Operndorf im Regent’s Park
Eine Preview der Frieze London

Über 60.000 Besucher strömen alljährlich zur Frieze London. Sie wissen warum. In den Messezelten im Regent’s Park präsentieren sich nicht nur die weltweit bedeutendsten Galerien für zeitgenössische Kunst. Die von der Deutschen Bank als Partner gesponserte Messe überrascht auch immer wieder mit ihrem ambitionierten Rahmenprogramm. Dieses Jahr neu auf der Frieze: die Sektion „The Nineties”, die den zukunftsweisenden Positionen dieser Dekade gewidmet ist.
Wonderland  Avenue  – wo, wenn nicht in den Hollywood Hills könnte es eine Straße mit diesem Namen geben. Während der Frieze London wird aber auch die britische Hauptstadt über diese verheißungsvolle Adresse verfügen. Wonderland Ave. lautet der Titel eines experimentellen Puppentheaters, für das die Autorin Sibylle Berg und der Künstler Claus Richter erstmals zusammenarbeiten. Eine vielversprechende Kombination: Berg ist, so ein Kritiker, die „erbarmungsloseste Schriftstellerin deutscher Sprache“, Richters multimediale Arbeiten zeichnet ein Faible für Vergnügungsparks, Shopping Malls und Spielzeugläden aus. Dabei stehen die verspielten Installationen als Gegenentwürfe zum kühlen Rationalismus unserer Zeit. Mit sarkastischem Humor werfen Berg und Richter gemeinsam einen Blick in die Zukunft der Menschheit.

Bereits am Eingang zu den Messezelten im Regent’s Park werden die Besucher mit einem der diesjährigen Frieze Projects konfrontiert. Martin Soto Climent hat hier ein gigantisches Spinnennetz installiert. Es besteht aus in die Länge gezogenen Nylonstrumpfhosen, einem der bevorzugten Materialien des mexikanischen Künstlers. Durch das Netz bewegen sich Akrobaten, die versuchen, die Messebesucher in dieses surreale Environment zu locken. Die Londonerin Julie Verhoeven widmet sich dagegen einem weniger prominenten Ort. Mit The Toilet Attendant… Now Wash Your Hands verwandelt sie einen der Waschräume in eine Art performatives Gesamtkunstwerk, während Samson Young die Besucher paarweise auf einen multimedialen „Sound Walk“ schickt, auf dem sie die Frieze auf völlig ungewohnte Art erleben können.

Inspiriert sind die Frieze Projects – sie werden dieses Jahr erstmals von Raphael Gygax vom Züricher Migros Museum kuratiert – „von Fragen zu menschlichen Beziehungen und dem Veränderungspotential der Kunst“. Genau dafür steht auch Christoph Schlingensiefs Operndorf, das im westafrikanischen Burkina Faso langsam Gestalt annimmt. Nach seinem Gastspiel im Deutschen Pavillon der Venedig Biennale 2011 wird es jetzt auf der Frieze vorgestellt. Gerade vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise erscheint dieses visionäre, anfangs oft belächelte Projekt, in dem Kunst und Leben untrennbar miteinander verbunden sind, besonders relevant. Dem ein halbes Jahr nach Grundsteinlegung verstorbenen Regisseur und Aktionskünstler ging es um kulturellen Austausch, aber ebenso um die konkrete Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort – durch Bildung und medizinische Versorgung. Heute wird das Projekt von seiner Frau Aino Laberenz weitergeführt.

