COMMON AFFAIRS
Der VIEWS Award in Berlin

Seit 2003 wird mit Unterstützung der Deutschen Bank und ihrer Stiftung in der Warschauer Zachęta Nationalgalerie die wichtigste Auszeichnung für junge polnische Kunst vergeben: der VIEWS-Award. Jetzt präsentiert die Deutsche Bank KunstHalle gemeinsam mit dem Polnischen Institut eine Auswahl von Arbeiten der Gewinner und Nominierten. Die Künstler beziehen nicht nur Stellung zur aktuellen politischen Lage in ihrem Heimatland, sondern thematisieren auch die Instrumentalisierung von Kunst – sei es durch Ideologien oder Unternehmen.
August 2002: Das Künstlerkollektiv Azorro sucht die beste Galerie in Berlin, um dort ihre Werke auszustellen. Die vier polnischen Videokünstler befragen Passanten auf dem Kurfürstendamm, Punker an der Gedächtniskirche, Hipster in Mitte. Das Quartett wird zum Kunsthaus Tacheles geschickt, zur Galerie Eigen + Art und auch zum Deutsche Guggenheim, wo sie ihre Arbeiten vorstellen möchten. Leider ohne Erfolg. Ihr Video The Best Gallery dokumentiert diese absurd-komische Odyssee durch die Hauptstadt. Doch vierzehn Jahre später gelingt ihnen tatsächlich der Sprung in die „beste Galerie“: Im Rahmen der Ausstellung COMMON AFFAIRS ist ihr Video in der Deutsche Bank KunstHalle, den ehemaligen Räumen des Deutsche Guggenheim, zu sehen. Als Kommentar zu diesem Video hat Azorro noch eine Skulptur mit dem ironischen Titel Self-fulfilling Prophecy (2016) beigesteuert. Die lange, goldene Schnur, die von der Decke herabhängt, versteht sich als Anspielung auf den „Faden des Lebens“ der antiken Moiren, der das Schicksal von Menschen und Göttern unausweichlich bestimmt.

Die Auseinandersetzung mit der Produktion und Vermittlung von Kunst ist einer der Schwerpunkte der Ausstellung. Während Azorro ironisch die Hierarchien im Kunstbetrieb aufs Korn nimmt, setzt sich Paweł Althamer mit den Bedingungen in den Kulturinstitutionen auseinander. Er traf sich mit dem Aufsichtspersonal der KunstHalle, um herauszufinden, wie man deren Arbeitsalltag angenehmer gestalten könne. Das Ergebnis dieser Workshops sind u.a. zwei Sofas zum gelegentlichen Ausruhen, eine Vase mit den jeweiligen Lieblingsblumen auf dem Counter und farbige T-Shirts, die sie statt Blusen und Hemden während der Arbeit tragen. Karolina Bregułas Film Office for Monument Construction thematisiert dagegen die ideologischen Botschaften von Museumssammlungen, die nicht nur eine Form von Gruppenidentität stiften, sondern auch als ein Instrument staatlicher und institutioneller Macht dienen sollen. Um das visuelle Erscheinungsbild der Ausstellung selbst geht es Tymek Borowski. Der Maler, Filmemacher und Autor von Infografiken, Plakaten und Onlinearbeiten betrachtet seine Werke als Instrumente, die es Menschen ermöglichen, komplexe Themen zu verstehen – als kulturelle Experimente, die Kunst, Design und Wissenschaft umfassen. Für COMMON AFFAIRS hat er die visuelle Identität, das Logo und den Katalog konzipiert.

Immer wieder greifen die Künstler der Ausstellung aber auch kritisch die gegenwärtige politische Situation des Landes auf. Dazu gehört Janek Simon mit seiner Skulpturenserie Real Poles – eine Reaktion auf jüngste Diskussionen dazu, was es bedeutet, Pole oder Polin zu sein. Diese Frage stellt auch Anna Okrasko mit ihrem fortlaufenden Projekt Patriots, in dem sie die Beziehungen zwischen jungen polnischen Emigranten untersucht, die zwischen Rotterdam und Schlesien hin und her pendeln. In seiner Multimediaskulptur The Cross greift Piotr Wysocki Aufnahmen der Trauerkundgebungen nach dem Flugzeugabsturz der polnischen Präsidentenmaschine im Jahr 2010 auf. Die Arbeit vermittelt einen Eindruck davon, wie sich Weltsichten in Polen voneinander entfremdet haben. Sie zeigt, wie die gemeinsame nationale Trauer von unterschiedlichen Seiten dazu genutzt werden kann, einen bestimmten Begriff nationaler Identität zu prägen. Wysocki gibt keine einfachen Antworten. Stattdessen analysiert er seine eigene, distanzierte Haltung zu solchen Kundgebungen und die Wahrnehmungen der Menschen, die daran teilnehmen.

