„Wir machen Kunst, um Debatten anzuregen“
Ein Interview mit den südafrikanischen Fotokünstlern Hasan & Husain Essop

Sie sind Zwillinge, gläubige Muslime und zählen zu den wichtigsten jungen Künstlern in Südafrika. International bekannt wurden Hasan & Husain Essop
mit inszenierten Fotoarbeiten, auf denen sie alle Rollen selbst verkörpern – von Street-Gang-Mitgliedern bis zu Moscheebesuchern. Dabei entwerfen sie ein ganz eigenes Bild der südafrikanischen Gesellschaft. Sean O’Toole hat die Künstler in Kapstadt getroffen und mit ihnen über die Flüchtlingskrise, Medienstereotype und ihre Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank unterhalten.
Hasan und Husain Essop arbeiten seit 2007 als Team zusammen. Das war so eigentlich nicht geplant, als die Zwillinge mit ihrem Studium an der Michaelis School of Fine Art an der Universität von Kapstadt begannen. Hasan konzentrierte sich zunächst auf grafische Arbeiten, während sich Husain der Fotografie zuwandte, um sich dann schnell auf inszenierte Porträts zu fokussieren. Doch dabei gab es ein Problem: Im Islam ist die Abbildung von Menschen eigentlich verboten. Deshalb bat Husain einen Kommilitonen, ihn selbst in verschiedenen Posen zu fotografieren. Aus diesem Material entstanden seine ersten digitalen Fotocollagen. Schnell erweckten diese Bilder das Interesse der Goodman Gallery, die mit William Kentridge den wohl bedeutendsten Künstler Südafrikas vertritt. Die Galerie zeigte dann auch 2007 die ersten gemeinsamen Arbeiten der Brüder: fünf Fotocollagen über das Leben der muslimischen Community und die wichtige Rolle des Glaubens für ihr Leben. In einem Land, in dem das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß auch nach dem Ende der Apartheid noch immer die gesellschaftlichen Debatten bestimmt, haben die Arbeiten von Hasan und Husain Essop den Diskurs um Fragen von Identität und Zugehörigkeit erweitert. Sie sind eloquente Vertreter der häufig übersehenen islamischen Traditionen in Südafrika, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen.

Mit den Gemeinschaftsproduktionen beginnt ihre Karriere: 2009 werden sie zur Havanna Biennale eingeladen, dann folgen 2010 die Dak’Art Biennale in Senegal und 2011 die Rencontres Bamako in Mali. 2014 gewinnen die Essop-Brüder dann auch den Standard Bank Young Artist Award, einen renommierten Preis für südafrikanische Nachwuchskünstler, mit dem auch schon Kentridge ausgezeichnet wurde. Die Zwillinge leben in Penlyn Estate, einem Mittelklasse-Vorort, in dem vor allem indisch-stämmige Muslime wohnen.

Sean O’Toole:
Warum steht Kapstadt immer wieder im Fokus Ihrer Arbeit?

Husain Essop: Wir werden von dem inspiriert, was hier in unserer Nachbarschaft passiert. Penlyn Estate ist ein sehr spezieller Ort und dabei ziemlich isoliert. Es kommen kaum Besucher von außerhalb in diesen Teil der Stadt und die Leute, die hier wohnen, verlassen ihn nur selten. Die ersten zwölf Jahre unseres Lebens verbrachten wir in Rylands, einer benachbarten Vorstadt, dann sind wir hierher gezogen. Nur ein paar Blocks entfernt liegt unsere Schule. Erst auf der High School begegneten wir weißen Jugendlichen. Und in engeren Kontakt mit Leuten, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, kamen wir eigentlich erst auf der Kunsthochschule. Auch unser Glaube ist sozusagen lokal orientiert: Die Mountview Moschee ist nur knapp drei Kilometer entfernt.

Hasan Essop: Hier gibt es islamische Traditionen, wie man sie sonst nirgendwo auf der Welt findet – etwa die Rituale, die in den „Kramats“, den heiligen islamischen Grabstätten, vollzogen werden. Der Geburtstag des Propheten Mohammed wird ebenfalls auf eine ganz besondere Weise gefeiert. In einer der Moscheen folgt man einem Brauch, der ursprünglich aus Malaysia kommt und „Rampies Sny“ genannt wird. Dabei beschenken Frauen die Männer mit Säckchen, die sie mit zerschnittenen Zitronenblättern, verschiedenen Ölen und Rosenwasser gefüllt haben.