Eine große Offenheit für Neues und Ungewöhnliches kennzeichnete bereits die erste Ausgabe der Frieze 2003. Ihr Konzept überzeugte auch die Deutsche Bank, die seit 2004 Partner der Messe ist. Und auch die 2012 initiierte Frieze Masters, die Kunst von der Antike bis zum 20. Jahrhundert aus einer zeitgenössischen Perspektive  zeigt und parallel zur „Muttermesse“ stattfindet, wird von der Bank gefördert. Wie jedes Jahr ist die Deutsche Bank auf der Frieze präsent – mit einer Lounge, in der sie Arbeiten aus ihrer Sammlung vorstellt. Diesmal ist die Präsentation Sarnath Banerjee gewidmet. Der 1972 in Kalkutta geborene Künstler sorgte 2004 mit seinem Comic-Roman Corridor in Indien für Furore. Auf der Frieze 2009 wurde er dann vom westlichen Publikum entdeckt. Gerade realisiert Banerjee eine große Auftragsarbeit für eine neue Niederlassung der Deutschen Bank in London. Für jedes der elf Stockwerke entwickelt er eine Serie von Bildgeschichten, die großformatig auf Wandtapeten übertragen werden. Dabei steht jede Story für ein Kapitel. Über die Etagen hinweg fügen sich die einzelnen Geschichten zu einer Art Buch zusammen. Die Installation ist typisch für Banerjees jüngere Arbeiten, die sich völlig von der klassische Form des Comics gelöst haben.

Dieser anti-traditionelle Ansatz passt hervorragend auf die Messe, wo man eben nicht nur auf gut verkäufliche Gemälde und Skulpturen setzt. Das wachsende Interesse an eher unkommerziellen, performativen und partizipativen Arbeiten spiegelt sich neben dem Rahmenprogramm  auch in der Sektion „Live“ wieder. Hier sind Positionen zu erleben, die zuvor auf Kunstmessen so gut wie nie zu sehen – und zu kaufen – waren. Kuratiert wird „Live“ von Jacob Proctor vom Neubauer Collegium an der University of Chicago und Fabian Schöneich vom Portikus in Frankfurt. Zu den Höhepunkten des diesjährigen Programms zählt die internationale Premiere von Para um corpo nas suas impossibilidades (For a Body in its Impossibilities). Die Brasilianerin Martha Araújo konzipierte diese Arbeit 1985, dem letzten Jahr der Militärdiktatur in ihrem Heimatland. Araújo lädt das Publikum ein, sich auf einer Betonrampe in speziell angefertigten Bodysuits als „lebende Skulpturen“ zu inszenieren. Für eine junge Generation steht Christine Sun Kim. Die in Berlin lebende Künstlerin ist von Geburt an gehörlos. In ihren Performances, Videos und Papierarbeiten  erforscht sie die Materialität von Sound und eröffnet mit ihren Aktionen Hörenden wie Nicht-Hörenden neue Arten der Wahrnehmung.

Neu in diesem Jahr ist die Messesektion „The Nineties”, die den zukunftsweisenden Positionen jenes Jahrzehnts gewidmet ist. „Künstler waren in den 1990ern sehr frei“, erklärt Kurator Nicolas Trembley, der insgesamt 14 Galerien eingeladen hat. „Ideen und Politik waren ihnen wichtiger als Objekte. Es fand eine Art Entmaterialisierung der Kunst statt. Zugleich setzten sich Künstler mit Design auseinander, wie etwa Jorge Pardo, oder mit Literatur wie Pierre Huyghe und Philippe Parreno. Es gab Performance, Video… Jetzt ist es an der Zeit, einen objektiven Blick auf diese Dekade zu werfen. Dabei geht es aber ganz sicher nicht um Nostalgie.“

Obwohl es der Messeschauplatz London nahelegt, verzichtet Trembley darauf, einen besonderen Schwerpunkt auf die Young British Artists zu legen. Ihr einziger Vertreter ist der Fotograf Richard Billingham. Dessen umstrittene Serie Ray’s a Laugh wirft einen gnadenlosen Blick auf den von Arbeitslosigkeit, Alkohol, Fastfood und Fernsehen dominierten Alltag seiner Familie und war auch im Rahmen der Sensation-Ausstellung 1997 in der Royal Academy zu sehen. Ein anderer Fotokünstler, dessen Karriere damals begann, ist Wolfgang Tillmans. Für die Frieze wird seine erste Ausstellung in der Kölner Galerie Buchholz rekonstruiert. Wie Tillmans steht auch Daniel Pflumm für die 1990er-Jahre-typische Verbindung zwischen Kunst und Club-Kultur. Mit dem „Electro“ und dem „Panasonic“ betrieb er selbst in Berlin zwei Clubs für elektronische Musik. Kühl und reduziert wie dieser Sound – und immer noch genauso zeitgemäß – sind auch die Leuchtkästen, für die Pflumm bekannte Unternehmenslogos verfremdete.

