Zurück in die Zukunft
Die zwanzigste Ausgabe der Sydney Biennale ist eröffnet

Ob man sie nun als Kunstkenner, Städtetourist oder einfach nur als Flaneur durchquert, die diesjährige Sydney Biennale ist für alle Besucher eine traumartige Erfahrung, ein Grenzgang zwischen Realität und Virtualität. Das finden zumindest die Kritiker dieses wohl bedeutendsten Kunstereignisses im asiatisch-pazifischen Raum. Zu ihrem 20. Jubiläum hat die Biennale unter der künstlerischen Leitung von Stephanie Rosenthal, Chef-Kuratorin der Londoner Hayward Gallery, wieder zu ihrer alten Stärke und zu einer neuen Dringlichkeit gefunden. The future is already here — it’s just not evenly distributed (Die Zukunft ist schon da – sie ist nur ungleich verteilt) lautet das von dem Science-Fiction-Autor William Gibson inspirierte Ausstellungsmotto. Damit spielt Rosenthal thematisch auf Utopien und gleichermaßen Ungerechtigkeiten an: Die Zukunft, mit all ihren technologischen und kommunikativen Möglichkeiten, ist nur wenigen zugänglich, während es für viele Menschen keinen Ausweg aus ihrer prekären Lebenssituation zu geben scheint.

Mehr als 80 Künstler aus 35 Ländern reflektieren dieses Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, wobei Rosenthal sieben besondere Lokationen der Metropole in Embassys of Thoughts, also Botschaften des Nachdenkens transformiert hat. An Orten wie der ehemaligen Gefängnisinsel Cockatoo Island im Hafen Sydneys, auf einem alten Friedhof, einem ehemaligen Stellwerk oder der ehrwürdigen Gallery of New South Wales entstanden ästhetische und diskursive Freiräume, in denen die Kunst Themen wie „Verschwinden“, „Geister“, „Realität“ oder „Übersetzung“ bespielt. Über die ganze Stadt verteilt finden sich auch ortsspezifische Werke. Außerdem bietet die Biennale ein umfangreiches Rahmenprogramm aus Performances, Filmpremieren, Talks und Workshops. Dieses Gesamtkunstwerk bringt auf immer wieder verblüffende Weise die australische Szene mit internationalen Positionen zusammen, die in den unterschiedlichen Botschaften wie miteinander korrespondierende Cluster gruppiert sind. So kann man neben einheimischen Größen wie dem Aborigines-Künstler und Aktivisten Richard Bell oder dem feministischen Performance-Kollektiv Brown Council viele internationale Stars und Newcomer erleben. Nowhere and everywhere at the same time heißt treffend die Pendelinstallation des in Frankfurt lebenden Künstlers und Choreografen William Forsythe, die in einer riesigen verlassenen Fabrikhalle auf Cockatoo Island von der Decke schwingt. Das Gefühl, hier und doch nicht ganz hier zu sein, vermittelt sich überall auf dieser Biennale. Kulturelle Zugehörigkeit, Ortlosigkeit, Migration, die Zirkulation von Bildern im Internet, die zunehmend virtueller werdende Realität – das sind Motive, die immer wieder aufgegriffen werden. Oft, wie etwa im Falle der Filminstallation des Thailänders Apichatpong Weerasethakul, nimmt dies geisterhafte Züge an. Sein flammender Feuerball, der auf eine riesige Glaskugel projiziert wird, erinnert ebenso an archaische Rituale wie an heutige Unruhen und Gewaltausbrüche. Zugleich lassen sich hier Projektion und Wirklichkeit kaum unterscheiden. Auch Adda Manok Mo, Pedro? (Do You Have a Rooster, Pedro?), das über sieben Meter breite Gemälde des Philippinen Rodel Tapaya, vereint eine altertümliche Welt voller Dämonen und Naturgeister mit aktuellen Bildern von Gewalt und Terror.

Auf der Biennale stoßen buchstäblich Welten aufeinander. Wie Tapaya ist auch die türkische Künstlerin Nilbar Güreş in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. In Sydney zeigt sie ihr Video Open Phone Booth (2007–2011). Es beschreibt eine ganz andere Überlagerung unterschiedlicher Realitäten: die Situation in dem kleinen Dorf, in dem ihr Vater lebt. Seit Jahrzehnten warten die Bewohner dort vergeblich auf ein eigenes Telefonnetz. Inzwischen können sie endlich direkten Kontakt mit ihren Verwandten und Freunden in aller Welt aufnehmen – dank der neuen Mobiltelefone. Für einen guten Empfang müssen sie allerdings das in einem Tal gelegene Dorf verlassen und sich auf einen der umliegenden Berge begeben. So wird die dramatische Landschaft Ostanatoliens zu einer „offenen Telefonzelle“ – ein Symbol für die Sehnsucht nach Kommunikation und Gemeinschaft.

Auch die indische Fotokünstlerin Dayanita Singh, der im Frankfurter Hauptsitz der Deutschen Bank eine ganze Etage gewidmet ist, greift diese Sehnsucht ganz unmittelbar auf und bezieht sie auf den Kunstbetrieb. Als Gegenentwurf zu traditionellen Museen, die sich vorwiegend in Metropolen und Machtzentren ansiedeln, entwickelte sie ein mobiles Suitcase Museum (2015). Dieses kann in Regionen aufgebaut werden, in denen es keine Infrastruktur gibt, und erreicht so auch ein Publikum, das eigentlich als „kunstfern“ gilt. Zugleich ist es Ausdruck einer alltäglichen von Migration bestimmten Realität. In Zeiten, in denen Menschen auf der Flucht oder der Suche nach einer Existenzgrundlage ihr ganzes Leben in einer Tasche verstauen müssen, passt auch Singhs Ausstellung in einen Koffer. Sie braucht keine Wände, sondern besteht nur aus Buchcovern oder Leporellos. Mit dieser Anspielung auf soziale Ungleichheit und die Macht etablierter Institutionen trifft Singh eine der wesentlichen Fragestellungen dieser spannenden Biennale:  In welcher zeitgemäßen Form kann Kunst heute überhaupt unsere Geschichte und Wirklichkeit kommunizieren?

20. Biennale of Sydney
bis 05.06.2016