Wie erleben Sie als gläubige südafrikanische Muslime die derzeitigen Unruhen im Mittleren Osten?

Husain Essop: Letztes Jahr hatten wir eine Ausstellung bei der Gallery Isabelle van den Eynde in Dubai. Während eines Künstlergesprächs berichteten wir über einige der Themen, die uns in hier in Kapstadt gerade beschäftigen: Drogenmissbrauch, Bandenkriminalität, ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit. Unser Publikum konnte damit sehr viel anfangen. Das machte mir bewusst, dass unser Werk zwar sehr persönlich und spezifisch ist, aber gleichzeitig viele Menschen anspricht, denn es geht um Erfahrungen, die universell sind.

Hasan Essop: Manchmal spürt man in den Nachrichten einen gewissen Unterton. Ich weiß, dass das Husain viel mehr beschäftigt als mich. Er ärgert sich darüber. Ich dagegen konzentriere mich auf die Schönheit des Islam, die ich auch in unseren Arbeiten zum Ausdruck bringen will. Das ist einer der Punkte, an denen es bei uns zu kreativen Konflikten kommt.

Gerade was junge muslimische Männer anbetrifft scheinen in Europa und den USA negative Stereotypen gerade allgegenwärtig. Sie sind junge muslimische Männer. Wie reagieren Sie auf dieses Phänomen?

Husain Essop: Wir stecken gerade mitten in einer Serie, die diese Fragen ganz direkt anspricht. Dazu gehören Fotografien von einem ausgebrannten Auto, Ertrunkenen an einem Strand oder einer Enthauptung. All diese Szenen basieren auf Medienbildern. Das sind keine einfachen Themen und diese Arbeiten haben zu intensiven Debatten zwischen uns geführt.

Hasan Essop: Ich möchte nicht, dass unsere Arbeiten diese Stereotypen noch verstärken. Wir können andauernd sagen „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“, aber letztendlich gibt es Menschen, die diese furchtbaren Dinge im Namen des Islam tun. Vielmehr möchte ich wie gesagt die schöne Seite des Islam zeigen, nicht das, was man in den Medien sieht. Aber ich stimme Husain zu, dass wir eine Zeit dokumentieren, die eben auch viele hässliche Seiten hat. Mir geht es darum, eine Balance zu finden.

In Ihrer Ausstellung „Unrest“ 2014 war ein satirisches Foto zu sehen, dass Sie beide in Militärkluft beim Training in einem Park zeigt. Es machte sich über das Klischee von jungen Muslimen als potentielle Dschihadisten lustig. Warum verzichten Sie in Ihrer neuen Serie völlig auf Humor?

Husain Essop: Was gerade in Syrien passiert ist einfach zu Ernst. Dort sind in den letzten zwei Jahren so viele Menschen gestorben. Es ist nicht die Zeit für Witze.

Die Flüchtlingskrise ist gerade eines der drängendsten Probleme in Europa. Viele Menschen haben Angst vor einer „Invasion” des Kontinents durch Migranten aus Afrika oder den arabischen Ländern. Sie selbst stammen aus einer Einwandererfamilie. Wie sehen Sie diese Situation?

Hasan Essop: Für mich hat Deutschland da eine unglaublich tolle Arbeit geleistet. Während die Türkei, Jordanien und der Irak viele Flüchtlinge aufgenommen haben, ist es sehr enttäuschend zu sehen, wie wenige in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder in Saudi Arabien aufgenommen wurden. Sie hätten ihre Grenzen als erste für die Flüchtlinge öffnen sollen.

Husain Essop: Migranten sind kein Problem. Sie möchten arbeiten. Schauen Sie sich doch nur die Türken in Deutschland an….

Hasan Essop: Sie sind potentielle Arbeitskräfte.

Husain Essop: Diese Vorstellung von einer „Invasion” ist eine Erfindung der Medien, die die Ablehnung von Muslimen oft verstärken. Auf der ganzen Welt passieren viele schreckliche Dinge, aber nur über wenige davon wird berichtet. Viele Menschen verhungern oder kommen bei Dürren ums Leben, aber das sorgt nicht für so viel Medienaufmerksamkeit wie etwa die Anschläge von Paris.

Als wir uns 2007 zum ersten Mal trafen, dominierte Al-Qaida die Nachrichten. Jetzt sind es Gruppen wie ISIS oder Boko Haram. Eines ist aber unverändert: Die muslimische Kultur steht unter Beobachtung. Haben sich in diesen Jahren auch die Einstellungen zu Ihrer künstlerischen Arbeit geändert?

