Um Landenteignung und Kolonialisierung, aber auch um die Gemeinsamkeiten in der Kultur und Abstammung geht es in ihrem Film A magical substance flows into me (2015). Er beruht auf Recherchen zu dem Musikethnologen Robert Lachmann, der mit dem Ziel, die kulturelle Kluft zwischen Arabern und Juden zu überwinden, in den 1930er Jahren in Palästina ein Radioprogramm zu „orientalischer“ Musik initiierte. Ausgehend von dieser Geschichte erforscht Manna die sich ständig weiterentwickelnden musikalischen Traditionen im heutigen Palästina. Dabei interessieren sie Aspekte des gemeinsamen musikalischen Erbes von Gemeinschaften, die sich durch ihre Sprache, ihre kulturellen Überzeugungen und auch durch räumliche Trennung von einander entfremdet haben. Manna folgt in ihrem Projekt quasi den Radiowellen und reist in die verschiedenen Landesteile, in denen Lachmanns Programm empfangen wurde und trifft auf Volksgruppen, die heute stärker denn je voneinander entfremdet sind. „Diese Arbeit“, schreibt sie, „und das Übertreten von mehreren Grenzen schaffen einen Raum, aus dem heraus sich ein anders Palästina vorstellen lässt.“

Im lebendigen interdisziplinären Kunstzentrum Carriageworks, das in einem renovierten Güterbahnhof mitten in der Stadt untergebracht ist, findet sich Keg de Souzas partizipative Installation We Built This City (2016). Wie Mannas Beitrag zeigt auch diese Arbeit eine andere mögliche Zukunft auf und tritt dabei in Dialog mit Bells Embassy. In einer Stadt, in der die Lebenskosten astronomisch hoch sind, reagiert de Souza auf die soziale Dynamik im Stadtteil Redfern, der in den letzten Jahren hemmungslos gentrifiziert wurde. Eine provisorische Architektur aus wiederverwerteten Zelten beherbergt ihr Projekt Redfern School of Displacement. De Souzas temporäre Behausungen dienen hier als Versammlungsort, um lokal relevante Fragen zu Umsiedlung und Verdrängung zu diskutieren, die sich auch auf globaler Ebene vollziehen – als Folgen von Kolonialisierung, Klimawandel, Stadtentwicklung oder sozialer Ungerechtigkeit.

Wie Bell setzt de Souza auf Selbstbestimmung und alternative Modelle des pädagogischen Austauschs – Strategien, die auch für Making History (2016) von Brown Council grundlegend sind. Das Frauenkollektiv spielt seit 2007 eine entscheidende Rolle bei der Wiederbelebung der lokalen Performanceszene. Für die Dauer der Biennale übernehmen die Künstlerinnen eine leer stehende Galerie, um hier in Workshops und Inszenierungen die Geschichte der Performance Art in Australien im Hinblick auf Genderfragen zu erkunden. Die von Brown Council postulierte Vorstellung einer „inoffiziellen“, vielschichtigen Wissensvermittlung, bei der das Kollektiv die traditionellen Hierarchien ablöst, zeigt, wie sehr der Zugang zu Informationen und ihre Zirkulation über Wissen und Macht entscheidet. Genau darum geht es bei der diesjährigen Biennale. Rosenthals kuratorischer Ansatz betont, „dass die übliche Unterscheidung zwischen Virtuellem und Körperlichem hinfälliger denn je geworden ist“, und zielt damit klar auf den Einfluss des Internets auf unsere Wahrnehmung.

