Maßgeschneidert: Die Programme für Kinder, Jugendliche und Familien in der Deutsche Bank KunstHalle

Seit ihrer Gründung setzt die Deutsche Bank KunstHalle auf ein umfangreiches Vermittlungsprogramm – besonders für Kinder und Jugendliche. Dabei geht es nicht nur darum, die jungen Besucher für zeitgenössische Kunst zu begeistern, sondern auch darum ihre Kreativität zu fördern. Jetzt sind noch Führungen und Workshops für Geflüchtete hinzugekommen.
„Die Zeit, die ist immer!“, ruft Murat – eine geradezu philosophische Antwort auf die Frage, was die Zeit denn eigentlich sei. Der Siebenjährige gehört zu einer Gruppe Erst- und Zweitklässler aus Berlin Schöneberg, die zu einer Führung in die Deutsche Bank KunstHalle gekommen sind. Erwartungsvoll sitzen sie auf dem Boden des ersten Ausstellungsraums, wo Elisabeth Klotz ihnen die Arbeiten von Basim Magdy vorstellt. Zuerst zeigt die Kunsthistorikerin ein Porträtfoto des ägyptischen Künstlers. „Das ist gerade für die Kinder sehr wichtig“, erklärt sie. Schon seit fast zwanzig Jahren macht sie Führungen und Workshops für Schüler- und Kitagruppen. „Die Kinder wollen immer genau wissen, wie der Mensch hinter den Kunstwerken aussieht.“ Das Porträt ist Teil des „Entdeckerkoffers“, der zu jeder Ausstellung neu bestückt wird. Mit dabei sind diesmal auch Dias, die in Basim Magdys Werk oft eine wichtige Rolle spielen. In Zeiten digitaler Fotografie weiß kaum noch ein Kind, etwas damit anzufangen. Oder Farbfolien, mit denen man die Welt in Pink oder Grün tauchen kann, genauso wie sie auf Magdys Film- und Fotoarbeiten erscheint. All diese Gegenstände aus dem Koffer helfen, die Themen der Ausstellung zu veranschaulichen.

Im Vorfeld jeder Schau erarbeitet das Team der KunstHalle ein Bildungsprogramm, das die besonderen Themen der jeweiligen Ausstellung aufgreift. Im Fall von Basim Magdy sind dies „Natur“ und „Tiere“ genauso wie „Text“ und „Zeit“. Deshalb finden sich im Entdeckerkoffer auch Buchstaben, eine Sanduhr und eine Baumscheibe. In den Führungen und Workshops geht es um Vergangenheit und Zukunft, darum, wie man sich das Leben und die Welt in 100 Jahren vorstellt und die Frage, wie sich ein abstrakter Begriff wie „Zeit“ überhaupt visuell darstellen lässt. Die Angebote zu den einzelnen Ausstellungen reichen von ein- oder mehrtätigen Workshops und Ferienprogrammen, in denen die Kinder und Jugendlichen malen und zeichnen oder Collagen und Comics gestalten, bis hin zu Schreib- und Foto-Workshops. Gemeinsam werden auch Performance- und Tanzstücke entwickelt, oder Dokumentar- oder Trickfilme gedreht. Geleitet werden die Workshops von Experten – Künstlern, Filmemachern, Fotografen.

Bei  jeder Schau arbeitet die KunstHalle mit anderen Institutionen zusammen, etwa dem Filmmuseum, dem Hamburger Bahnhof oder Initiativen wie „Deutschland – Land der Ideen“. Dabei kann sie auf ein stetig wachsendes Netzwerk zurückgreifen. Diesmal kooperiert sie mit dem Botanische Garten. Hier erkunden die Schüler, wie Zeit in der Natur sichtbar wird und was es mit den Jahresringen der Bäume auf sich hat. Ein besonderes Highlight ist ein in Deutsch und Englisch gehaltener Schreibworkshop, in dem es darum geht, sich von Basim Magdy zu Geschichten anregen zu lassen. Geleitet wird er von der Kunstkritikerin Filipa Ramos und dem Autor Ingo Niermann, der 2010 mit seinem Roman Deutscher Sohn Aufsehen erregte und gerade mit einer Videoarbeit auf der Berlin Biennale vertreten ist. Die sechs- bis zehnjährigen Teilnehmer schreiben gemeinsam mit Ramos und Niermann Texte, die auf der Webseite der KunstHalle veröffentlicht werden.

Für viele der Schöneberger Schüler, die in Basim Magdys Bilderwelten eintauchen, ist es nicht der erste Besuch in der KunstHalle. „Wir waren auch schon bei Pollock Jackson“, erzählt Lotte. Bei der Reihenfolge der Namen ist sie wohl wegen ihres Idols Michael Jackson etwas durcheinander gekommen, aber bei einer Sache ist sie sich ganz sicher: „Da gab es ein total großes Bild zu sehen und das war ganz toll.“ Auch Magdys collagierte Zeichnungen mit ihren leuchtenden Farben und Motiven, wie Raumschiffen, Astronauten, Riesenhummern, begeistern die Kinder. Und sogar sein Bild von zwei Totenköpfen zählt zu ihren Favoriten.

