Let’s talk:
Hanna Wróblewska, Katarzyna Wielga-Skolimowska & Friedhelm Hütte über den “VIEWS” Award

Mit der Ausstellung „COMMON AFFAIRS“ ziehen die Deutsche Bank KunstHalle, die Warschauer Zachęta Nationalgalerie und das Polnische Institut Berlin Bilanz des „VIEWS“-Preises: Wo steht die junge polnische Kunst?
Friedhelm Hütte: 2003 initiierten die Zachęta Galerie, die Deutsche Bank und ihre Stiftung den „VIEWS“ Award. Lassen Sie uns auf die Zeit um das Jahr 2000 zurückschauen, als auch außerhalb von Polen langsam klar wurde, dass dort eine interessante Kunstszene existiert. Wie sah die Situation damals aus? Welche Bedeutung hat der Preis heute, 16 Jahre später?

Hanna Wróblewska: Das ist eine lange Geschichte und die Polen lieben bekanntlich Geschichten. Wir müssen daher zunächst einmal auf die 1990er-Jahre zurückblicken. Diese Zeit war sowohl für die Gesellschaft, als auch für die zeitgenössische Kunst in Polen sehr wichtig, da es damals zu tiefgreifenden Veränderungen kam.

FH: War das nicht schon vor 1989 so?

HW: Nein, das entwickelte sich erst nach 1989. Plötzlich erhielten die Menschen in Polen sehr viele Freiheiten. Allerdings dachten sie dabei eher an den freien Markt oder die persönliche Freiheit, wie die Möglichkeit zu reisen. Die Politiker und die breite Öffentlichkeit hatten dabei die Kultur völlig vergessen. Die Menschen betrachteten sie nicht als in ihrem Alltagsleben fest verwurzelt. Die Kultur war eine Ausnahme, sie wurde als etwas Zusätzliches, Irrelevantes empfunden. Selbst die Kulturschaffenden vermittelten den Eindruck, dass der freie Markt wichtiger war, als kulturelle Werte. Die Künstler mussten darum kämpfen, wieder wahrgenommen zu werden. Sie mussten erst wieder die richtigen Instrumente und die richtige Stimme finden, um gehört zu werden – und zwar nicht nur von den Politikern, sondern von breiten Teilen der Gesellschaft. In den 1990er Jahren wurde die Zensur aufgehoben und Künstler konnten wieder sagen, was sie denken. Aber sie begannen Dinge zu sagen, die die Leute nicht hören wollten. Die Künstler mussten regelrecht dafür kämpfen, die Kultur wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Und zunächst ging es darum, dass die Gesellschaft und die Medien ihnen Gehör schenken und sich darüber klar werden, dass Kultur nicht etwa verzichtbar ist, sondern ganz untrennbar mit unserem Leben verbunden. Hier fängt die Geschichte eigentlich an.

FH: War nur die zeitgenössische Kunst von diesem Konflikt betroffen oder betraf er gleichermaßen Literatur, Theater und Film?

Katarzyna Wielga-Skolimowska: Das betraf mehr oder weniger alle kulturellen Bereiche. Mit dem neuen System änderte sich das Leben von vielen Menschen plötzlich und sie mussten mit einer völlig neuen Situation zurechtkommen, so wie die ostdeutsche Bevölkerung nach der Wiedervereinigung. Eigentlich verlief es auf jedem Gebiet gleich. Besonders wichtig ist aber auch, dass unser System traditionell auf den Staat ausgerichtet ist, so dass auch die meisten Auszeichnungen vom Staat verliehen wurden.

FH: Ist das heute noch so?

WS: Die Dinge haben sich nicht wesentlich verändert. Einige staatliche Institutionen wurden in städtische umgewandelt. Das ist sehr wichtig, denn dadurch unterstehen sie jetzt nicht mehr dem Kultusministerium, sondern den Kommunen. Generell werden Kunstpreise jedoch von staatlichen Institutionen vergeben. Das System basiert auf Staatsgeldern. Bitte korrigieren Sie mich, aber ich glaube, dass der Deutsche Bank Preis die erste Auszeichnung für Künstler auf diesem Niveau war, die von einer privaten Institution vergeben wurde. Es spiegelt die gesellschaftliche Verantwortung eines Unternehmens wieder. Das war in Polen etwas sehr Ungewöhnliches.

