Die Politik des Webens: Xaviera Simmons Ausstellung „Woven” in der 60 Wall Gallery

Weben – das ist für viele Kunsthandwerk und Frauenarbeit. Doch die von Xaviera Simmons kuratierte Ausstellung „Woven“ zeigt, was sich noch mit dieser Technik verbindet: abstrakte Komposition, modernes Denken, Politik.
Das Bauhaus war ein Macho-Verein. Als es 1919 gegründet wurde, forderte Walter Gropius zunächst noch, dass „jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht“ aufgenommen werden solle, doch kamen für seinen Geschmack zu viele Frauen. Das Bauhaus reagierte mit einem drastischen Aufnahmestopp. Diejenigen, die noch angenommen wurden, landeten meist in der „Frauenklasse“ – der Weberei. Doch was Künstlerinnen wie Anni Albers hier in experimentellen Workshops produzierten, gehört zum Aufregendsten und Progressivsten, was das Bauhaus je hervorgebracht hat.

Das Weben ist Thema der Moderne – vom Bauhaus bis hin zu Künstlern wie Picasso, Gauguin oder Matisse, die sich in Paris Teppiche weben ließen. Zugleich erscheint es wie ein Sinnbild für eine sehr zeitgemäße Form von Kreativität. Das gilt für die Verknüpfung unterschiedlicher Praktiken, von Bildender und Angewandter Kunst oder Musik, wie auch für die Suche nach neuen literarischen oder visuellen Erzählweisen, die unterschiedlichste Einflüsse und Perspektiven miteinander verweben. Nicht zuletzt gleicht auch das Internet einem gigantischen Geflecht aus Servern, Kabeln und Daten, das die ganze Welt miteinander in Austausch treten lässt.

Woven, die von Xaviera Simmons kuratierte Ausstellung in der 60 Wall Gallery der Deutschen Bank New York nimmt all diese Traditionen und Assoziationen auf und blickt zugleich auf die Technik des Webens im aktuellen künstlerischen Kontext. Zu sehen sind Arbeiten von 17 Künstlern – neben Werken aus der Sammlung Deutsche Bank auch Leihgaben diverser New Yorker Galerien. Simmons Augenmerk gilt dabei besonders jenen Aspekten des Webens, die sie auch in ihrem eigenen Werk beschäftigen: dem Handgemachten, der meditativ-rhythmischen Arbeit mit unterschiedlichen Materialien.

„Wiederholung ist sowohl in meiner Arbeit als auch in den Arbeiten dieser internationalen Künstler etwas ganz Fundamentales“, sagt Simmons in ihrem Statement zur Ausstellung. Verbindend ist für sie auch der Fokus auf Farbe, Geometrie, Textur, kalligrafischen Elementen und das Interesse an formaler Reduktion.

Die New Yorker Künstlerin, die mit zahlreichen Arbeiten auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, ist ein Allround-Talent. In ihren Installationen, Fotografien, Performances und Filmen setzt sich Simmons kritisch mit der Idee einer rein weißen und männlich dominierten Moderne auseinander. Sie nutzt dabei häufig Bezüge zu schwarzer Musik, zu Jazz, R&B und Pop als Referenzpunkte für eine alternative Perspektive auf die amerikanische Kulturgeschichte. (Ein ArtMag-Feature zu Simmons lesen Sie hier)

In Woven ist sie mit Arbeiten aus ihrer Serie Index vertreten. Dafür hat Simmons Körper in Stoffbahnen gehüllt, mit einer Vielzahl von Objekten wie Schmuck, Tierschädeln, Glasperlen oder Pflanzen bestückt und dann fotografiert. Die eingehüllten Körperteile erinnern an dreidimensionale Collagen, in denen Mode, Spiritualität sowie Debatten um Gender und Blackness miteinander verbunden sind.  

Es ist sicher kein Zufall, dass Simmons neben aktuellen Künstlern und Künstlerinnen wie dem Rumänen Ciprian Muresan oder der Star-Malerin Amy Sillman mit Lee Krasner und Louise Nevelson zwei ikonische Künstlerinnen aus dem Umfeld des Abstrakten Expressionismus in die Ausstellung integriert hat. Immer wieder hat Simmons diese männlich domminierte Kunstströmung in ihrer Arbeit zitiert und für Woven zwei Werke ausgesucht, die ebenfalls mit Collagetechniken und der Verknüpfung unterschiedlicher Materialien arbeiten.  

