Die Schönheit der Reparatur
Kader Attia im Frankfurter MMK

„Zeige die Wunde, weil man die Krankheit offenbaren muss, die man heilen will.“ Dieser Forderung von Joseph Beuys dürfte sich Kader Attia anschließen. Auch dem algerisch-französischen Künstler geht es um Verletzungen und Narben, die in Individuen und Gesellschaften eingeschrieben sind, aber ebenso um Heilung und „Reparatur“. Das dokumentiert jetzt auch seine großartige Ausstellung Sacrifice and Harmony im Frankfurter MMK. Attia, der in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, erscheint dabei, anders als Beuys, weniger als Mystiker und Alchimist. Sein Fokus liegt sehr viel stärker auf Faktoren wie Politik und Geschichte, auf den Machtverhältnissen, aus denen der augenblickliche Zustand der Welt resultiert.

Gleich die erste Arbeit der Ausstellung konfrontiert den Besucher ganz unmittelbar mit einem dieser Machtverhältnisse. In der zentralen Halle des MMK hat Attia, der in den Banlieues von Paris aufwuchs, einen begehbaren Metallkorridor installiert. Es ist ein beklemmendes Gefühl, unter den niedrigen, müllbedeckten Gittern durchzulaufen. Doch für die Palästinenser in Hebron gehört das zur bitteren Alltagsrealität. Sie schützen sich so vor dem Müll, den die in den oberen Stockwerken wohnenden jüdischen Siedler auf sie herabwerfen, um sie aus ihren Wohnungen und Geschäften zu vertreiben. Los de arriba y los de abajo (Die von Oben und die von Unten) macht die brutale Spaltung einer Gesellschaft spürbar.

Der Korridor schleust die Besucher in einen Video-Raum, wo Interviews abgespielt werden, die Attia mit Wissenschaftlern und Historikern, aber auch Imamen und Priestern führte. In den Gesprächen geht es um Realität und Virtualität, Religion und Spiritualität, um psychische Krankheiten und Holocaust-Traumata, vor allem aber um Möglichkeiten der Heilung. Dabei verfolgen die Kulturen ganz unterschiedliche Wege, die in unserer globalisierten Welt immer öfter miteinander kollidieren. Attia zeigt, dass jeder seine eigene Wahrheit hat– der Psychoanalytiker, der Schulmediziner, der Schamane, der Geistliche.

In einem Punkt sind sich alle einig: Die im Westen so gerne praktizierte Verdrängung der Vergangenheit trägt nicht zur Heilung bei. Dass die Geister der Vergangenheit immer wieder zurückkehren zeigt Attias Installation J’accuse auf eindrucksvolle Weise. Den Titel hat er einem 1938 entstandenen Spielfilm entlehnt. Darin zeigt Regisseur Abel Gance, wie sich die Gefallenen des 1. Weltkriegs aus ihren Gräbern erheben, um die nachfolgenden Generationen vor einem drohenden Krieg zu warnen. Unter den Darstellern waren auch Überlebende der blutigen Schlachten von Verdun, die in dem Film ihre Wunden zeigen: ihre aufs Grausamste verstümmelten Gesichter. Ein Ausschnitt aus J’accuse ist auf einer großen Leinwand zu sehen. Eine Ansammlung von auf rostigen Metallgestellen installierten Holzbüsten fungiert als Publikum. Die Büsten wurden von Schnitzern aus dem Senegal angefertigt. Als Vorlagen dienten ihnen Fotografien von entstellten Überlebenden des 1. Weltkriegs. Ihre Skulpturen erinnern unweigerlich an Werke expressionistischer Bildhauer, die ihr Formenvokabular ja nicht zuletzt afrikanischen Vorlagen verdankten.

„Für mich ist es ganz wichtig, dass man sich wirklich erinnert“, erklärt der 1970 geborene Künstler. „Und der Westen hat eben oft den historischen Fehler begangen, dass er versucht hat, seine Wunden, seine Verletzungen, seine Narben zu verstecken, sie überhaupt nicht mehr zu thematisieren.“ Deshalb folgt im Westen die Reparatur meist dem Ideal der Perfektion: Sie soll möglichst unsichtbar sein, ansonsten wird ein kaputter Gegenstand einfach durch einen neu gekauften ersetzt. Seine Geschichte wird damit allerdings entsorgt. Für Attia sind daher Artefakte aus ethnologischen Sammlungen ganz besonders interessant. Häufig bezieht er sie in seine Arbeiten ein. So auch geschehen bei seiner vielbeachteten Installation The Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures auf der documenta 13 (2012). Nähte und Brüche, die Spuren der Zeit und der Geschichte bleiben bei ihnen sichtbar.

Wie ästhetisch solche Brüche sein können demonstriert am Ende der Ausstellung eine Kugel aus mit Kupferdraht zusammengenähten Spiegelscherben. Ihre verschiedenfarbigen Rückseiten bilden die Außenhaut. Erst beim Blick in diesen Globus sieht man die Spiegelflächen – eine gleißende, unendlich erscheinende Welt aus sich ständig verändernden Lichtreflexen und Spiegelungen. Chaos + Repair = Universe hat Attia diese Arbeit genannt, an deren Anfang Zerstörung steht. Erst durch den Prozess des Zusammensetzens wird die Welt in all ihren Dimensionen und ihrer Schönheit erfahrbar.

MMK Talk mit Kader Attia und Gerhard Kubik
Dienstag, 10. Mai, 19 Uhr im MMK 1
Kader Attia im Gespräch mit dem Ethnologen Gerhard Kubik, der zu den international renommierten Größen im Bereich intrakulturelle afrikanische Kulturforschung zählt.
In englischer Sprache. Eintritt frei. Gefördert von Deutsche Bank Stiftung.

Kader Attia. Sacrifice and Harmony
bis 14.08.2016
Museum für Moderne Kunst - MMK 1, Frankfurt am Main