Ego Update
Tate Modern und Schirn erkunden das Selbstporträt

Me, Myself & I – das Internet wird von Selfies geradezu überschwemmt. Laut einer aktuellen Umfrage verbringen Amerikaner zwischen 18 und 34 Jahren täglich zehn Minuten damit, ihre Selbstporträts aufzunehmen, zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Sollte dieser Trend anhalten, würden sie im Laufe ihres Lebens rund 25.000 Selfies produzieren. Das Netz bringt auf diese Weise seine eigenen Stars hervor, sogenannte Microcelebrities, deren Aktivitäten in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und YouTube von zehntausenden Fans verfolgt und kommentiert werden. Besonders erfolgreich sind dabei gut aussehende, junge Frauen, die für einen von Mode, Kosmetik und Statussymbolen bestimmten Lebensstil stehen. Für ihr Projekt Excellences and Perfections verwandelte sich Amalia Ulman in eines dieser „Sugar Babies“ und dokumentierte ihr neues Leben zwischen Detox-Drink und Nagelstudio auf Instagram. Die argentinische Künstlerin, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, setzte nicht nur auf Retusche-Apps und Filter, um ihr digitales Ich zu perfektionieren. Für ihr viermonatiges Performance-Projekt machte sie tatsächlich eine Diät, optimierte ihren Körper mit Yoga und Pole Dancing. Der Rest war allerdings komplett inszeniert. So hat die Brustvergrößerung, von der sie ihren mehr als 60.000 Followern berichtete, nie stattgefunden und auch der „Sugar Daddy“, der ihr Luxusleben finanzierte, war erfunden. Excellences and Perfections spielt mit den Grenzen zwischen Realität und Fiktion und stellt gleichzeitig weibliche Rollenbilder, die nicht nur in den sozialen Medien propagiert werden, zur Diskussion.

Jetzt haben Amalia Ulmans Selfies den Sprung von Instagram in die Tate Modern geschafft. In der Ausstellung Performing for the Camera zeigt das Londoner Museum mehr als 500 Fotografien, die das breite Spektrum zwischen künstlerischen Performances und Selbstinszenierung abdecken. Auch die Schirn Kunsthalle widmet sich gerade in ihrer schlicht mit ICH betitelten Schau dem Selbstporträt. Neben zahlreichen Fotoarbeiten sind in Frankfurt auch Zeichnungen, Skulpturen, Installationen und Video-Performances zu sehen.

Dabei sind Rollenspiele vor der Kamera so alt wie das Medium selbst. Die frühesten Beispiele in der Londoner Ausstellung stammen von Nadar, dem Meister der französischen Studiofotografie des 19. Jahrhunderts. Für ihn verkörperte Sarah Bernhardt Lady Macbeth oder den Pierrot und spielte nebenbei mit den Geschlechterrollen – ein Motiv, das sich auf weiteren Bildern der Ausstellung wiederfindet, zum Beispiel Man Rays berühmten Portrait von Marcel Duchamp als Rrose Sélavy oder auch bei Samuel Fosso. Der Fotograf aus der Zentralafrikanischen Republik, dem in den Deutsche Bank-Türmen eine Etage gewidmet ist, verkörpert in seiner Serie African Spirits die Heroen der afrikanischen und afroamerikanischen Befreiungsbewegungen wie Patrice Lumumba, Malcolm X und die Bürgerrechtsaktivistin Angela Davis. Besonders eindringlich sind auch die Fotografien von Eikoh Hosoe. Er zeigt den Transvestiten und Schauspieler Simon Yotsuya auf einer Odyssee durch das Japan der frühen 1970er Jahre. Hosoe dokumentiert die Ablehnung, mit der dieser gesellschaftliche Außenseiter immer wieder konfrontiert wird, aber auch seine ungebrochene Lebenslust.

Dass in der Tate Modern neben bekannten Namen – Cindy Sherman, Francesca Woodman, Erwin Wurm – auch zahlreiche Entdeckungen präsentiert werden, macht die Schau besonders sehenswert. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf japanischen Positionen. So dokumentierten Kiyoji Otsuji und Minoru Hirata die Performances und Happenings von Gutai oder Hi Red Center – Vertretern einer radikalen Avantgarde der 1960er, deren Aktionen auch Koki Tanaka, den Deutsche Bank „Künstler des Jahres“ 2015, zu einer Serie von Zeichnungen inspirierten. Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung sind die Serien von Shunk-Kender. Von 1958 bis 1973 begleitete das Duo mit seiner Kamera über 400 Künstler bei der Arbeit. Ihren Aufnahmen ist es zu verdanken, dass wir heute die bahnbrechenden Performances von Vito Acconci, Yves Klein, Niki de Saint Phalle oder Yayoi Kusama zumindest ansatzweise erleben können.

