Nicht gesegnet, aber definitiv verzaubert
Ein Rundgang durch die 12. Dak'Art

Auf der Dak’Art zeigen internationale Künstler ihre Vision des Kontinents. Was als kleines Festival begann, ist mittlerweile Afrikas wichtigste Biennale. Julia Grosse und Yvette Mutumba, die Gründerinnen des Kunstmagazins „Contemporary And" (C&), waren in Dakar vor Ort.
Um die Dak'Art wirklich zu verstehen, muss man am Morgen des Eröffnungstages bei der offiziellen Zeremonie im Théâtre National Daniel Sorano dabei gewesen sein. Großflächig abgesperrten Straßen, traditionelle Musiker in aufwändigen Gewändern, perfekt gestylte Hostessen und erstarrte Soldaten lassen an ein Staatsereignis denken. Im Festsaal sitzen in den vorderen Reihen ausschließlich ranghohe Diplomaten, Politiker, Wirtschaftsgrößen und Sponsoren. Es sind vor allem Senegalesen, aber auch Marokkaner und Saudi-Araber. Ihre Präsenz vermittelt die Bedeutung dieser Biennale. Und eines ist offensichtlich: Hier in Dakar, der Hauptstadt Senegals, treffen sich mächtige Zeitgenossen, um ihre Kultur zu zelebrieren. Europa spielt dabei keine Rolle. Die internationalen Gäste sitzen in den hinteren Reihen. Flankiert von Offizieren und Ministern betritt der amtierende Präsident Macky Sall die Bühne. Alle erheben sich. Die senegalesische Hymne wird gespielt. Wem es vorher nicht klar war, der realisiert es spätestens jetzt: Dies ist keine europäische Biennale zu Besuch in Afrika. Die Dak’Art ist eine genuin afrikanische Veranstaltung.

Und so hat es sich wohl auch Léopold Sédar Senghor vorgestellt. Der erste Präsident des unabhängigen Senegal war ein großer Förderer der Kunst. Selbst ein anerkannter Dichter, steckte er zu seiner Amtszeit (1960 - 1980) ein Drittel des Staatshaushaltes in die Kultur. Diese Zeiten sind zwar lang vorbei. Doch aus ihrem Geist heraus wurde 1989 die Biennale von Dakar initiiert. 1990 fand sie erstmals mit einem Fokus auf Literatur statt, 1992 folgte dann die Spezialisierung auf zeitgenössische Kunst. Bestärkt durch den Erfolg und auf den ausdrücklichen Willen der senegalesischen Regierung blieb dieser Schwerpunkt bestehen.

Mit Simon Njami als künstlerischem Leiter weckte die 12. Ausgabe der Dak’Art von Anfang an auch großes internationales Interesse: Ein großes Team des MoMA reiste an, ebenso wichtige Kuratoren, Sammler und Kunstkritiker. Njami ist Mitbegründer des einflussreichen Pariser Kunstmagazins Revue Noire, das seinen Schwerpunkt schon vor Jahren auf Global Art legte. Er kuratierte Blockbuster-Schauen wie Africa Remix (2004 bis 2007) und war von 2001 bis 2007 künstlerischer Leiter der Fotografie Biennale in Bamako. Im vergangenen Jahr konzipierte Njami für die Deutsche Bank KunstHalle die Ausstellung Xenopolis, in deren Zentrum die These stand, dass in den Metropolen der Welt heute jeder ein Fremder ist. Das Motto seiner Dak’Art lautet La Cité dans le jour bleu, die Stadt des blauen Tageslichts. Es bezieht sich auf ein Gedicht von Präsident Léopold Sédar Senghor: „Deine Stimme erzählt uns von der Republik, die wir in der Stadt des blauen Tageslichts errichten werden. In Gleichheit, wie sie unter verbrüderten Nationen herrscht... Re-enchantments (Wiederverzauberungen) lautet dann auch der Titel von Njamis Hauptausstellung. Er lud die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler ein, neue Strategien und ästhetische Ansätze zu entwickeln, um den afrikanischen Kontinent und die gesamte Welt erneut zu „verzaubern“. Und dabei geht es um die Fähigkeit, neue Formen von Energie und Kreativität zu initiieren.

