Ein Richter-Gemälde als Beistelltisch
Gestohlene Bilder in der Fondazione Prada

Es war einer der größten Kunstdiebstähle der letzten Jahre: Im Mai 2010 verschwanden Gemälde von Matisse, Picasso, Léger, Braque und Modigliani aus dem Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris. Zurück blieben nur die leeren Rahmen auf der Straße vor dem Museum. Von den Tatortfotos ließ sich John Baldessari zu den beiden Postern inspirieren, mit denen die Fondazione Prada für L’image volée, das gestohlene Bild, wirbt. Die von Thomas Demand konzipierte Ausstellung dreht sich dabei aber nicht nur um geraubte Gemälde, sondern um alle möglichen Formen der künstlerischen Aneignung – und um staatliche Überwachung. In der Schau sind neben Baldessari zahlreiche weitere Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank vertreten – von „Klassikern“ der Appropriation wie Hans-Peter Feldmann oder Andreas Slominski bis zu jüngeren Fotokünstlern wie Elad Lassry oder Anne Collier, deren Werke vor kurzem in der Ausstellung Photo Poetics in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen waren.

Demand  scheint der ideale Mann für das Thema „geraubte Bilder“ zu sein, basieren seine Fotoarbeiten doch stets auf Vorlagen aus den Medien. Doch im Grunde bauen alle Künstler auf dem auf, was ihre Vorgänger geschaffen haben: „Jeder steht auf den Schultern von jemand anderem“, so der Kurator. Seine 90 Arbeiten von über 60 Künstlern umfassende Schau hat er in drei Kapitel aufgeteilt, die durch Manfred Pernices Ausstellungsarchitektur miteinander verbunden werden. In der ersten Sektion wird der Titel wortwörtlich genommen: Es geht um Kunstwerke, die tatsächlich mehr oder weniger entwendet wurden. So etwa Stolen Rug, ein Orientteppich, den Richard Artschwager 1969 für die Ausstellung Art by Telephone im MCA Chicago bei einem Freund stehlen ließ. Hier ist auch Martin Kippenbergers brachiale Hommage an seinen künstlerischen Übervater Gerhard Richter zu sehen: Kippenberger erwarb eines seiner typischen grauen Gemälde und versah es mit vier Beinen. Den als Richter-Modell (interconti) betitelten Beistelltisch verkaufte Kippenberger dann weit unter dem Wert der ursprünglichen Leinwand.

Um die unterschiedlichsten Formen von künstlerischer Aneignung geht es im zweiten Kapitel von L’image volée. Hier ist ein kubistisches Frauenporträt zu sehen, das erstaunlicherweise von Cy Twombly stammt. 1988 übermalte er eines seiner eigenen Gemälde, das er für misslungen hielt, mit diesem für ihn völlig untypischen Motiv  – frei nach dem Motto „Lieber ein falscher Picasso als ein schlechter Twombly“. Eine Strategie ganz im Sinne des kopierten Künstlers: „Wenn es etwas zu stehlen gibt, dann stehle ich“, so eine von Picassos Maximen.

Anri Sala bediente sich für seinen 16-mm-Film Agassi bei einem Foto aus der International Herald Tribune, das den Augenblick unmittelbar vor dem Aufschlag des Tennisspielers festhält. Salas Loop dehnt diesen Moment höchster Konzentration scheinbar ins Unendliche und verleiht der Aufnahme dadurch eine unglaubliche Präsenz. Mit Medienbildern arbeitet auch Wangechi Mutu. Die „Künstlerin des Jahres“ 2010 der Deutschen Bank kombiniert Fotos aus Hochglanzmagazinen mit Abbildungen aus alten medizinischen Fachbüchern. Ihre ebenso unheimlichen wie faszinierenden Collagen hinterfragen unsere Auffassung von Schönheit und nicht zuletzt stereotype Darstellungen schwarzer Frauen.

Die letzte Sektion verleiht der Ausstellung politische Brisanz. Sie verweist auf die Bilder, die uns selbst tagtäglich „gestohlen“ werden. Und das nicht nur von den allgegenwärtigen Überwachungskameras, wie es Demands Videoarbeit Camera veranschaulicht. Auf wesentlich verstecktere Methoden der Kontrolle verweisen Trevor Paglens Aufnahmen aus den Tiefen des Atlantiks. Sie zeigen die Kabel, durch die die Internetdaten, Bilder und Telefonate von Kontinent zu Kontinent geschickt und von den Geheimdiensten regelmäßig angezapft werden. Der Ausstellungsparcours endet mit einer Präsentation von Geräten, mit denen die Geheimdienste der Ostblockstaaten ehemals die Bevölkerung ausspähten und abhörten. Wie begehrenswerte Designobjekte auf einem knallgelbem Display präsentiert, erinnern sie erstaunlicherweise an die Smartphones von heute denken – und daran, dass wir uns heute von diesen praktischen Miniaturcomputern immer auch freiwillig ausspionieren lassen.

L’image volée
bis 28.8.2016
Fondazione Prada, Mailand