HW: Dass diese Auszeichnung von der Deutschen Bank gestiftet wurde, bot da eine Art Schutzfunktion für die Kunst. In dieser Zeit glaubten die meisten polnischen Intellektuellen und auch die Mittelklasse an den freien Markt und an Institutionen wie Banken. Aber Kunst, besonders wenn sie kontrovers war, mochten sie nicht, da sie sich meistens gegen gesellschaftliche Normen richtet. Es herrschte Kalter Krieg zwischen der Kunstwelt und der Gesellschaft, wie es Zbigniew Libera, einer der bekanntesten polnischen Künstler, beschrieb. Und jetzt sagten zwei der bedeutendsten Institutionen, eine öffentliche und eine private, Gegenwartskunst sei etwas Gutes und verdiene Aufmerksamkeit. "Lasst uns kooperieren, lasst uns diesen Preis zusammen ins Leben rufen, um der polnischen Gesellschaft und der Regierung zu zeigen, dass sich bildende Kunst nicht nur um Schönheit oder Unterhaltung dreht. Sie stellt vielmehr einen integralen Teil des täglichen Lebens dar und hilft dabei, die Wirklichkeit zu verstehen." Ich denke, dies war der wichtigste Beitrag, den der „VIEWS“-Wettbewerb und die Deutsche Bank geleistet haben. Auch deshalb geht es uns darum, möglichst viele Menschen in den Preis einzubeziehen – bei dem Nominierungsprozess und den Diskussionen über zeitgenössische Kunst. Die Deutsche Bank war dafür sehr aufgeschlossen. Der erste Vorschlag lautete: Lass uns einen Kunstpreis ausloben, lass uns den Besten oder die Beste auswählen und ihn oder sie in der Zachęta ausstellen und dazu produzieren wir einen Katalog. Doch dann entschieden wir, zunächst Kuratoren und Künstler aus anderen polnischen Städten zu fragen, statt lediglich Warschauer Künstler zu nominieren, die auch noch von Warschauern vorgeschlagen worden wären. So wählten wir gemeinsam die sieben Nominierten und baten einen unabhängigen Kurator, die Ausstellung zu planen. Von Beginn an, versuchten wir – als Organisatoren – für die Künstlerhonorare und die Produktion der Arbeiten Gelder zur Verfügung zu stellen, was zu der damaligen Zeit überhaupt nicht selbstverständlich war. Als wir den Deutsche Bank Preis gegründet haben, war es unser gemeinsames Ziel, den Künstlern, den Institutionen und der Gesellschaft fair gegenüber zu treten.

WS: Es war wichtig, diesen Preis in der polnischen Kunstszene zu verankern. Deshalb sind auch die Leute, die die Künstler auswählen sehr vertraut mit der polnischen Kunstszene. Es sollte nicht aussehen, als wäre ein UFO gelandet und würde die Künstler auswählen. Das ist nicht wie bei einer kolonialistischen Eroberung, bei der es darum geht, dass wir euch sagen, was ab jetzt gut oder schlecht ist. Stattdessen beruhte die Auswahl auf einer „Graswurzel“-Methode. In den sechzehn Jahren seit der ersten Verleihung wurden die meisten der bedeutenden Künstler Polens nominiert – von Paweł Althamer über Monika Sosnowska, Konrad Smoleński bis zu Iza Taraszewicz. Das ist eine Bestätigung für unser Verfahren.

FH: Es ist wirklich bewundernswert, dass Sie dieses hohe Niveau über sechzehn Jahre hinweg halten konnten.

HW: Der Preis ist aber auch ein permanenter Diskussionsgegenstand. Es gibt da wirklich viele Debatten. Manche Leute beschweren sich. Warum sind keine Maler nominiert? Warum gibt es keinen Wilhelm Sasnal, keinen Jakub Julian Ziółkowski?

FH: Wenn man die Nominierten anschaut, fällt wirklich auf, dass die meisten von ihnen mit Installation, Video, Performances oder Aktionen arbeiten. Es wirkt, als gäbe es bei “VIEWS” gar keine Malerei. Wenn man sich aber den Markt anschaut, gibt es dort jede Menge Malerei. Liegt dieser Trend weg von der Malerei an den Kuratoren oder hat diese Entwicklung einen spezifischen kunsthistorischen Hintergrund?

