Ich kenne die Form des Universums
Basim Magdy in der Deutsche Bank KunstHalle

Mit „Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns“ präsentiert die Deutsche Bank KunstHalle die erste große institutionelle Ausstellung von Basim Magdy. Angela Rosenberg ist in den rätselhaften Kosmos des „Künstlers des Jahres“ 2016 eingetaucht.
Raumstationen, Baustellen, verödete Landschaften, dubiose Denkmäler: Basim Magdys Papierarbeiten erinnern gleichermaßen an post-apokalyptische Szenarien aus Science-Fiction-Filmen sowie an die Pop-Plakate der späten1960er, auf denen sich die Beatles in knallgelben U-Booten auf fantastische Reisen begeben. Den Bildern des ägyptischen Künstlers haftet trotz ihrer leuchtend bunten Farben etwas Bedrohliches an. Sie sind bevölkert von maskierten Figuren und gigantischen Langusten, futuristische Architekturen stehen verlassen da wie Geisterstädte oder stillgelegte Vergnügungsparks. Die gemäldeartigen, collagierten Zeichnungen erscheinen wie Illustrationen einer fragmentierten, intuitiven Erzählung, die wir noch nicht ganz begriffen haben, deren mögliche Assoziationen sich erst noch erschließen müssen. Im ersten Raum der Deutsche Bank KunstHalle  gruppiert, wirken sie wie poetische und zugleich Comic-Strip-artige Sinnbilder für das Scheitern eindimensionaler und naiver Vorstellungen von Fortschritt und Moderne. Auch wenn Basim Magdy in einzelnen Arbeiten ganz spezifische Situationen aus seinem Geburtsland Ägypten und der Megalopolis Kairo aufgreift, strebt seine Kunst so etwas wie eine universelle Erzählung an. Der Titel seiner Ausstellung, Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns, mag geradezu optimistisch klingen und so mancher könnte sich angesichts von Magdys Herkunft aber auch an die gescheiterten Hoffnungen des arabischen Frühlings erinnert fühlen. Doch der Künstler hält sich weniger mit konkreten historischen Ereignissen auf, sondern deutet an, dass vielleicht der Blick auf vergangene Utopien und Zukunftsentwürfe Auskunft über den Lauf der Geschichte geben könnte.
Vom Versuch, das Weltall zu erobern, berichtet seine Papierarbeit Expanding the Universe (2008), die nur den monströs aufgeblasenen Schattenriss eines Flohs zeigt. „I Know the Shape of the Universe“ – Ich kenne die Form des Universums, behauptet die Inschrift auf dem Insektenschatten. Dabei ist nicht klar, ob das Universum die Form eines Flohs haben könnte oder ob es der Floh ist, der die Form des Universums kennt. Für den Parasiten stellt sein Wirt jedenfalls bereits das ganze Ausmaß des Universums dar.

Der absurde Humor, der sich in solchen Perspektivwechseln offenbart, wird auch in seinen Installationen sichtbar: Das Grab der intergalaktischen Utopie, In the Grave of Intergalactic Utopia (2006), ist eine Art Stall, den hier statt der Hühner ein Raumfahrer bewohnt. Wenig heldenhaft zusammengesunken liegt der Astronaut nach einer offensichtlich gescheiterten Mission im Maschendrahtkäfig auf dem Stroh, daneben ein Napf, Pflanzenkeime und kleine Plastiktiere – ein Zuhause wie im Privatzoo. Im Käfig befindet sich sogar – Gipfel des Luxus –  ein Fernseher, der, wie in einem Hotelzimmer an der Wand montiert, als Einschlafhilfe das Video einer friedlich weidenden Schafherde zeigt. Diese Tiere wecken vielerlei Assoziationen: Schafe sind nicht unbedingt für ihre Intelligenz bekannt, menschliches Herdenverhalten wird gern mit dem von Schafen verglichen und das alles erduldende Opferlamm symbolisiert Unschuld und Reinheit.


„Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern was wir sind“, schreibt Fernando Pessoa in seinem Buch der Unruhe über das Reisen und fragt, wie weit die individuelle Vorstellungskraft gehen kann. Analog dazu fordert Magdy den Betrachter auf, die kollektiven Erwartungen an die Zukunft mit den eigenen Möglichkeiten in Einklang zu bringen. Die hinter einem Polizeispiegel angebrachte Zeile „Your Head Is a Spare Part in Our Factory of Perfection“ des Objekts The Future of Your Head (2008) ist daher ein ironischer Appell an die Imagination jedes einzelnen. Sie lässt allerdings die Frage im Raum stehen, wer hinter dieser „Fabrik der Perfektion“ stehen könnte. Es erscheint ebenso beunruhigend, sich den eigenen Kopf als Ersatzteil vorzustellen, wie sich auszumalen, dass die Selbstbetrachtung und Reflektion Teil einer ausgelagerten Operation sein könnte. Damit verweist der Künstler auf Strategien der narzisstischen Selbstveräußerung, wie sie beispielsweise in den sozialen Netzwerken von Teilnehmern praktiziert und dort systematisch wirtschaftlich ausgebeutet wird.

In seiner Filmtrilogie von 2014 breitet Magdy seine Geschichten weiter aus: The Dent (Die Delle) erzählt vom Fortschrittsglauben der Bewohner einer Kleinstadt, die im Wettbewerb um die Ausrichtung der Olympischen Spiele jeden Maßstab verlieren, sich auf irrationale und maßlose Weise präsentieren und schlussendlich aufgeben müssen. Wenn sich dann die Melodie des ABBA-Hits SOS aus der Geräuschkulisse hervorschält, wirkt dies fast wie ein absurder Hilferuf. The Everyday Ritual of Solitude Hatching Monkeys (Das alltägliche Ritual der Einsamkeit, die Affen schlüpfen lässt) berichtet von der Einsamkeit eines  Büroangestellten, der zurückbleibt, nachdem die restlichen Bewohner  seiner Kleinstadt nie mehr von einem Besuch zum Strand zurückkehren. Und schließlich erläutert The Many Colors of the Sky Radiate Forgetfulness (Die zahlreichen Farben des Himmels strahlen Vergesslichkeit aus) vor dem Hintergrund einer vergangenen Apokalypse, die Unausweichlichkeit vergessen zu werden – nur noch ein paar Relikte erinnern hier an die Menschheit.

Was die oft sphärischen, langsamen Bilder der auf 16mm gedrehten Filme vereint, ist ihre opulente Farbigkeit und eine psychedelisch anmutende Erscheinung. Diese rührt daher, dass der Künstler sein Filmmaterial mit unterschiedlichen Flüssigkeiten und Haushaltschemikalien nahezu bis zu dessen Zersetzung traktiert. Das vom Künstler „Film Pickling” genannte Verfahren, in Anlehnung an eingelegte Gurken oder Oliven, wird dabei zur Metapher für die individuelle Einfärbung subjektiver Erinnerung und veranschaulicht das Vergessen als einen unvorhersehbaren, unkontrollierbaren Prozess. Das „Film Pickling“ wendet der Künstler auch für seine Diareihe A 240 Second Analysis of Failure and Hopefulness (With Coke, Vinegar and Other Tear Gas Remedies) (2012) an. Diese Analyse von Scheitern und Hoffnung besteht aus 160 Farbdias, die paarweise auf zwei Diaprojektoren laufen, und die mit Coca-Cola, Essig und anderen Substanzen bearbeitet wurden, die als Mittel gegen die Reizwirkung von Tränengas Anwendung finden. Vielleicht eine nicht ganz subtile Referenz an die Vorgänge auf dem Kairoer Tahrir Platz vor genau fünf Jahren. Doch die diffus leuchtenden Bilder zeigen Unspektakuläres: moderne Bauwerke, Abrissruinen, deren giftige Farbtöne ein flaues Gefühl dafür erzeugen, wie Zeit vergeht und was letztlich übrig bleibt.

Basim Magdy: Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns
bis 03.07.2016
Deutsche Bank KunstHalle

Die von Britta Färber kuratierte Ausstellung wird im Anschluss im MAXXI – National Museum of Art of the 21st Century, Rom, sowie im Museum of Contemporary Art, Chicago, zu sehen sein.