Bhupen Khakhar und die neue Tate Modern

Internationale Malerei steht im Zentrum des diesjährigen Tate-Programms: Georgia O’Keeffe, Francis Bacon, Maria Lassnig und Robert Rauschenberg werden mit großen Ausstellungen geehrt. Neben diesen prominenten Positionen stellt das Museum aber auch einen Künstler vor, den das westliche Publikum erst noch entdecken muss: Bhupen Khakhar. Dreizehn Jahre nach dem Tod des indischen Malers zeigt die Tate Modern in Kooperation mit der Deutschen Bank, warum der Autodidakt zu den bedeutendsten Künstlern des Subkontinents gehört

Khakhar revolutionierte die indische Kunst: Anfang der 1960er Jahre war er der erste Maler, der auf seinen Bildern die traditionelle Kunst und die Massenkultur seines Landes mit westlicher Pop-Art verband. Aufsehen erregte Khakhar, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, in den frühen 1970er Jahren mit Bildern wie The De-Lux Tailors (1972) oder Barber’s Shop (1973). Seine liebevollen Portraits von Friseuren, Schneidern oder Uhrmachern stießen das kulturelle Establishment vor den Kopf, denn Menschen aus der unteren Mittelschicht galten damals schlichtweg als nicht bildwürdig. Später brach Khakhar weitere Tabus: Seine Homosexualität setzte er ebenso unverblümt ins Bild wie seine Krebserkrankung, was zu Schwierigkeiten führte, in Indien eine Galerie zu finden, die bereit war, ihn zu vertreten. You Can’t Please All (Du kannst es nicht jedem recht machen) lautet daher auch der Titel der Londoner Schau. Sie beleuchtet alle fünf Dekaden von Khakhars künstlerischer Laufbahn und zeigt neben Gemälden und Aquarellen auch seine Keramiken. Ab dem 18. November ist die Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen. Sie setzt die Kooperation mit der Tate Modern fort, in deren Rahmen bedeutende künstlerische Positionen aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten in Berlin vorgestellt werden. Den Auftakt bildete 2014 die Präsentation von Meschac Gabas bahnbrechender Installation Museum of Contemporary African Art.

Diese globale Perspektive kennzeichnet auch das neue Profil der Tate Modern. Das Museum nutzt die Einweihung seines Erweiterungsbaus, um sich neu zu positionieren. In einem Statement für ArtMag erklärte der scheidende Direktor Chris Dercon, dem das Projekt ein Herzensanliegen war, das Museum des 21. Jahrhunderts sei ein „Ort für soziale Experimente und Innovationen, der neue Formen von Kunst, Kreativität und Denken ermöglicht. Es werden Kunstwerke aus der ganzen Welt präsentiert, die es ganz unabhängig von ihrer geografischen Herkunft erlauben, neue Verbindungen herzustellen, so dass wir unseren eigenen Platz in der Welt besser verstehen können.“

Auf mehr als 55.000 Quadratmetern zusätzlicher Ausstellungsfläche bietet der von Herzog & de Meuron entworfene Anbau die Möglichkeit, die Gegenwartskunst auf eine neue Weise zu zeigen – umfassender, internationaler, weiblicher, performativer. So ist etwa Carl Andres Ziegelsteinskulptur Equivalent VIII (1966) gemeinsam mit Saloua Raouda Choucairs Infinite Structure (1963-65) zu sehen. Die libanesische Bildhauerin verbindet bei dieser aus zwölf Tuffstein-Modulen zusammengesetzten Skulptur westliche Einflüsse – sie studierte bei Léger – mit der für den islamisch geprägten Kulturraum typischen Abstraktion. Auch Neuankäufe wie Babel, einem aus mehr als 700 Radios zusammengesetzten Turm des Brasilianers Cildo Meireles oder Malangatana Ngwenyas unbetiteltes Gemälde, auf dem er den blutigen Unabhängigkeitskrieg seines Heimatlandes Mosambik thematisiert, stehen für die Neuausrichtung des Museums.

Nur vier der elf Etagen des Switch House genannten Erweiterungsbaus dienen als reine Ausstellungsräume. In den drei riesige Öltanks im Keller des ehemaligen Kraftwerks werden vor allem Performances und Filme zu sehen sein. Die anderen Stockwerke bieten Raum für Veranstaltungen, Seminare, edukative Angebote aber auch für einen Shop und ein Restaurant. Die oberste Etage lockt mit einer riesigen Panoramaterrasse mit Blick über die Londoner Skyline bis zum Wembley-Stadium. Die Eröffnung am 17. Juni wird mit einem 3-wöchigen Veranstaltungsprogramm gefeiert – unter anderem mit Performances von Tarek Atoui, Amalia Pica und Roman Ondak, dem "Künstler des Jahres" 2012 der Deutschen Bank.

Bhupen Khakhar: You Can’t Please All
01.06. – 06.11.2016
Tate Modern, London

18.11.2016 - 05.03.2017
KunstHalle, Berlin