HW: Nein, das ist das Ergebnis der offenen Diskussion zwischen allen Beteiligten, die die Künstler nominieren. Die Jury wechselt alle zwei Jahre, aber die Juroren sind sämtlich angesehene Kuratoren, Künstler oder Persönlichkeiten aus der Kunstszene und alle von ihnen sind äußerst informiert. Selbst ich habe mich gewundert, dass sie am Ende keine Maler nominiert haben. Natürlich ist die polnische Kunst sehr performativ, das ist eines ihrer Hauptmerkmale. Und natürlich interessiert sich der Markt sowieso für Gemälde. Vielleicht ist da auch diese Idee, so etwas wie einen Schutzschirm aufzuspannen und Kunstformen zu fördern, die experimenteller sind als Malerei. Und das obwohl das polnische Publikum die Malerei liebt und polnische Maler international erfolgreich sind.

FH: Die Ausstellung COMMON AFFAIRS, die wir nun gemeinsam nach Berlin bringen, wird zeitgleich mit dem 25-jährigen Jubiläum des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrags und der 25-jährigen Städtepartnerschaft zwischen Warschau und Berlin präsentiert. Was war Ihr ganz persönlicher Beweggrund, sich so für dieses Projekt einzusetzen und welche Bedeutung hat es für Ihre Institution?

WS: Es war nicht unsere ursprüngliche Absicht, die Schau genau zum Jubiläum zu lancieren. Aber der Titel spiegelt die Verbindung wider. Die eigentliche Idee war: Warum zeigen wir nicht in Berlin das, was die Deutsche Bank in Polen macht? Ich kenne Berlin seit langem und liebe diese Stadt. Ich habe allerdings das Gefühl, dass sie in den letzten zehn Jahren zwar immer kosmopolitischer geworden ist, dabei aber das Interesse an den Nachbarländern Deutschlands verloren hat. Das Interesse, das in den späten Neunzigern etwa an Polen, den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens oder Ost- und Südeuropa vorhanden war, ist verschwunden. Bestimmte Künstler werden zwar hier wie dort ausgestellt und einige große Namen sind in den Galerien vertreten, doch in Berlin war bis auf Tür an Tür 2011 – eine sehr außergewöhnliche und auch sehr politische Schau – keine Gruppenausstellung im Sinne einer regulären Ausstellung zu sehen, die in Berlin die wichtigen und spannenden Strömungen der polnischen Gegenwartskunst vorstellt. Der Preis zeigt etwa, wie wichtig das Medium Skulptur aktuell für die Kunst in Polen ist und wie bedeutend Video einmal war. Ich bin sehr froh, dass die Ausstellung gerade während des Gedenkjahrs stattfindet, denn sie zeigt, wie stark die Verbindungen zwischen unseren beiden Ländern sind, besonders im Hinblick auf das zivile Engagement. Der Freundschaftsvertrag war ein politischer Akt, aber in den letzten 25 Jahren sind wir wirklich eng zusammengewachsen. Die Ausstellung ist im wahrsten Sinne eine „Common Affair“ – eine gemeinsame Angelegenheit. Die Kuratoren arbeiten bereits zusammen. Sie müssen auch darüber diskutieren, wie man das zusammen bringt, was einerseits aus deutscher und andererseits aus polnischer Sicht interessant ist – gerade auch was die kuratorische Praxis anbetrifft. Letztendlich können wir eine breite Auswahl polnischer Künstler in Berlin präsentieren. Das Projekt zeigt auch, wie stark sich ein privates Unternehmen für die polnische Kunstszene engagiert, ohne davon einen direkten Nutzen zu haben.

HW: Erwähnenswert ist auch, dass in Berlin und ganz Deutschland durchaus Ausstellungen hervorragender polnischer Künstler zu sehen sind. Aber fast alle davon werden von privaten Galerien repräsentiert. Was bedeutet, dass hier bislang nur jener Teil der polnischen Kunstszene zu erleben war, der auch auf dem Kunstmarkt vertreten ist. Aber beim „VIEWS“ Award sind auch Künstler einbezogen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht von einer Galerie vertreten werden. Da einige von ihnen in das kuratorische Konzept von COMMON AFFAIRS passen, werden sie auch in Berlin zu sehen sein. So hat man die Möglichkeit, einen anderen Teil der polnischen Kunstszene kennenzulernen. Tatsächlich hat diese Szene ja bis heute eine geteilte Sicht auf den Kunstmarkt. Wie Sie wahrscheinlich wissen, existiert in Polen – im Gegensatz zur Slowakei oder Tschechien  – ein Kunstmarkt. Allerdings ist er immer noch  relativ schwach ausgeprägt. Viele Künstler in Polen handeln und arbeiten außerhalb dieses Marktes, sodass sie nach außen kaum in Erscheinung treten. Von daher ist es sehr interessant, Künstler, die im Markt vertreten sind, aber eben auch Künstler, die es nicht sind, aus einer ganz anderen Perspektive, im Rahmen einer ganz anderen Ausstellung zu erleben. 

