Neues aus der Post-Gegenwart
Die neunte Berlin Biennale

Der Pariser Platz ist ein Ort, den viele Berliner eher meiden. Zwischen Brandenburger Tor, US-Botschaft, Unternehmenssitzen und dem geschichtsträchtigen Hotel Adlon drängen sich vor allem Touristengruppen mit ihren allgegenwärtigen Selfiesticks. Genau hier liegt die Hauptspielstätte der 9. Berlin Biennale. Zog es die letzte Ausgabe tief in den „alten Westen“, hat sich die aktuelle Biennale ins Zentrum der Stadt begeben – und der Macht, denn auch das Regierungsviertel liegt gleich um die Ecke.

Berlins wichtigste Überblicksschau für Gegenwartskunst hat sich damit komplett von der hauptstadttypischen Ruinenromantik vergangener Ausgaben verabschiedet. Stattdessen hat die Biennale die Akademie der Künste okkupiert und in eine  Mischung aus Shoppingmall, Detox Bar, Wohnlandschaft und Video-Installation verwandelt. Bildschirme, hermetische Oberflächen, Wohnlandschaften, künstliche Biotope und ein Hauch von Trash prägen die Schau. Alles ist hybrid, alles ist fließend: Identitäten, Geschlechterrollen, die Grenzen zwischen Mensch und Avatar, Privatheit und Öffentlichkeit, Kunst und Mode.

Diese Berlin Biennale gehört der Generation der Digital Natives und da darf Ryan Trecartin als bekanntester und radikalster Vertreter der Post Internet Art nicht fehlen. Bereits 2008 stellte ihn das Deutsche Guggenheim, heute Deutsche Bank KunstHalle, im Rahmen der Gruppenausstellung Freeway Balconies erstmals in Berlin vor. Vom Tresen einer kleinen, dunklen Bar kann man Trecartins hypernervösen Protagonisten bei einer Irrfahrt durch die USA erleben. Hätte Facebook Albträume, sähen sie aus wie die Videos des in Los Angeles lebenden Künstlers. In seinem neuesten, gemeinsam mit Lizzie Fitch realisierten Werk geht neben Liebe und Eifersucht überraschenderweise auch um genmanipulierte Landwirtschaft.

Dass man die Flüchtlingskrise ohne Betroffenheitsklischees ins Bild setzen kann, beweist Halil Altindere. Sein Musikvideo Homeland zeigt eine Gruppe von Geflüchteten auf ihrem Weg von Istanbul nach Berlin. Manche der inszenierten Passagen wirken dokumentarisch, andere gleichen einem Action Film. Den Soundtrack liefert der syrische Hip Hoper Abu Hajar, der selbstbewusst rappt, dass er irgendwann in seine alte Heimat zurückkehren wird. Ein anderes aktuelles gesellschaftliches Thema greift der Künstler Trevor Paglen in Kooperation mit dem Sicherheitsexperten Jacob Appelbaum auf. Ihr Autonomy Cube verweist auf die staatliche Überwachung der digitalen Sphäre. Der mit Computerschalttafeln bestückte Plexiglaskasten ist zugleich Skulptur und Router, der es den Biennale Besuchern ermöglicht anonym zu surfen.

Solche Arbeiten zeigen, dass anfängliche Befürchtungen, die vom New Yorker Kollektiv DIS kuratierte Biennale würde eine eher apolitische Veranstaltung, unberechtigt waren. Unter dem Motto „The Present in Drag“ – „Die verkleidete Gegenwart“ – zeichnen sie ein überspitztes, flackerndes Bild einer Konsumgesellschaft, die den Glauben an eine bessere Zukunft verloren hat. Wir leben, so die vier Kuratoren, in der Post-Gegenwart: „Die Zukunft fühlt sich wie die Vergangenheit an: vertraut, vorhersagbar, unveränderlich – und die Gegenwart steht mit den Unwägbarkeiten der Zukunft alleine da. Wird Donald Trump Präsident? Ist Weizen giftig? Ist der Irak ein Land? Mag ich Shakira? Leide ich an Depressionen? Sind wir im Krieg?“, heißt es im Biennale-Statement, das die Wiedersprüche eines Lebens zwischen personalisierten Turnschuhen und sozialen und ökologischen Krisen, das paradoxe Nebeneinander  von Themen und Nachrichten in den sozialen Medien ziemlich gut reflektiert.

Die Faszination der Kuratoren für die makellose Ästhetik der Werbung machte schon die von Roe Ethridge gestaltete Biennale-Kampagne deutlich. Der amerikanische Fotokünstler, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, übersteigert ihre glatte Obefflächlichkeit  so sehr, dass seine Bilder ins Abgründige kippen. Der Welt des Kommerzes entlehnt sind auch die Leuchtkästen, denen man überall in der gesamten Akademie begegnet. Auch Cao Fei hat ein Exemplar gestaltet. In einem Interview mit ArtMag konstatierte die junge chinesische Künstlerin, dass wir in Endzeiten leben. Ihr Symbol dafür sind Untote, die gerade auch in amerikanischen Erfolgsserien wie The Walking Dead oder Game of Thrones ein Comeback erleben. Auf der Biennale lässt sie die Zombies aus ihrem Film Haze and Fog antreten. Johannes Paul Raether, der zu den Teilnehmern der Kunst- und Performance-Festivals Globe zur Eröffnung der Deutsche Bank-Türme zählte, widmet seinen Leuchtkasten einem „Transformalor IKAEAE“, einem silbrig glänzenden Wesen, dessen Daseinszweck vor allem im „hysterische Shoppen“ besteht. Und noch ein weiterer Globe-Künstler ist in der Akademie prominent vertreten: Ei Arakawa verwandelt Seth Prices 2008 erschienenes Buch How to Disappear in America – eine Anleitung dazu, wie man aus der Mainstream-Gesellschaft abzutauchen kann – in ein Musical, das als Live-Performance aufgeführt wird.

