Die Kehrseite des Meisterwerks
Vik Muniz im Mauritshuis

Ein kleiner Vogel, der auf einer Holzkonsole sitzt – mehr ist auf Carel Fabritius‘ Gemälde Der Distelfink nicht zu sehen. Doch kein Kunsthistoriker vermag das 1654 entstandene Werk wirklich zu entschlüsseln. Handelt es sich nur um ein verblüffend realistisches Abbild eines Haustiers oder um eine symbolische Darstellung? Verstecken sich hier biblische, mythologische oder literarische Bezüge? Nur eines ist sicher: Der Distelfink hat Generationen von Kunstliebhabern begeistert und seitdem er die amerikanische Autorin Donna Tartt zu ihrem gleichnamigen Bestseller inspirierte, ist die Zahl seiner Fans noch gewachsen.

Im Mauritshuis, wo das Gemälde seit 1896 zu sehen ist, kann man den Distelfink jetzt aus ungewohnter Perspektive betrachten. Vik Muniz hat eine Nachbildung der Rückseite des Gemäldes anfertigen lassen – als Teil seiner 2008 begonnenen Serie Verso. Der brasilianische Konzeptkünstler, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, zeigt hier buchstäblich die Kehrseiten berühmter Werke wie Da Vincis Mona Lisa oder Picassos Les Demoiselles d’Avignon. Ein Team aus Handwerkern, Künstlern, Technikern und sogar Kunstfälschern hilft bei der Erstellung täuschend echt aussehender Kopien. Für die Präsentation im Mauritshuis sind fünf neue Versos von weltberühmten Werken aus der Sammlung des in Den Haag gelegenen Museums entstanden, etwa von Vermeers Mädchen mit den Perlenohrringen und Rembrandts Die Anatomie des Dr. Tulp. Die Vik Muniz-Schau ist die erste Ausstellung eines zeitgenössischen Künstlers im Mauritshuis, das eine der weltweit besten Sammlungen von holländischer Malerei aus dem Goldenen Zeitalter besitzt.

Mit seiner Serie betont Vik Muniz den Objektcharakter der Gemälde. Seine Versos zeigen sie in ihrer ganz profanen Materialität – Holz und Leinwand, die Aufkleber und Inventarnummern, die von ihrer Provenienz und Archivierung erzählen, aber auch die Metalldrähte, an denen sie aufgehängt werden, oder die Platten, in die sie zur Sicherung gegen Diebstähle eingelassen wurden. Von Aura keine Spur. Spätestens seit Walter Benjamins 1935 erschienenem Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ist klar, dass diese Aura durch die millionenfache Abbildung bedroht ist. Und seitdem hat die massenhafte Reproduktion rasant zugenommen. Kostbare Meisterwerke enden heute als Poster, Kühlschrankmagnet oder JPEG im Internet. Zugleich reflektieren Muniz‘ Versos das Museum als machtvolles Instrument zur Produktion, Vermittlung und Archivierung von kulturellen Werten und Erinnerungen. Sie entkleiden ihre weltberühmten Vorbilder und zeigen sie sozusagen nackt, wie Teile einer Maschinerie, die Kultur produziert.

Was das Thema Reproduktion angeht, ist Muniz ist ein Experte. Seit den 1990er Jahren produziert er Bilder über Bilder, verarbeitet ungewöhnliche Materialien wie Schokoladensoße, Fäden und Müll, um Ikonen der Kunst- und Kulturgeschichte neu zu erschaffen. So auch bei seinen Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank: Er bildet Van Goghs Sonnenblumen aus den Blättern eines Farbmusterbogens nach, für sein Marlene Dietrich-Porträt verwendet er Diamanten. Diese Neuinterpretationen hält er dann auf Fotografien fest. Mit seinen Versos geht Muniz jetzt den Schritt in die Dreidimensionalität: Lässig lehnen diese Objekte an den Wänden des Ausstellungsraums –  so als ob sie gleich gehängt werden sollten. Ihre Rückseiten bestehen schlicht aus einfarbiger Pappe. Es wäre spannend zu sehen, welche Geschichte sie in ein paar Jahrhunderten erzählen werden.

Vik Muniz: Verso
bis 04.09.2016
Mauritshuis, Den Haag