Mit einer großen Biennale auf dem afrikanischen Kontinent verbinden sich nicht nur hohe Erwartungen, sondern auch einige klischeehaften Befürchtungen: Werden alle Werke rechtzeitig da sein? Wird die Veranstaltung pünktlich beginnen? Sind die Künstlerinnen und Künstler vor Ort? Doch als die Tore des Hauptgebäudes der Biennale, dem ehemaligen Palais de Justice, pünktlich auf die Minute in der Mittagshitze aufgehen, ist es, als beträte der ungeduldige Kunstzirkus eine lang verborgene Schatzkammer: Der leerstehende Justizpalast, ein modernistischer Saal aus den späten 1950er-Jahren, mit hohen, schlanken Säulen, grünlichem Mosaikboden und einem lichtdurchfluteten, bewachsenen Atrium, ist wohl einer der spektakulärsten Orte, an dem man zeitgenössische Kunst zeigen kann. Die anfängliche Befürchtung, dass hier selbst die lautesten, größten Kunstwerke kaum eine Chance haben, gegen die Architektur zu bestehen, ist unbegründet. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Starke Arbeiten, wie die Installation des Fotografen Francois-Xavier Gbré, können glänzen, schwächere Beiträge erlangen plötzlich eine Ausstrahlung, die ihnen ein White Cube definitiv nicht verliehen hätte. Gbrés Neonröhren rufen einem schon von weitem grell entgegen “Ich bin Afrikaner” – allerdings in chinesischen Schriftzeichen. Auf dem Boden liegen Blätter mit chinesisch-französischen Vokabeln wie „arbeiten“, „Beton“, „aufhören”, und es ist unschwer zu erkennen, worum es geht: Die wachsende Präsenz Chinas nicht nur im Senegal, sondern auf dem gesamten Kontinent. So finanziert die chinesische Regierung in Dakar gerade für rund 2,2 Millionen Euro das neue Museum of African Civilisations.

Neben vielen unbekannten, jungen Künstlern aus Ghana, Martinique oder La Réunion entdeckt man in einigen Räumen seitlich des Hauptsaals auch international etablierte Namen – etwa Theo Eshetu und das Künstlerpaar Mwangi Hutter. Beide zeigte Njami bereits in seiner Berliner Schau Xenopolis. Eshetu präsentiert eine Arbeit von 2006: Meditation Light stellt einen fragmentierten, fast poetischen Blick auf seine Erfahrungen in Äthiopien dar. Mwangi Hutters Video Burning Desire To Be Touched ( 2015) widmet sich auf zwei simultan laufenden Bildschirmen dem Wunsch nach harmonischer Beziehung und dem physischen Akt der Berührung, der auf den Gesichtern beider Künstler Farbspuren hinterlässt.

Kemang Wa Lehulere nimmt den Betrachter in seinem Video The Bird Lady, in 9 layers of time mit auf eine archäologische Spurensuche. Der „Künstler des Jahres“ 2017 der Deutschen Bank dokumentierte die Wiederentdeckung von Wandzeichnungen von Gladys Mgudlandlu. Die 1979 verstorbene Autodidaktin zählte zu den ersten schwarzen Frauen in Südafrika, die ihre Bilder in einer Ausstellung präsentieren konnten. Sie hatte ihr gesamtes Haus ausgemalt, doch nach ihrem Tod wurden diese Bilder von den neuen Mietern mehrfach überstrichen. Wa Lehuleres Video zeigt, wie die Wandzeichnungen freigelegt werden und ein fast vergessenes Kapitel der südafrikanischen Kunstgeschichte wieder ans Licht kommt.

In einen der größten Räume zeigt Kader Attia Intifada: The Endless Rhizomes of Revolution. Wie in seiner aktuellen Schau im Frankfurter MMK stehen auch hier die Metallbäume, die aus Steinschleudern – den Symbolen des arabischen Widerstands – konstruiert sind dicht an dicht. Man muss sich regelrecht hindurchzwängen, um in den letzten Teil des Gebäudes zu gelangen, wo der Ägypter Youssef Limoud in einen der ehemaligen Gerichtssäle eine Miniaturlandschaft aus Staub und gefundenen Objekten installiert hat. Die Arbeit erinnert ebenso an die aus Pappe gefertigten Architekturen des kongolesischen Bildhauers Body Isek Kingelez wie an die „Spaßstädte“ von Fischli & Weiss. Limoud, der an der Kunstakademie Düsseldorf studierte, hatte zum Aufbau nur wenige Stunden Zeit, wurde für seine städtebauliche Vision dann aber mit dem Grand Prix Léopold Sédar Senghor ausgezeichnet.

