Kunst geht ins Kino
Eine Preview der Berlin Art Week

Auf europäische Überfremdungsängste hat Halil Altındere eine ebenso ironische wie bitterböse Antwort gefunden – Flüchtlinge im Weltraum. Space Refugee nennt er sein Projekt, das das All als Zufluchtsort für Geflüchtete ins Spiel bringt. Im Zentrum seiner Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein steht ein Film über den ehemaligen syrischen Kosmonauten Muhammed Ahmed Faris, der 1987 zur Raumstation Mir flog. Heute lebt der Anhänger der demokratischen Oppositionsbewegung gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad als Geflüchteter in Istanbul. Die Schau des türkischen Künstlers, dessen Video Homeland auch auf der Berlin Biennale gezeigt wird, ist einer der Höhepunkte der diesjährigen Berlin Art Week, für die die wichtigsten Kunstinstitutionen, Galerien und Projekträume der Hauptstadt erneut kooperieren.

Von Anfang an zählt auch die Deutsche Bank KunstHalle zu den Partnern der Initiative. Sie präsentiert mit Common Affairs eine Auswahl von Arbeiten der Gewinner und Nominierten des Views Awards für junge polnische Kunst. Neben Installationen und Skulpturen sind hier vor allem Filme zu sehen – ein Medium, dem im Rahmen der Berlin Art Week eine eigene Veranstaltung gewidmet ist. Initiiert von der Haubrok Foundation sind auf der großen Leinwand des Kino International am 14. September den ganzen Tag lang Filme von Künstlern wie Kenneth Anger, Sharon Lockhart, Olaf Nicolai oder Cerith Wyn Evans zu sehen. Ausgewählt hat sie der Kurator Marc Glöde, der durch seine Filmprogramme für die Art Basel bekannt wurde.

Auch für Laure Prouvost spielen bewegte Bilder eine zentrale Rolle. Ihr jüngstes, in Los Angeles entstandenes Video Lick in the Past ist auf der abc zu sehen, wo 60 internationale Galerien Einzelproduktionen und neue Werke zeitgenössischer Künstler präsentieren. Die Turner-Preisträgerin ist auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist und das Frankfurter MMK widmet ihr gerade eine große Einzelausstellung. Wie Prouvost integriert auch Raphaela Vogel ihre Filmarbeiten häufig in aufwendige Installationen. Mit i smell a massacre verwandelt sie ihren Messestand in ein surreales Environment zwischen Horrorfilm und Naturkundemuseum. Aber auch Malereifans werden auf der Messe fündig – so sind etwa Despina Stokou, Eberhard Havekost, Marcel Dzama und Andreas Schulze in der Halle der Station am Gleisdreieck vertreten, wo die abc seit mittlerweile 9 Jahren stattfindet.

Neben Filmen liegt ein weiterer Schwerpunkt der Berlin art Week auf  Performances. Eine der interessantesten jungen Protagonistinnen ist  Anne Imhof, die 2015 mit dem Preis der Nationalgalerie ausgezeichnet wurde. Im Hamburger Bahnhof inszeniert die Absolventin der Frankfurter Städelschule vom 14. bis 25.09. jeden Abend von 20 bis 24 Uhr eine Performance zu einem sehr aktuellen Phänomen – Angst. Ihre Choreografien gleichen rätselhaften Ritualen, die sich mit jeder Aufführung verändern. Dabei kommen nicht nur ein Ensemble jugendlicher Akteure zum Einsatz sondern auch Drohnen und lebende Falken. Mit ihren hypnotischen Performances schafft es Imhof immer wieder, ein Gefühl, das große Teile der Gesellschaft zu beherrschen scheint, in ebenso schöne wie verstörende Bilder zu verwandeln.
 
Bei der Positions, Berlins jüngster Kunstmesse, scheint dagegen der Standortwechsel zum Programm zu gehören: Nach dem Kaufhaus Jandorf und der Arena präsentiert sich die dritte Ausgabe im Postbahnhof. Hier zeigen 74 Galerien aus 13 Ländern Newcomer und interessante Wiederentdeckungen. Hier steht die junge Medienkünstlerin Pola Sieverding ebenso auf dem Programm, wie Malerei von Rainer Fetting, Xenia Hauser oder Patrick Angus, der seine Motive vor allem in der New Yorker Halbwelt und Subkultur fand.

Ein weiterer Chronist des andern Amerikas ist Gordon Parks, dem c/o Berlin eine großartige Retrospektive widmet. Black Lives Matter: Den Kampf der Afroamerikaner für Gleichberechtigung begleitete der Fotograf lange Jahre. Er behandelte Themen wie Armut, Ausgrenzung und Unrecht, die bis heute nichts an Brisanz verloren haben. Dabei bewegt sich Parks souverän zwischen den Welten. In den 1940er und 50er Jahren fotografiert er glamouröse Modestrecken für die Vogue, während er zeitgleich die Rassentrennung im amerikanischen Süden dokumentiert. 1971 wird er sogar zum erfolgreichen Hollywood-Regisseur: Sein Film Shaft mit dem coolen Soundtrack von Isaak Hayes sorgt international für Furore.

Wer es lieber etwas konzeptuell mag, ist in der Akademie der Künste am richtigen Ort. Mit subversivem Witz demonstriert hier Edmund Kuppel, der dieses Jahr mit dem Käthe-Kollwitz-Preis ausgezeichnet wurde, dass man seiner Wahrnehmung und den Bildern einer Kamera nicht immer trauen darf. Ein weiteres Fotokunst-Highlight: die ersten gemeinsamen Arbeiten von Roger Ballen und Asger Carlsen. In ihrer Ausstellung No Joke zeigen sie digital und analog bearbeitete Collagen in Schwarz-Weiß, die um unterdrückte Gefühle, Aggressionen und Sexualität kreisen.


Berlin Art Week
13. – 18.09.2016