Husain Essop: Wenn ich an unseren letztjährigen Besuch in Dubai zurückdenke, dann ging es besonders oft um die Frage, ob unsere Arbeit die Religion entehrt. Muslimische Sammler stellten uns dazu eingehende Fragen. Unsere Arbeit Silat Mulut (2014), auf der wir ganz in Schwarz gekleidet in einer Moschee Karateübungen machen, wurde sehr kontrovers diskutiert. Ein Sammler erzählte von Hassmails, die er erhielt, als er dieses Bild auf Instagram postete. Niemand hat wirklich verstanden, was wir sagen wollten, dass es uns um die Widersprüchlichkeiten der Realität geht. Wir mussten eine Menge erklären, bis diese Botschaft ankam.

Könnte man Ihre Arbeiten als „Katalysatoren für Gespräche“ verstehen? In dem Sinne, dass sich die Leute die Bilder anschauen und sich aus ihrer Reaktion ein Dialog ergibt?

Hasan Essop: Genau das hoffen wir. Gleichzeitig möchten wir aber auch, dass die Arbeiten gekauft werden. Es gibt allerdings keinen Markt für unsere provokanten Werke. Die Leute unterhalten sich gern über die Bedeutung dieser Bilder, aber gleichzeitig will sie niemand kaufen. Das ist unser Dilemma. Du kannst Kunst machen, um Debatten anzuregen, aber du musst ebenso dich und deine Familie versorgen. Wie können wir das ausgleichen? Indem wir beide Vollzeit als Lehrer arbeiten. Deshalb stehen wir nicht unter dem Druck, gefällige Bilder machen zu müssen. Ich mag es, dass Sie unsere Werke als „Katalysatoren“ bezeichnen. 2009 lud uns die Universität in Hamburg zu einem Workshop ein. Er beschäftigte sich mit kultureller Identität, mit den mühseligen Kämpfen von Migranten, die in Deutschland ihren Weg gehen wollen.

Husain Essop: Wir wurden als Außenseiter gebeten, uns mit diesem Thema zu beschäftigen. Unsere Arbeiten dienten sozusagen als „Eisbrecher“, um ganz unterschiedliche Leute, darunter auch Deutsche, miteinander ins Gespräch zu bringen. Das war sehr interessant. Seitdem habe ich immer wieder mit Hasan gesprochen, dass es sehr wichtig ist, die Geschichte, den Zeitgeist mit unseren Bildern einzufangen. Für die Gegenwart ist das vielleicht gar nicht so wichtig, aber später werden die Menschen zurückblicken und die Kraft der Arbeiten wird gewachsen sein.

Sie verstehen sich aber nicht als Dokumentaristen?

Husain Essop: Nein, wir inszenieren Performances, die etwas über unser Leben und das, was um uns herum vor sich geht, aussagen.

Hasan Essop: Es geht dabei auch um Spontanität, auf einen Ort zu stoßen und dann zu entscheiden, wie man mit ihm interagieren kann.

Lassen Sie uns über Ihre Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank sprechen. “Cape Town, South Africa (Variation)” zeigt zwei Männer, die mit dem Rücken zur Kamera stehen und aufs Meer hinaus blicken. Neben ihnen gepackte Taschen. Die Arbeit entstand 2009, wirkt heute aber wie eine Metapher für die aktuelle Flüchtlingskrise. Was war die Idee hinter dieser Arbeit?

Hasan Essop: Sie entstand in Kalk Bay, einem kleinen Fischerhafen am Indischen Ozean in der Nähe von Kapstadt.

Husain Essop: …als eine Reaktion auf die fremdenfeindlichen Attacken in Südafrika 2008. Wir wollten zeigen, wie afrikanische Migranten, die nach Südafrika gekommen waren, Hals über Kopf ihre Habseligkeiten in eine einzige Tasche packen mussten. Um sich in Sicherheit zu bringen, flüchteten sie, häufig in Kirchen oder Moscheen. Und jetzt passt diese Arbeit genau zur Flüchtlingskrise. Eben das meine ich, wenn ich zu Hasan sage, dass man die Geschichte dokumentieren muss.