Immer wieder fragt Elisabeth Klotz, was denn genau auf den Arbeiten zu sehen ist, was das für Augen sein könnten, die aus einer dunklen Höhle hervorleuchten, oder was es mit dem einsamen Astronauten auf sich haben könnte. Es geht darum, die Wahrnehmung zu schärfen und das, was man sieht und empfindet, in Worte zu fassen. „Kinder sind häufig viel unbefangener, wenn sie über Kunst reden“, berichtet Klotz. „Anders als Erwachsene haben sie keine Angst, Fehler zu machen. Und manchmal bringen sie die Sachen auf eine ganz einfache Weise sehr gut auf den Punkt.“ Am Ende des Rundgangs werden die Schüler dann auch selbst kreativ, machen ihre eigenen, von der Ausstellung inspirierten Zeichnungen und Collagen. Bei der heutigen Gruppe zählen Zeitmaschinen und Raumschiffe zu den beliebtesten Motiven, aber auch ein Verwandter von Magdys Riesenhummer wird zu Papier gebracht.

Mit ihrer umfangreichen Vermittlungsarbeit setzt die Deutsche Bank KunstHalle das Engagement des Deutsche Guggenheim fort, das auf diesem Feld seit seiner Gründung 1997 in Berlin eine Vorreiterrolle einnahm. Zugang zur Kunst schaffen und Kreativität fördern – so lauten die wichtigsten Ziele der Angebote, die immer ganz spezifisch auf die unterschiedlichen Zielgruppen zugeschnitten sind. Der Ansturm auf die Vermittlungsprogramme ist groß: Von Dienstag bis Freitag sind täglich bis zu drei Gruppen in der KunstHalle zu Gast. Pro Jahr nehmen ca. 8.000 Kinder und Jugendliche an den Führungen und Workshops teil.

Mit einigen Schulen gibt es spezielle Kooperationen: Die KreativitätsGrundschule in Friedrichshain und die Berlin Metropolitan School sind bei jeder Ausstellung vor Ort, wobei die Führungen für die größte internationale Schule in Berlin Mitte, auf Englisch stattfinden. An einem ausstellungsbezogenen Projekt arbeiten die Schüler der Kreuzberger Hector-Peterson-Schule im Kontext der Basim Magdy Schau seit einem halben Jahr mit. Außerdem gibt es regelmäßig maßgeschneiderte Führungen für Blinde mit Tastmodellen sowie für Taube und Hörbehinderte in Gebärdensprache.

Neu im Programm sind Führungen für Geflüchtete, bei denen die KunstHalle auch mit „Culture for Refugees“, einer Flüchtlingsinitiative der CAA (Contemporary Art Alliance), und der AWO zusammenarbeitet. Gemeinsam wurden spezielle Rundgänge durch die Ausstellung entwickelt – etwa gezielt für Männer- und Frauengruppen. Dazu kommen Angebote für Willkommensklassen. Hier begegnen sich ganz unterschiedliche Schüler: Junge Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan lernen gemeinsam mit Kindern aus Italien und Spanien, deren Eltern wegen besserer Jobchancen nach Berlin gezogen sind.

„Bei diesen Führungen und Workshops können wir natürlich sehr viel weniger als sonst auf Sprache setzen“, erläutert Emanuele Valariano, der seit einigen Monaten vor allem für die Willkommensklassen im Einsatz ist. „Stattdessen arbeiten wir sozusagen mit Händen und Füßen, mit Mimik und Körpersprache. Geht es beispielsweise um Gefühle, kann ich mir die Hand aufs Herz legen, geht es um Erinnerung oder Nachdenken, deute ich mit den Fingern auf meinen Kopf. Das sind ganz einfache, universell verständliche Gesten. Besonders wichtig ist die schnelle Interaktion mit den Kindern. Man muss sie alle möglichst sofort mit einbeziehen, damit sie bei der Sache bleiben.“ Dazu gehört auch, dass sich Emanuele Valariano ein paar Wörter auf Arabisch und Farsi angeeignet hat, die er bei passender Gelegenheit in die Runde wirft.

Willkommensklassen sind sehr herausfordernd. Die Schüler kommen aus völlig unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen und bringen ganz verschiedene Voraussetzungen mit. Die Angebote für diese Kinder und Jugendlichen folgen zwar einer bestimmten Dramaturgie, erfordern aber noch viel mehr Improvisationstalent als die herkömmlichen Führungen. Doch der Einsatz lohnt sich. Emanuele Valariano begeistert vor allem der Enthusiasmus der Kinder in den Willkommensklassen, ihre Freude, wenn sie neue Wörter lernen oder mit ihren selbstgemalten Bildern nach Hause gehen. „Es hört sich an wie ein Klischee, es ist aber wirklich immer wieder total schön mitzuerleben, wie diese Kinder, die ja teilweise sehr schreckliche Dinge erlebt haben, mit einem Lächeln in den Augen von unseren Workshops nach Hause gehen.“

Kunst regt zum Austausch an – über das, was die Kinder und Jugendlichen bewegt, über das Leben in einer für sie neuen Gesellschaft. Das wichtigste Mittel, um an dieser Gesellschaft teilzuhaben, ist die Fähigkeit, sich mitzuteilen und die anderen zu verstehen. Deshalb steht bei den Programmen für Willkommensklassen die Sprachvermittlung im Zentrum. Um die Kreativität der jungen Besucher anzuregen kommen aber auch  gemeinschaftliches Malen und Zeichnen in der KunstHalle nicht zu kurz. Zum Abschluss bekommen alle Teilnehmer ein Zeichenset mit Blei- und Buntstiften, Wachsmalkreide, Radiergummi, Anspitzer und einem Zeichenheft mit auf den Weg.

Achim Drucks


Informationen zum Bildungsprogramm der Deutsche Bank KunstHalle finden Sie hier.