Wie die Zirkulation der Bilder unsere Wahrnehmung formt, und wie das Internet, in dem Bilder immer mehr von Autorenschaft und Kontext befreit sind, unser Bild der Moderne verändert, beschäftigt Justene Williams. Mit exzentrischen, energiegeladenen Performances hat sie sich in der australischen Kunstszene etabliert. Ihre liebevoll ausgestatteten Bühnenbilder beschwören die absurden Performances und visuellen Exzesse der Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts, von Dada bis zum Futurismus. Für die Biennale arbeitet sie mit der Sydney Chamber Opera an einer radikalen Neuinterpretation der Oper Sieg über die Sonne (1913), dem Zukunftstheater, in dem Kasimir Malewitsch gemeinsam mit dem Komponisten Michail Matjuschin und dem Dichter Alexei Krutschonych den Kern seines Suprematismus formulierte. Ausgehend von den opulenten geometrischen Bühnenbildern und Kostümen zieht Williams eine ernüchternde Verbindung zwischen Malewitschs berühmtem Schwarzen Quadrat (1915), das eine Provokation für alle zukünftige Kunst war, und der schwarzen Leere eines ausgeschalteten Flachbildschirms. In der Interpretation des Kultstückes von Williams tritt die utopische Aufbruchsstimmung der Moderne in Dialog mit dem abgeklärten Pragmatismus oder Realismus einer von Ängsten bestimmten Gegenwart.

Für Rosenthals Ausstellung ist diese Spannung zwischen Fortschritt und Stillstand ein zentraler Punkt. Als Teil der „Embassy of the Real“ zeigt dies Ming Wongs Werk Windows on the World (Part 2) von 2014 auf Cockatoo Island. In der 24-Kanal-Videoinstallation kombiniert Wong Elemente chinesischer Science-Fiction-Filme, um das die chinesische Moderne prägende Schwanken zwischen radikalen Reformen oder Festhalten an uralten Traditionen zu thematisieren. Wie in all seinen Werken sucht Wong auch hier nach anderen Modellen für Identität. Er tut dies, indem er sich selbst in den unterschiedlichsten Rollen „fehlbesetzt“ und so feste Vorstellungen von Geschlecht, Sprache und ethnischer Herkunft unterwandert. Zeitgleich mit den Protesten der „Regenschirm-Revolution“ begann Wong an diesem Zyklus zu arbeiten. Seine Installation spricht so aktuelle soziale Probleme in China an: Wie sieht die Zukunft von Hongkong aus? Folgt sie einer positiven Utopie oder mündet sie in ein negatives Zukunftsszenario?

Wong zeigt die Verflechtungen zwischen kultureller Zugehörigkeit und Herrschaftsansprüchen auf und schlägt damit den Bogen zu Richard Bells Embassy, bei der es auch um die Landnahme der europäischen Kolonialherren und die damit einhergehende ökologische Zerstörung geht. In Australien, wo der Bergbau zu den stärksten Wirtschaftsfaktoren zählt, ist die Vernichtung von Ökosystemen durch Profitgier eines der brisantesten politischen Themen. In Anspielung darauf nutzt der Bildhauer Jamie North Schlacke aus der Stahlindustrie, um sie zu einem minimalistischen Stelenfeld zu formen, in das er heimische Pflanzen setzt. Sie wachsen buchstäblich aus dem Endprodukt einer kalkulierten Naturzerstörung. Sein Werk wird unmittelbar neben dem Beitrag von Otobong Nkanga präsentiert. In ihren sinnlichen Installationen und Live-Performances setzt sich die nigerianische Künstlerin aus postkolonialer Sicht mit dem Land als Schauplatz von Kämpfen um Kulturgeschichte und Rohstoffe auseinander. Dabei rückt die Geringschätzung von kulturellen Werten, die zugunsten materieller Güter und gleichzeitiger Ausbeutung der Natur geopfert werden, in den Fokus.

Im Nebeneinander von Bells lautstarker aktivistischer Herangehensweise und der Poesie von Nkangas Werk offenbart sich Rosenthals Konzept: Schon das Zusammenspiel von Künstlern ganz unterschiedlicher ästhetischer Befindlichkeiten und kultureller Perspektiven betont die im Ausstellungstitel anklingende „Ungleichheit“. Demgegenüber verbindet die beteiligten Künstler die Sehnsucht nach einer anderen Zukunft, nach einer Alternative zu der Zukunft, die bereits da ist – mit ihren nicht enden wollenden Krisen und ihrer fortschreitenden Entfremdung. De Souza bringt diese Haltung auf den Punkt. Sie betrachtet ihre Arbeit als den Versuch „in Richtung einer gleichberechtigten Zukunft zu denken“– eine Vorstellung, die der gesamten 20. Biennale of Sydney zugrunde liegen könnte.

20. Biennale of Sydney
bis 05.06.2016