In COMMON AFFAIRS kann man sehen, was die jüngere Kunstszene Polens gerade beschäftigt. Dazu hat man in der deutschen Hauptstadt leider nur selten Gelegenheit, obwohl das Nachbarland nur knapp 80 Kilometer entfernt ist. „In Berlin war bis auf 'Tür an Tür' 2011 – eine sehr außergewöhnliche und auch sehr politische Schau – keine Gruppenausstellung im Sinne einer regulären Ausstellung zu sehen, die in Berlin die wichtigen und spannenden Strömungen der polnischen Gegenwartskunst vorstellt“, so Katarzyna Wielga-Skolimowska, die Direktorin des Polnischen Instituts Berlin, dem zweiten Ausstellungsort von COMMON AFFAIRS.

In politisch schwierigen Zeiten wirft schon der Titel Fragen auf. „Common“, das kann „üblich“ aber auch „gemeinsam“ bedeuten. Doch ist Kunst wirklich so selbstverständlich? Ist sie tatsächlich unsere gemeinsame Sache? Die Ausstellung ist auf jeden Fall ein Gemeinschaftsprojekt der Deutsche Bank KunstHalle, des Polnischen Instituts Berlin und der Warschauer Zachęta – Nationale Kunstgalerie. Sie zeigt eine Auswahl von Künstlern und Künstlerinnen, die von 2003 bis heute für den VIEWS-Award nominiert waren, dem von der Deutschen Bank, der Deutsche Bank Stiftung und der Zachęta initiierten Preis, der inzwischen zur wichtigsten Auszeichnung für polnische Gegenwartskunst zählt. Polnisch-deutsch ist auch das Kuratorenteam: Julia Kurz aus Leipzig und Stanisław Welbel aus Warschau. Es ist deshalb sehr passend, dass die Ausstellung im Rahmen der Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags und der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Warschau stattfindet.

Auch das „alternative Polen“ ist in der KunstHalle präsent, etwa mit Karol Radziszewskis Installation Kisieland. Sie basiert auf einer künstlerischen Fotoserie des Aktivisten Ryszard Kisiel, die in Reaktion auf eine homosexuellenfeindliche Aktion der polnischen Geheimpolizei im kommunistischen Polen entstand. Ergänzt durch weiteres Material, sammelt Radziszewski diesen bisher unbekannten Teil polnischer Geschichte im Rahmen des von ihm gegründeten Queer Archives Institute. Um alternative Geschichtsschreibung geht es auch in Agnieszka Polskas und Witek Orskis Guns. Das Video erzählt eine (unbestätigte) Episode während der Studentenproteste in Polen 1968, nach der die damaligen Machthaber anordneten, alle Waffen der Sammlung des Armeemuseums gebrauchsunfähig zu machen, aus Angst, die Demonstranten könnten sich ihrer bemächtigen.

Die Geschichte Polens im europäischen Kontext von der Industrialisierung über die Weltkriege, den Holocaust und den Umbruch bis zum Eintritt in die Europäische Union bildet den Zeitrahmen von COMMON AFFAIRS. Die Auseinandersetzung mit der Moderne steht dabei besonders im Fokus. Das reicht von Anna Molskas Version von Gerhart Hauptmanns Theaterstück Die Weber zu Rafał Jakubowiczs Arbeit Bauhaus, deren Typografie auch von Franz Ehrlich, einem Absolventen des Dessauer Bauhauses, verwendet wurde. Wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ wurde Ehrlich von den Nationalsozialisten ins KZ Buchenwald deportiert. Dort war er für das SS-Baubüro zwangsverpflichtet. In einer ungewöhnlichen Form des Widerstands entwarf er die Torinschrift „Jedem das Seine“ – in der Typografie der als „entartet“ verfemten Bauhaus-Moderne.

Monika Sosnowskas Skulpturen thematisieren hingegen das Scheitern sozialmodernistischer Vorstellungen. Inspiriert vom polnischen Dekonstruktivismus der 1930er-Jahre, dem Sozialistischen Realismus des ehemaligen Ostblocks, von Minimalismus und Konzeptualismus, greift sie auch auf Beispiele zurück, die der modernen Architektur der Volksrepublik Polen entstammen. Elżbieta Jabłońskas Readymade Nowe Życie (Neues Leben) ist im Polnischen Institut Berlin zu sehen: eine zehn Meter lange Leuchtreklame aus den 1970er-Jahren, die von der Künstlerin bei einer Landwirtschaftsgenossenschaft entdeckt wurde. Für COMMON AFFAIRS trat die riesige Leuchtskulptur eine Reise auf dem Wasser an. Sie wurde auf ein Schiff verladen und gelangte auf Flüssen und Kanälen von Polen nach Deutschland. Neues Leben – dieses optimistische Versprechen eines Neuanfangs bekommt über 40 Jahre später im Ausstellungskontext eine ambivalente, ironische, aber auch hoffnungsvolle Wendung.

COMMON AFFAIRS:
Revisiting the VIEWS Award - Contemporary Art from Poland

21.07.2016 – 30.10.2016

Deutsche Bank KunstHalle
Unter den Linden 13-15
10117 Berlin

Polnisches Institut Berlin
Burgstraße 27
10178 Berlin