THE QUESTION
Gibt es eine Post-Internet-Revolution in der Kunst?

Keine Tendenz wird augenblicklich heftiger diskutiert als die Post-Internet Art. Es geht dabei um das internetgeprägte Bewusstsein der „Digital Natives” – jener Generation, die mit dem Netz groß geworden ist. Sie beschäftigt sich mit der Zirkulation von Bildern und Informationen, neuen Technologien und Materialien, aber auch mit der Überwindung des Kapitalismus und dem Bewusstsein von Erdbeeren und Bienen. Das klingt revolutionär. Doch ist die Post-Internet Art wirklich die Speerspitze einer ästhetischen Zeitenwende?



Clemens Bach
Freier Autor und Wissenschaftler, Berlin
Photo: Courtesy Clemens Bach

Clemens Bach

Auch die theoretischen oder künstlerischen Vertreter des „Internet State of Mind“ müssen, wollen sie tatsächlich als revolutionär oder gar als gesellschaftliche Avantgarde gelten, eine Antwort auf die Frage ihres eigenen Kritikverständnisses zumindest in Erwägung ziehen. Was, wogegen, warum und wozu soll überhaupt mittels künstlerischer Praktiken kritisiert werden? Werden diese Fragen als irrelevant, überholt oder mit einer bornierten und ironischen Geste als reaktionär verabschiedet, braucht man sich über das revolutionäre Potenzial der „Post-Internet-Generation“ keine ernsthaften Gedanken mehr zu machen. Denn eine zeitgenössische Kunst, die die Inhalte von Waren-, Kunst-, Alltags- und Internetkulturen blindlings miteinander vermischt und dieses ästhetisierte Potpourri innerhalb der etablierten Kunstinstitutionen nur reproduziert, verhält sich gleichgültig und bestätigt nur das gesellschaftlich Gegebene. Und das ist keine besonders gute Ausgangssituation, um auch nur annähernd in die Tradition der revolutionären historischen Avantgarden gerückt zu werden.








Erica Baum
Künstlerin, New York
Photo: Andrea Blanch








Erica Baum

Mir erscheint Post-Internet Art einfach als Fortführung der sich permanent erweiternden Technik, die von jeder Generation in ihren künstlerischen Möglichkeiten erkundet und genutzt wird. Das Internet hat unseren Zugang zu bestimmten Informationen rasant beschleunigt. Wir können alles Denkbare recherchieren und online sekundenschnell unzählige Text- und Bilddaten abrufen. Wir können Daten und Bilder generieren und augenblicklich teilen. Daraus resultiert eine Abflachung der Relevanz. Wer früher vielleicht in Vergessenheit geraten wäre, kann jetzt über Generationen hinweg zu uns sprechen. Im virtuellen Universum existieren alle gleichzeitig. Umgekehrt führt die Verbreitung von virtuellen Bildern dazu, dass das Materielle stärker geschätzt wird. Es werden mehr Künstlerbücher produziert, weil das Internet Kosten spart und so Do-it-Yourself-Projekte ermöglicht. Es kommen immer mehr Besucher in die Museen. Die Geschwindigkeit, mit der Bilder und Daten betrachtet und generiert werden, steigt. Aber die Auswahl und die Entscheidung darüber, was man damit anstellt, liegen – wie seit jeher – beim Nutzer und Produzenten.




Carolyn Christov-Bakargiev
Direktorin, Castello di Rivoli Museum of Contemporary Art, Rivoli-Turin
und GAM Galleria Civica d'Arte Moderna e Contemporanea, Turin
Photo: Caglar Kanzik







Carolyn Christov-Bakargiev

Eines vorweg: Wir leben mitten im digitalen Zeitalter. Klar sind Künstler, die mit dem Internet aufgewachsen sind, anders. So befasst sich Ed Atkins mit dem Subjektivitätsbegriff im Zeitalter der Internetkommunikation. Aber er würde niemals behaupten, ein „Post-Internet-Künstler“ zu sein. Ebenso könnte man von einer „Post-Luftfahrt-Kunst“ bei der Land Art sprechen, die ohne die Erfahrung, die Welt aus einem Flugzeug heraus sehen zu können, nicht entstanden wäre. Natürlich beziehen sich Künstler auch auf die Technik ihrer Zeit, manchmal zählen sie sogar zu ihren Entdeckern – Chad Hurley, einer der You-Tube-Erfinder, hat Kunst studiert. Joseph Beuys wirkte im Zeitalter der Massenkommunikation. Mit seiner „Sozialen Plastik“ reagierte er jedoch eher übergeordnet und nicht so direkt auf seine von den Medien geprägte Zeit. Darin unterschied er sich von den Pop-Künstlern. Wir müssen die Dinge von einer höheren Warte aus betrachten. Ich würde eher fragen: Wo bleibt der Joseph Beuys unserer Zeit?





DIS
Kuratorenteam der Berlin Biennale 2016
Photo: Sabine Reitmaier










DIS

Das Internet stellt einen ästhetischen Wendepunkt dar. Als das demokratischste aller heutigen Medien bietet es auf vielfältige Weise einen umfassenden Zugang zu bildbasierter Kommunikation. Wir wollen für unseren Teil uns ganz bewusst auf die Unschärfe, auf Widerspruch und Verwirrung einlassen, sowohl ästhetisch als auch inhaltlich. Wir wollen die Probleme unserer Zeit da verdeutlichen, wo sie auftreten – und nicht länger zuschauen, sondern aktiv werden.








Peter Weibel
Vorstand, ZKM – Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
Photo: ARTIS/Uli Deck


Peter Weibel

Wir stehen heute an der Schwelle zu einer Wende von einer sprach- zu einer werkzeugbasierten Kultur. Dabei wird die Gleichung der Industriellen Revolution „Machinery, Materials, and Men" um die Gleichung „Media, Data, and Men“ ergänzt. Dinge werden nicht nur zu Wörtern und Bildern, sondern Dinge, Wörter, Bilder und Töne werden zu Daten und diese Daten können durch digitale Technologien, 3-D-Drucker und neue Materialien wiederum in Dinge, Wörter, Bilder und Töne transformiert werden. Die Post-Internet-Generation verwandelt den Ausstieg aus dem Bild über die interaktive Medienkunst zur neuen Handlungsfähigkeit im Datenraum.