Fotografie, Installation, Video, Skulptur – das sind die Medien, die diese Biennale prägen. Neben der Akademie gibt es vier weitere Spielstätten: KW, die European School of Management  and Technology, die Feuerle Collection und ein Fahrgastschiff auf der Spree. In den Kunstwerken, wo die Berlin Biennale 1998 ihren Anfang nahm, hat die junge Amerikanerin Cécile B. Evans den gesamten großen Saal im Untergeschoss geflutet. Von einem Steg blickt man auf Bildschirme, auf denen HD-Videos eine dystopische Welt zeigen. Beherrscht wird sie von einer „Hyper“ genannten anonymen Macht. Es geht um Konzerne, die versuchen, unsere Wünsche zu manipulieren, und um von Pflegerobotern betreute Klonkinder. Bemerkenswert ist auch die Installation von AAmalia Ulman, die mit ihren gefakten Instagram-Postings zu einem Star der Post-Internet-Szene wurde. Weibliche Rollen- und Körperbilder stehen auch im Mittelpunkt ihres Biennale-Beitrags über ihre angebliche Schwangerschaft, die dazu führt, dass sich in ihrem fiktiven Leben zu den Prada-Schuhen jetzt auch BabyBjörn-Tragen gesellen.

Als kluger Schachzug bewies sich die Wahl der European School of Management and Technology als Ausstellungsort. Hier verdichten sich die Geschichte und Gegenwart Berlins auf eine paradoxe Weise. Die ESMT ist ihm ehemaligen Staatsratsgebäude angesiedelt, dem 1964 vollendeten Prototyp der DDR-Architektur-Moderne. In die Fassade ist das Portal des Berliner Stadtschlosses integriert, von dessen Balkon Karl Liebknecht am 9. November 1918 die „Sozialistische Republik“ ausgerufen hatte. Betritt man das lichte Foyer des Gebäudes, fällt der Blick auf ein monumentales Glasfenster: Wo Studenten lernen, wie der Kapitalismus funktioniert, kündet Walter Womackas Aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung noch immer  vom Sieg des Sozialismus. Die ESMT ist der perfekte Ort für  Simon Dennys  Blockchain Visionaries. Die Installation sieht aus wie der Messestand eines internationalen Unternehmens. Tatsächlich entwirft Denny Präsentation für drei real existierende Firmen, die sich mit den Möglichkeiten staatsunabhängiger, digitaler Währungen beschäftigen. Und während man darüber nachdenkt, ob die BitCoins von heute die Dollars von morgen sind, kann man aus den Fenstern beobachten, wie die Betonplatten des Schloss-Neubaus genau gegenüber mit einer Backsteintapete verkleidet werden, um sie möglichst historisch aussehen zu lassen.    

Die Transparenz und Offenheit signalisierende Architektur der Gegenwart steht im Zentrum der Video-Installation von Korpys/Löffler, der stärksten Arbeit in den Räumen der Feuerle Collection, einem neuen Privatmuseum für asiatische Kunst in einem ehemaligen Bunker. Korpys/Löffler, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind, kontrastieren Bilder von den Fassaden und Innenräumen der Europäischen Zentralbank in Frankfurt mit Aufnahmen der Blockupy-Proteste im März 2015. Große Spiegel beziehen den Betrachter mit ein, so dass er zum Teil der Arbeit wird. Auf welcher Seite er sich dabei zuordnet, bleibt ihm überlassen.

Als letzte Biennale-Station empfiehlt sich die Blue Star, ein mit Kunstblumen geschmücktes Fahrgastschiff, das auf der Spree durch Berlin Mitte schippert. Unter Deck erwartet die Passagiere noch einmal eine geballte Ladung Bilder und Töne. Korakrit Arunanondchai und Alex Gvojic haben hier eine Mischung aus Kissenlandschaft und wuchernder Installation untergebracht: Gothic meets trash. Auf dem Monitor läuft ein schnell geschnittener Film mit Elektro-Soundtrack. Verhandelt werden die ganz großen Themen: Schöpfung, Tod und Wiedergeburt. Auch wenn man nicht so ganz versteht, worum es geht, sieht das alles auf jeden Fall sehr hip aus. Wem das alles zu viel ist, flüchtet aufs Oberdeck. Hier kann man es sich zwischen apokalyptischen Skulpturen auf dem Kunstrasen bequem machen und wie ein ganz normaler Berlin-Tourist die Bauten des Regierungsviertels an sich vorbeizeihen lassen.
Achim Drucks

9. Berlin Biennale
bis 18.09.2016