Permanent Presence: Basim Magdy
Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns

Seine Kunst gleicht einer psychedelischen Reise in die Zukunft. Dabei geht es Basim Magdy vor allem um eins: die Gegenwart. Die Kombination von Text und Bildern, seine poetische Sprache, die Absurdität, die fast all seinen Werken zu eigen ist, eröffnen einen unvoreingenommenen und individuellen Blick auf die Realität. Oliver Koerner von Gustorf über den „Künstler des Jahres“ der Deutschen Bank.
Körperlose Stimmen sprechen von der Flüchtigkeit der Erinnerung. In der Stille der Wälder blicken uns Steinmonumente an, als wollten sie uns wissen lassen, dass sie uns alle überleben werden. Sie sind von einer verlaufenden Aura aus strahlender Farbe umgeben. Insekten gleiten über die Oberfläche eines Teiches und schwirren davon. Basim Magdys 2014 entstandener Film The Many Colors of the Sky Radiate Forgetfulness zieht den Betrachter in einen meditativen Sog aus Bildern, Klang und Text – und in eine Zeit, in der die Apokalypse scheinbar bereits stattgefunden hat. Die Natur holt sich ihr verlorenes Territorium zurück. Der Mensch ist bis auf einige Relikte schlichtweg vergessen. Und auch diese Überreste zeugen nicht von einer ruhmreichen Vergangenheit. Es sind Kriegsdenkmäler oder ausgestopfte Tiere – museale Objekte, die Schlachten, Tote und die Unterwerfung der Natur feiern.

Immer wieder klingt in Magdys Ausstellung als „Künstler des Jahres“ 2016 in der Deutsche Bank KunstHalle dieses post-apokalyptische Gefühl an. Ob auf seinen psychedelisch bunten Papierarbeiten versprengte Forschergruppen durch verlassene futuristische Bauwerke und Radarstationen streifen oder lächelnde Anzugträger gigantischen Kopffüßern ihr kollektives Versagen unterschreiben – in dieser Welt scheint die menschliche Zivilisation am Ende angelangt zu sein. Das Thema ist so alt wie die Menschheit und war auch in der Moderne immer präsent. Das Grauen der Weltkriege, die Verunsicherungen durch den Fall der Mauer, die Auflösung des Ostblocks, Terror und Globalisierung – immer wieder wurde das Ende der Welt oder zumindest der Kultur beschworen. Dabei folgte auf die Visionen der Apokalypse stets die Vorstellung eines reinigenden Neuanfangs. Jede Revolution, jeder Krieg, jede ökologische Katastrophe barg die Hoffnung auf eine positive Wendung in sich.

Gerade diese Versprechungen fehlen im Werk des 1977 geborenen Magdy. Der Titel seiner Ausstellung Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns klingt optimistisch. Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Er ist eine ironische Anspielung auf eine Gesellschaft, die unverdrossen ihre Fehler wiederholt und nach jeder weiteren Katastrophe denkt, es würde trotzdem alles fortschrittlich weitergehen. In Magdys Kosmos geht es aber nicht mehr weiter. Die Gesellschaften, die er in seinen Filmen The Dent (2014) und The Everyday Ritual of Solitude Hatching Monkeys (2014) schildert, sind bankrott, in absurde Rituale der Vergangenheitsbewahrung verwickelt und in größenwahnsinnige Projekte mit irrationalen Hoffnungen verstrickt. Magdys im Studio der KunstHalle zu sehende Installation In the Grave of Intergalactic Utopia (2006) ist ein Abgesang auf die Sternenträume und das Wettrennen ins All der Nachkriegszeit. Die Künstlergruppe ZERO ließ in den 1960er-Jahren noch Raketen aufsteigen und sah Transzendenz und Zukunft in den Weiten des Alls. Bei Magdy endet diese Reise mit einer Bruchlandung – in einem banalen Verschlag, der an ein Streichelzoogehege erinnert.

Dennoch strahlen die Installationen, Filme, Fotografien und Zeichnungen des in Basel und Kairo lebenden Ägypters eine tragikomische Heiterkeit aus. Angesichts der flirrenden Farbigkeit und des absurden Humors können wir kaum traurig sein über das Ende der Zivilisation. Zugleich zeigen viele seiner Filmaufnahmen merkwürdig vertraute Eindrücke: Landschaften, Paraden, Artefakte aus Museen. Was diese sehr gegenwärtigen Szenen so irreal erscheinen lässt, sind die hypnotischen Soundtracks und die Farbschleier, in die Magdy seine Bilder taucht: unter anderem Purpur, Magenta, Giftgrün. Und da ist diese fast altmodische Art, in der er Sprache einsetzt – als Untertitel oder auf Schrifttafeln, die wie beim Stummfilm zwischen die Sequenzen eingeblendet werden. Immer deutet sich so etwas wie eine Erzählung an, die allerdings mehr offen lässt als erklärt. Die Protagonisten von Magdys Zeichnungen scheinen wie paralysiert. Händeringend versuchen sie, die menschliche Geschichte zu archivieren und zu feiern, damit auch zukünftige Generationen aus ihr schöpfen können. Doch dieses Unterfangen ist offensichtlich sinnlos. „The Future Is Your Enemy“ ist groß auf einer Plakatwand seiner Zeichnung The Last Day of Written History (2011) zu lesen.