Den aufstrebenden Künstler von heute begegnet man in der „Focus“-Sektion. So etwa Michaela Eichwald – laut Roberta Smith von der New York Times „eine der aktuell interessantesten Künstlerinnen“. Eichwald ist mit einer Auswahl ihrer abstrakt-expressiven Gemälde vertreten. Ebenso beeindruckend sind Chen Weis inszenierte Fotoarbeiten, die mit ihren immer nur angedeuteten Handlungen wie Standbilder eines rätselhaften Films wirken. Darja Bajagić bezieht ihre Motive aus zwielichtigen Fanzines, Reality-Crime-TV, Fetisch-Webseiten und obskuren Internetforen. Dieses Material verdichtet sie zu abgründigen Collagen, die von den Schattenseiten der menschlichen Existenz berichten.

Eine Reise ins Licht bietet dagegen eine neue Installation von James Turrell, die sicherlich zu den beeindruckendsten Werken der diesjährigen Frieze zählt und in der Hauptsektion der Messe zu sehen ist. Hier präsentieren sich fast 120 der weltweit führenden Galerien. Für Aufsehen dürfte auch eine neue skulpturale Arbeit von Philippe Parreno sorgen. Sie entstand im Zusammenhang mit seiner ambitionierten Multimedia-Installation, die ab Oktober in der Turbinenhalle der Tate Modern zu erleben ist. Der Trend, den Messeaufritt einer einzigen Position zu widmen, setzt sich dieses Jahr fort. Dabei stehen vor allem Künstlerinnen im Fokus, etwa Goshka Macuga, Latifa Echakch und Channa Horwitz, deren elegant-abstrakte Zeichnungen erst kurz vor ihrem Tod mit 80 Jahren von der Kunstwelt wiederentdeckt wurden.

Wer eine Pause vom geschäftigen Trubel in den Messezelten braucht, sollte zum Sculpture Park der Frieze spazieren. Die in den English Gardens des Regent’s Parks installierten Werke sind diesmal sogar bis Anfang Januar nächsten Jahres zu sehen. Clare Lilley, die Direktorin des Yorkshire Sculpture Park, hat 20 Arbeiten von etablieren Bildhauern wie Claes Oldenburg und Barry Flanagan mit Skulpturen von jüngeren Künstlern wie Nairy Baghramian kombiniert. Und es gibt sogar einen Vorgeschmack auf ein neues Londoner Wahrzeichen. Conrad Shawcross hat in seiner Heimatstadt bereits monumentale Installationen für den Dulwich Park, das Francis Crick Institute  und Unilever geschaffen. Gerade wurde sein neuestes Werk vollendet – eine metallische Umhüllung für den 49 Meter hohen und 20 Meter breiten Schornstein des neuen Low Carbon Energy Centre auf der Greenwich Peninsula – einem Entwicklungsgebiet im Osten der Metropole, in dem auch der Millennium Dome liegt. Shawcross schuf eine Struktur aus sich auffaltenden, dreieckigen Aluminiumplatten, die sich zu komplexen geometrischen Mustern zusammensetzen. Im Frieze Sculpture Park ist eine immerhin noch sechs Meter hohe Studie für dieses High-Tech-Wunderwerk zu sehen, das Kubismus und Op Art mit der Ingenieurskunst von heute verbindet.
Achim Drucks

Frieze London / Frieze Masters
6. – 9.10.2016
Regent’s Park, London