Hasan Essop: Die Arbeit wurde dafür kritisiert, dass sie nicht deutlich genug sei. Der Bezug zu den Ereignissen wäre nicht offensichtlich. Aber wenn man auf die Kleidung der beiden Männer achtet, erkennt man, dass sie eine Kurta tragen, ein kragenloses Gewand aus einem afrikanischen Stoff. Das fällt einem muslimischen Betrachter vielleicht eher auf. Dieses Bild entstand kurz bevor wir für ein Stipendium nach Kuba gingen und dort bei der Havanna Biennale ausstellten. Für mich geht es hier auch um unsere Reise. Wir stehen am Ende der Welt und blicken über das Meer.

In Kuba fotografierten Sie dann unter anderem auch “Fast Twins”.

Husain Essop: Die Aufnahmen machten wir in Havanna. Das Graffiti erinnerte uns an das Viertel in Kapstadt, in dem wir aufgewachsen sind. Als wir noch kleine Jungen waren, hingen wir immer an Orten ab, wo die Mauern mit solchen Graffiti bedeckt sind.

Sie haben auch schon im Senegal ausgestellt, wo sie auf das Motiv für “Slave Lodge II” stießen.

Husain Essop: Das war auf Gorée Island, einer vor Dakar gelegenen Insel. Von hier aus wurden früher Sklaven verschifft. Das Bild zeigt den Kai, an dem die Slaven auf die Schiffe in Richtung USA verladen wurden. Das war sehr bedrückend. Man kann sich nicht vorstellen, wie furchtbar das damals war. Die Menschen wurden wie Vieh untergebracht – in fensterlosen Gebäuden mit nur einem Loch im Dach.

Hasan Essop: Auf Gorée Island haben wir auch eine alte Moschee fotografiert. Dort gibt es ein Wandgemälde, das die drei Imame feiert, die den Islam in dieser Region verbreitet haben. Wir entschieden uns spontan dazu, eine Fotografie zu inszenieren, auf der wir leuchtend bunte, senegalesische Kurtas tragen. Wir haben dann einen ganzen Tag auf dieser Insel verbracht

Husain Essop: : Dakar hat mich total begeistert. Dort sind wir einem sehr bunten Islam begegnet.

Hasan Essop: ... Einem afrikanischen, ganz einzigartigen Islam.

Neben den Fotoarbeiten machen Sie inzwischen auch Videos und Skulpturen. Werden Sie in dieser Richtung weiterarbeiten?

Husain Essop: Auf jeden Fall. Wir haben auf der Frieze London überraschenderweise gleich zwei Videos verkauft, die beide auf schiitischen Ritualen basieren. Chest Beating zeigt ein Trauerritual im Muharram, dem ersten Monat des islamischen Kalenders. Dabei schlagen die Gläubigen auf ihren Oberkörper ein. In dem Video sind unsere Köpfe allerdings nicht zu sehen. Die Arbeit dreht sich um Gewalt und wie man mit ihr in seinem eigenen Leben umgeht.

Hasan Essop: Skulpturen sind dagegen etwas schwieriger. Man muss bei Objekten immer vorsichtig sein, um den Vorwurf von Götzendienst zu vermeiden. Deshalb haben wir auch zunächst ausschließlich mit Fotografie gearbeitet. Damit haben wir uns an diesen Vorwürfen und dem Verbot der Darstellung des menschlichen Körpers vorbeimanövriert.

2007 erzählten Sie wie frustrierend es sei, dass man Sie an der Kunsthochschule immer aufforderte, sich mit dem Werk von Shirin Neshat zu beschäftigen. Ein Jahrzehnt und viele Reisen später – welche Künstler finden sie jetzt spannend?

Hasan Essop: Ich finde den in Paris lebenden Morokkaner Mounir Fatmi sehr beeindruckend. Seine Arbeiten sind wirklich unglaublich. Und auch Barthélémy Toguo aus Kamerun.

Husain Essop: Er ist so cool und total intelligent.

Hasan Essop: Eine unserer Lehrerinnen, die Bildhauerin Jane Alexander, hat uns auch sehr inspiriert.

Husain Essop: Wenn ich niedergeschlagen bin und keine Ideen habe, dann gebe ich bei der Google Bildersuche “William Kentridge” ein. Kentridge inspiriert mich jedes Mal, seine Kohlezeichnungen, seine Skulpturen, bei denen er mit optischen Tricks arbeitet. Da ist so viel Schönheit.

Hasan Essop:
Ich finde es großartig, dass ihm Kunst alles bedeutet. Genau das ist sie auch für mich – einfach alles.