Damit verweist er auf ein grundlegendes Missverständnis. Denn all die futuristischen Visionen, all die Beschwörungen der Geschichte, aus der wir kollektiv lernen könnten, repräsentieren in seinem Kunstkosmos ein überholtes Denken. Und das wird Magdys Ansicht nach wahrscheinlich genauso aussterben wie Bücher, Universitäten oder der traditionelle Kunstbetrieb. Tatsächlich leben wir nicht mehr im Zeitalter der großen, geschichtswirksamen Erzählungen, die suggerieren, dass alles einem übergeordneten Zusammenhang folgt. Wir leben im Zeitalter der digitalen Information. Alles ist auf den Augenblick gerichtet, in dem es keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr gibt, sondern nur permanente Gegenwart und Gleichzeitigkeit. Die Information berichtet nicht von einem subjektiv überlieferten Gestern oder einem möglichen Morgen. Sie berichtet vom Jetzt, von Fakten. Ob Börsennotierungen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, technologische Entwicklungen – alles ist nur so lange interessant, bis es von der Gegenwart überholt wird. Und auch die Bedeutungshierarchie von Informationen geht verloren. Ob ein Erdbeben einen ganzen Landstrich auslöscht oder jemand ein paar Kalorien verloren hat: Auf Facebook steht es nebeneinander. Ein Sinnbild für das permanente Jetzt ist der Instant-Messaging-Dienst Snapchat, bei dem die gesendeten Fotos und Dateien für den Empfänger nur eine bestimmte Anzahl von Sekunden lang sichtbar bleiben. Nur wer permanent am Datenstrom teilnimmt, verpasst nichts.

Diese veränderte Wahrnehmung entbindet nicht nur vom Gestern und Morgen, vielmehr befreit sie auch von den kollektiven Wertesystemen, die sich auf die Kontinuität von Geschichte, auf ein Ziel oder eine Moral berufen. Die Vorstellung, dass dieser Sinn fehlt, kann ebenso befreiend wie Furcht einflößend wirken. Magdys Œuvre zeigt keine fantastische, zukünftige Welt, sondern eine Zukunft, die jetzt stattfindet. Seine Werke sind alles andere als endzeitlich. Im Gegenteil, wie etwa auch der französische Philosoph Jean-Luc Nancy, nimmt Magdy das „Ende der bestehenden Welt“ zum Anlass, die Frage nach dem Sinn neu zu stellen. Für Nancy gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung. Sinn ist ein Ausdruck fundamentaler Offenheit, während Bedeutung sich durch Festlegung und Geschlossenheit auszeichnet. Und genau diese konstruierten Bedeutungen wie Demokratie, Freiheit oder Vernunft nimmt Magdy in seinem Werk kritisch aufs Korn.

Gleich zu Beginn der Ausstellung deutet The Future of Your Head (2008), eine Skulptur mit einem Einwegspiegel und einer aus Lichterketten geformten Botschaft, an, dass wir unser altes, selbstreflektierendes, kausales Denken, unsere anthropozentrische Weltsicht zurücklassen können. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, die Welt zu kontrollieren und mit Bedeutung zu versehen. Wie alle anderen Lebewesen sind wir in dieser permanenten Gegenwart dem Zufall und der Willkür ausgeliefert – ohne Masterplan. Zugleich befreit uns das von unterdrückenden Ideologien oder religiösem Fanatismus. Magdys flüchtige Erzählungen fordern uns auf, querzudenken, Widersprüche zu akzeptieren und uns ohne Dogmen für das Hier und Jetzt zu öffnen.

Seine 2012 entstandene, sich überlagernde Doppel-Diaprojektion A 240 Second Analysis of Failure and Hopefullness (With Coke, Vinegar and Other Tear Gas Remedies)“ wirkt wie eine Versuchsanordnung für diese geistige Offenheit, für diese Chance, die sich hier eröffnet. Die 160 Dias, die den Abriss und Neubau eines Gebäudekomplexes dokumentieren, wurden aus mehreren, in unterschiedlichen Haushaltschemikalien eingelegten Filmrollen ausgewählt. In dieser chemischen Reaktion, die Magdy mit dem Prozess des „Picklings“ vergleicht, färbt sich das Material in allen Tönen des Farbspektrums. Diese Substanzen lindern die Schmerzen nach Kontakt mit Tränengas. Das könnte eine Anspielung auf den sich im Laufe der Geschichte ständig wiederholenden Kreislauf aus kollektiven Hoffnungen, Aktionen und Niederlagen sein, wie sie symptomatisch für moderne Gesellschaften sind. Dem Streben nach einem bestimmten Ergebnis, einer verbindlichen Wahrheit setzt Magdy das kaum berechenbare Experiment mit der chemischen Reaktion entgegen, die auch das Bild angreift. Der Künstler tritt als Autor zurück und lässt das Material arbeiten. Das Einlegen oder „Pickling“ betont den prozessorientierten Ansatz in Magdys Werk, die Balance zwischen Kontrolle und Zufall, die er auslotet. Seine Praxis verdeutlicht zugleich die alchemistische „Entwicklung“ von Narration und Themen, Reaktion und Gegenreaktion. Dieses Prinzip durchzieht auch den Aufbau der Ausstellung, die auf eine chronologische Abfolge, die Kategorisierung oder Hierarchisierung bestimmter Medien völlig verzichtet. Sie gleicht vielmehr einem fließenden Bewusstseinsstrom, der im digitalen Zeitalter auch immer wieder die Zirkulation von Bildern und Informationen und die fließenden Grenzen zwischen Realität und Virtualität reflektiert. Wer sich darauf einlässt, dass es hier keine Vergangenheit oder Zukunft gibt, keine Kausalität, sondern nur Offenheit, der mag sich vorkommen wie im freien Fall. Das Paradoxe dabei ist, dass wir gerade durch dieses Loslassen genau dort landen, wo wir sonst nie ankommen: in der Gegenwart.

Basim Magdy:
Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns

29.04. – 03.07.2016
Deutsche Bank KunstHalle