Bei der Wahl der anderen Ausstellungsorte der Biennale beweist Njami sein Gespür für die Stadt: Haupttreffpunkt ist La Gare Ferroviaire, ein ehemaliger Bahnhof, wo sich eine Bar und Medienlounge befinden, aber auch Symposien stattfinden. Auf minimalistischen Sitzmöbeln kann man sich hier vom Biennaletrubel erholen. Ein anderer Ort, den der Kurator quasi wiederbelebt hat, ist eine kleine Bibliothek. Einst von Präsident Senghor als Ort der Kreativität konzipiert, findet Kultur in diesem Teil der Stadt heute kaum noch statt. In der Bibliothek gastiert jetzt das von Njami mitbegründete Projekt At Work: Eine stetig wachsende Gruppe von vor allem jungen Künstlern verwandelt das klassisch schwarze Moleskine-Notizbuch in ein Künstlerbuch. In der intimen, noch schnell gestrichenen Bibliothek kann man sich die bereitliegenden weißen Handschuhe überstreifen und die kleinen Bücher in Ruhe studieren. At Work ist Teil des sogenannten OFF-Programmes – fast 300 Veranstaltungen, die außerhalb der offiziellen Biennale stattfinden. So auch bei der Raw Material Company. Gründerin des Kunstraums ist Koyo Kouoh, die gerade erst in Limerick die Irland Biennale eröffnete und zeitgleich das Rahmenprogramm der Kunstmesse 1:54 in New York kuratierte. Nach Dakar lud sie den rumänischen Künstler und Cartoonisten Dan Perjovschi ein. In gewohnt humorvoller Manier überzog er den gesamten Raum mit seinen Polit-Comics – eines der Highlights mit schwarzem Edding an der weißen Wand: “I am not Exotic. I am Exhausted”.

Am zweiten Eröffnungstag schallt den ganzen Vormittag indische Popmusik über den Platz vor dem Musée Théodore Monod, dem größten Ausstellungshaus der Stadt. Auf Einladung des indischen Gastkurators Sumesh Sharma hatten senegalesische Tänzerinnen ein indisches Tanzprogramm einstudiert, samt schillernden Kostümen, Lidstrich und perfekten Lächeln. Die Performance war mehr als eine bloße Fusion der Kulturen: Unterhaltsamer hätte man die viel diskutierte „South-South-Connection“, die Verbindung der Regionen jenseits der Dominanz des „Westens“, kaum darstellen können.

Von einer weiteren, großartigen Performance blieben nur ein paar Betonquader: Vier junge Tänzer umkreisten sie mit reduzierten, kraftvollen Bewegungen und reflektierten damit die in Dakar grassierende Bauwut. Die halbe Stadt besteht aus unfertigen Rohbauten – zukünftige Büros, Geschäfte, Eigenheime. “Dakar wird grauer und grauer, weil die Bauelemente direkt vor Ort entstehen und man den Sand einfach liegen lässt”, erzählt die junge Fotografin Mame-Diarra Niang, die ihre Arbeit im Gare Ferroviaire zeigt. “Die Landschaft ist so grau, weil sich alles in ständiger Konstruktion befindet und jeder immer höher und höher bauen will. Es ist, als würden die Gebäude sagen: Ich habe mich noch nicht entschieden. Vielleicht wachse ich noch weiter, wer weiß?!”

Simon Njamis Biennale-Motto der „Blauen Stadt“ wird somit immer wieder an diversen Stellen aufgegriffen und ganz unterschiedlich interpretiert. Youssef Limoud nannte seine aus Sand und Fundstücken konstruierte Miniaturversion eines imaginären Dakars, maquam. Im Arabischen bezeichnet dieses Wort eine Umgebung, in der man sich gerne aufhält, aber auch einen geheimen Ort, an dem die Menschen gesegnet werden. Diese 12. Dak’Art hat die Kunstwelt vielleicht nicht gesegnet, aber in vielen Momenten definitiv verzaubert.

12. Dak‘Art
Bis 02.06
Dakar, Senegal

Contemporary And (C&) ist eine dynamische Plattform und Kunstmagazin mit dem Fokus auf zeitgenössische Kunst aus afrikanischen Perspektiven. 2013 als Projekt des ifa von Elke aus dem Moore, Julia Grosse und Yvette Mutumba gegründet, gehört es heute zu den wichtigen Onlineplattformen für Kunstproduktion aus Afrika und der Diaspora. Zweimal im Jahr erscheint eine Printausgabe parallel zu einem Kunstevent, wie zuletzt der Bamako Biennale, der New Yorker Armory Show und im kommenden September der São Paulo Biennale.