Acconi hielt seine Performances selbst auf Video fest. In der Schirn ist seine 1971 entstandene Arbeit Centers zu sehen, für die er bis zum Ende seiner Kräfte auf das Objektiv der Kamera zeigt – und damit auch direkt auf den Zuschauer. Er führt dabei den Jahrhunderte alten Topos des Selbstporträts ad absurdum. Zwar ist das Gesicht des Künstlers über über 20 Minuten lang zu sehen, doch gleichzeitig ist es durch seinen ausgestreckten Arm mehr oder weniger verdeckt. Acconis Geste weist dabei auf den Betrachter und bringt so ein „ein anti-narzisstisches Element ins Spiel, das für weite Teile der künstlerischen Selbstinszenierung der 1970er-Jahre konstitutiv ist“, so Anja Osswald im Ausstellungskatalog. Diesen Ansatz teilen die meisten in der Schau vertretenen Künstler. Folgerichtig ist das „ICH“ im Ausstellungstitel dann auch durchgestrichen.

So wird das Selbst in der Schirn verborgen, fragmentiert oder ironisch dekonstruiert: Erwin Wurm lässt sich von einer Armada aus auf Podesten installierten Essiggurken vertreten. Imi Knoebel präsentiert sich auf seinem Selbstporträt mit Pappkarton als Arrangement aus Fundstücken wie Brettern, Eimern und Feuerlöschern. Alicja Kwade füllte für ihr Selbstbildnis 22 Glasphiolen mit chemischen Substanzen, aus denen der menschliche Körper besteht.

Die gezeigten Fotoarbeiten verweigern sich ebenso konventionellen Vorstellungen des Selbstporträts. Günther Förgs Treppenhaus München (1984/98), eine Leihgabe aus der Sammlung Deutsche Bank, zeigt, wie der Künstler eine Treppe heruntergeht. Sein Gesicht – der Körperteil also, der uns sonst immer Einblick in die Persönlichkeit des Abgebildeten geben soll – ist allerdings nicht zu sehen. Förgs Kopf ist vom Bildrand abgeschnitten. Auch Eberhard Havekost und Wolfgang Tillmans verzichten darauf, Gesicht zu zeigen. Diese Strategie zeugt von ihren Zweifeln an einer, wie es der Kulturwissenschaftler Thomas Macho formuliert, „facialen Gesellschaft“, die von per Photoshop oder Schönheitschirurgie optimierten Gesichtern geradezu überschwemmt wird.

Um die Einflüsse der Medien und der Popkultur auf unser Selbstbild geht es in Mike Bouchets FBI Drawings (2007) aus der Sammlung Deutsche Bank. Sieben Mal zeichnete der in Kalifornien geborene Künstler den Schauspieler Eric Stoltz in verschiedenen Rollen, zum Beispiel als bärtigen Dealer aus Pulp Fiction oder sympathischen Typ von Nebenan aus Happy Hour. Die Serie beruht auf Techniken des FBIs. Um möglichst schnell an ein Fahndungsbild zu kommen, werden Zeugen gefragt, welcher Berühmtheit die gesuchte Person ähnelt. Daraufhin fragte Bouchet seine Freunde, welchem Star er gleiche. Eric Stoltz aus Pulp Fiction lautete die häufigste Antwort. Indem er sein Selbstporträt als von Hollywood inspiriertes Fahndungsbild gestaltet, macht der Künstler die moderne Identitätsfindung zu einem Spiel mit Stereotypen. Als achtes „Bild“ hängt Bouchet einen Spiegel neben seine Zeichnungen. Wie Vito Acconci spielt er damit den Ball direkt dem Betrachter zu und fragt: „Wer ist dein berühmter Doppelgänger?“

   
Performing for the Camera
bis 12.06.2016
Tate Modern, London

ICH
bis 29.05. 2016
Schirn Kunsthalle, Frankfurt