Krassners unbetitelte Assemblage von 1954, auf der sich Farbflächen, Pinselstriche und Papierfetzen zu einer dynamischen Komposition überlagern, ist typisch für ihren gestisch-rhythmischen Stil. Aus einem waldartigen Geflecht lösen sich kalligrafische Formen, die Buchstaben andeuten. Ruhiger und statischer erscheint hingegen die Formensprache von Nevelsons Collage aus Holz- und Papierstücken, in der die Bildhauerin unterschiedliche Formen und Texturen miteinander kombiniert. Beide Künstlerinnen haben aber mit Simmons gemeinsam, dass es ihnen nicht nur um rein formale Fragen, sondern auch um den Ausdruck ihrer Gefühlswelt und Spiritualität geht. „Ich füge die zersprengte Welt zu einer neuen Harmonie zusammen”, erklärte Nevelson. Als zeitgenössische, technoide Antwort auf Nevelson könnte man Jennie C. Jones 2014 entstandene Collage Score for Sustained Blackness Set 1 betrachten. Doch der Künstlerin geht es hier um die konzeptuellen Verbindungen zwischen malerischer Abstraktion und Jazz: Sound verwandelt sich bei Jones in Linien und Farbflächen.

„Beim Weben handelt es sich um einen abstrakten und uralten Code, der von allen Kulturen genutzt wurde, um ihre Beziehungen zur Natur darzustellen“, erklärt Monika Bravo. In ihren Multi-Media-Arbeiten überträgt die kolumbianische Künstlerin das Prinzip von Kette und Schuss – die Längs- und Querfäden, die sich zu einem Gewebe verbinden – auf ihre Computeranimationen. Grafische Linien und geometrische Flächen setzen sich hier zu Bildern von Pflanzen, Landschaften oder Wolken zusammen. Dabei basieren Bravos abstrakte Muster auf den Mochilas Arhuacas, aus Agavenfasern gefertigten Taschen der indigenen Ureinwohner, die zu einem kulturellen Symbol ihres Heimatlandes geworden sind.

Auch Sheila Hicks ist stark von der Kunst der Ureinwohner Lateinamerikas geprägt. Die 1934 in Nebraska geborene „Grand Dame“ der Textilkunst ist seit einigen Jahren auf wichtigen Ausstellungen wie der Whitney Biennale präsent. Für die diesjährige Sydney Biennale, die von der Deutschen Bank gefördert wurde, schuf sie die Embassy of Chromotic Delegates, in der ihre Textilobjekte eine in bunten Farben schillernde Landschaft formen. In der Wall Gallery sind drei Exemplare ihrer "Minimes" zu sehen – Miniaturen, die sie seit Jahrzehnten auf einem kleinen transportablen Webrahmen fertigt. Hicks, die in Yale bei Josef Albers studierte, bringt wie Anni Albers die Moderne mit Motiven aus Volkskunst zusammen.

Dass die Arbeit mit Textilien heute keine rein weibliche Domäne ist, dokumentiert etwa Jayson Musson. Seine gewebten Coogi Sweater Paintings sind eine Hommage an die grell-bunten, wild gemusterten Pullover der Marke Coogi, die in den 90ern besonders in der Hip-Hop-Szene populär waren. Sein gewebtes Gemälde Black Bisector, so der Titel seines Beitrags zu Woven, spielt aber auch auf die Star Wars-Filme an: auf Gree, einer der alten Sprachen der Galaxie, werden mit diesem Ausdruck Helden bezeichnet.

Wie politisch Woven auch sein kann, zeigt der Beitrag von Rashid Johnson. Seine Werke sind Meditationen über kulturelle Phänomene, die Afroamerikaner gesellschaftlich prägen. Er verbindet dabei häufig konzeptionelle Ansätze mit Referenzen an traditionelles Handwerk, Design oder Theater. Der 2011 entstandene Film The New Black Yoga, aus dem das gleichnamige Standbild in der Ausstellung stammt, zeigt fünf junge Schwarze, die an einem Strand auf Perserteppichen stehen und einen Mix aus Yoga und unterschiedlichen Kampfsportarten exerzieren. Im Film wird dies mit einem hypnotischen Beat und Flötenklängen unterlegt. Doch auch im Foto wird das sehr aktuelle Dilemma dieser typischen Wellness-Szene deutlich – die Wahl, die viele junge Schwarze treffen müssen, sich entweder mit Gewalt zu verteidigen oder sich selbst zu reflektieren, um den inneren und äußeren Frieden zu wahren.        

Woven

Bis 15. September 2016
60 Wall Gallery, New York