FH: Wer beide Teile der Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle und im Polnischen Institut besucht, kann also damit rechnen, etwas Neues zu sehen, etwas, das sonst nie in Berlin zu sehen ist, weder in Museen, noch in Galerien?

WS: Auf jeden Fall. Es wird viele neue Arbeiten geben, wobei einige der Künstler auch ihre Werke neu interpretieren, die sie im Rahmen des „VIEWS“ Award bereits gezeigt haben.

HW: Dazu gibt es eine sehr lustige Geschichte. Die polnische Künstlergruppe Azorro hat sehr viele Filme produziert. Einer davon entstand 2000 hier in Berlin und thematisiert den Kunstmarkt. Die Protagonisten dieses Films kommen nach Berlin, um die beste Galerie zu suchen – sie wären aus Polen und würden gerne in der besten Galerie der Stadt ausstellen. Sie wandten sich auch an das Deutsche Guggenheim und natürlich bekamen sie dort keine Ausstellung. Jetzt haben sie es aber doch geschafft, in diesen Räumlichkeiten, die heute die Deutsche Bank KunstHalle beherbergen, auszustellen.

FH: Glauben Sie, dass der Preis eine Art Sprungbrett für die Karriere der Künstler war, was die Aufmerksamkeit für ihr Werk angeht? Ändert sich etwas für die Künstler, wenn sie nominiert oder wenn sie mit dem “VIEWS” Award ausgezeichnet werden? Wie sind da Ihre Erfahrungen?

HW: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ich glaube aber nicht, dass eine Karriere als Künstler mit nur einer Ausstellung oder einem Preis angestoßen wird.

FH: Aber das kann schon Aufmerksamkeit erregen…

HW: Ich denke, ja. Ein Beispiel ist Konrad Smoleński. Gleich nachdem ihm der Preis verliehen wurde, wurde er auch für die Biennale in Venedig nominiert. Das war natürlich auch das Resultat der Entscheidung der Jury für das kuratorische Projekt für den polnischen Pavillon. Dennoch sehe ich den Preis eher in einem gesellschaftlichen Zusammenhang. Entscheidend ist, dass er dazu beiträgt, dem polnischen Publikum zu zeigen, wie wichtig Kunst und Kultur für alle sind.

WS: In den Medien geht es im Hinblick auf unsere Gesellschaft ständig um „gemeinsame Angelegenheiten“. Auch in der Kunstwelt findet man zu diesem Thema ganz unterschiedliche Ansätze und Herangehensweisen. Das ist für mich das Allerwichtigste.


Hanna Wróblewska ist die Direktorin der Zachęta Nationalgalerie für Kunst in Warschau. 2003 war sie maßgeblich an der Gründung des Deutsche Bank „VIEWS“ Award beteiligt. Sie kuratierte die Retrospektiven zum Werk von Andrzej Wróblewski und Katarzyna Kozyra und sie ist kommissarische Leiterin des Polnischen Pavillons der 56. Venedig Biennale.

Katarzyna Wielga-Skolimowska ist seit 2013 Direktorin des Polnischen Instituts Berlin, das neben der Deutsche Bank KunstHalle zweiter Ausstellungsort von „COMMON AFFAIRS“ ist. Zuvor verantwortete sie zahlreiche Projekte als Kuratorin und Koordinatorin, wie zum Beispiel das Polnische Jahr in Israel und das kulturelle nationale Programm der Polnischen EU-Präsidentschaft.

Friedhelm Hütte
betreut als Leiter der Kunstabteilung der Deutschen Bank die Sammlung Deutsche Bank, die Deutsche Bank KunstHalle sowie alle Sponsoring- und Ausstellungsprojekte. Er kuratierte die „Künstler des Jahres“-Ausstellungen der Deutschen Bank von WangechiMutu, YtoBarrada, Roman Ondák und Imran Qureshi.