Die Zukunft war Gestern:
Basim Magdy im MAXXI Rom

Nach der Premiere in der Deutsche Bank KunstHalle in Berlin gastiert Basim Magdys „The Stars Were Aligned for a Century of New Beginnings“ nun im MAXXI, dem wohl wichtigsten Museum für zeitgenössische Kunst in der italienischen Hauptstadt. Dabei trifft der „Künstler des Jahres“ 2016 der Deutschen Bank den Nerv der Zeit.
Da ist gerade dieses Gefühl bei vielen Menschen, dass die Welt aus den Fugen geraten ist, dass wir die Kontrolle verlieren. Angesichts von Kriegen, Flüchtlingsströmen, ökologischen und ökonomischen Krisen kommt Endzeitstimmung auf, das Vertrauen in die etablierten politischen Systeme sinkt. Auf den psychedelisch bunten Papierarbeiten des 1977 geborenen ägyptischen Künstlers Basim Magdy hat die Apokalypse bereits stattgefunden. Und die Zeit danach ist surreal. Die Politiker sind entmachtet, gigantische Kraken regieren die Menschheit und lassen sie Kapitulationserklärungen für ihr kollektives Versagen unterschreiben. Forscher streifen durch verlassene futuristische Bauwerke, Schädel, Kristalle und außerirdische Raumschiffe erscheinen am Himmel. Die menschliche Zivilisation ist schlichtweg am Ende. Und auch in Magdys Filmen sieht es nicht anders aus. So zieht The Many Colors of the Sky Radiate Forgetfulness (2014) den Betrachter in einen meditativen Sog aus Bildern, Klang und Text. Körperlose Stimmen sprechen aus dem Off von der Flüchtigkeit der Erinnerung. In der Stille der Wälder blicken uns mit Moos überwucherte Steinmonumente an, als wollten sie uns wissen lassen, dass sie uns alle überleben werden. Sie sind von einer verlaufenden Aura aus strahlender Farbe umgeben. Insekten gleiten über die Oberfläche eines Teiches und schwirren davon. Die Natur holt sich ihr verlorenes Territorium zurück. Der Mensch ist bis auf einige Relikte vergessen.

The Stars Were Aligned for a Century of New Beginnings - Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns lautet der Titel von Magdys Ausstellung, die im Frühjahr in der Deutsche Bank KunstHalle in Berlin ihre Premiere feierte. In einer leicht modifizierten Fassung ist sie jetzt im römischen MAXXI zu sehen, um dann im Dezember ins MCA Chicago weiterzuwandern. Dieser Titel klingt optimistisch, fast euphorisch. Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Er ist eine ironische Anspielung auf eine Gesellschaft, die unverdrossen ihre Fehler wiederholt und nach jeder weiteren Katastrophe denkt, es würde trotzdem alles weitergehen. Die Gesellschaften, die Magdy in seinen Filmen The Dent (2014) und The Everyday Ritual of Solitude Hatching Monkeys (2014) schildert, sind in absurde Rituale der Vergangenheitsbewahrung verwickelt und in größenwahnsinnige Projekte mit irrationalen Hoffnungen verstrickt.

Dass dieses Scheitern allerdings alles andere als tragisch, sondern auf absurde Weise auch befreiend, poetisch oder sogar komisch sein kann, zeigt der „Künstler des Jahres“ 2016 der Deutschen Bank auch in Rom mit großer Virtuosität. Angesichts der flirrenden Farbigkeit und des absurden Humors können wir kaum traurig sein über das Ende der Zivilisation. Die Protagonisten in Magdys Zeichnungen und Filmen scheinen paralysiert und ungelenk, fast wie im Slapstick. Händeringend versuchen sie, die menschliche Geschichte zu archivieren und zu feiern, damit auch zukünftige Generationen aus ihr schöpfen können. Doch dieses Unterfangen ist offensichtlich sinnlos. "The Future Is Your Enemy" ist groß auf einer Plakatwand seiner Zeichnung The Last Day of Written History (2011) zu lesen.

„Wenn ich sehe, was um mich herum passiert, ist es für mich nur eine rationale Entscheidung eine Arbeit über eine mögliche, post-apokalyptische Zukunft zu machen“, sagt Magdy. „Das verbindet sich aber auch mit dem Konzept der vergehenden Zeit, das ich ständig in meiner Arbeit versuche zu entziffern. Das einzig mögliche Ergebnis dieses Interesses ist allerdings der Wunsch, dass ich eine Kristallkugel oder eine Zeitmaschine hätte, um in die Zukunft zu reisen und ein Zeugnis davon ins Heute zurückzubringen.“

In diesem Sinne kann man Magdys traumartige Arbeiten als durchaus kritische Kommentare zur Gegenwart verstehen. „Die Wahl von Basim Magdy als „Künstler des Jahres“ der Deutschen Bank stimmt vollkommen mit einem der Schwerpunkte des Programms des MAXXI überein“, sagt Hou Hanru, der künstlerische Direktor des Museums. „Wir fokussieren uns auf den Dialog mit dem Nahen Osten. Denn dieser ist heute einer der treibenden Kräfte für den globalen Wandel, sowohl geopolitisch, als auch im Hinblick auf kulturelle und künstlerische Praktiken.“
 
Was Magdy als einer der wichtigsten aktuellen Künstler dieser Region einfordert, ist dann auch radikal. All die futuristischen Visionen, all die Beschwörungen der Geschichte, aus der wir kollektiv lernen könnten, repräsentieren in seinem Kunstkosmos überholtes Denken. Und das wird Magdys Ansicht nach wahrscheinlich genauso aussterben wie Bücher, Universitäten oder der traditionelle Kunstbetrieb. Tatsächlich leben wir nicht mehr im Zeitalter der großen Erzählungen, die suggerieren, dass alles einem übergeordneten Zusammenhang folgt. Wir leben im Zeitalter der digitalen Information. Alles ist auf den Augenblick gerichtet, in dem es keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr gibt, sondern nur permanente Gegenwart und Gleichzeitigkeit. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, die Welt zu kontrollieren und mit Bedeutung zu versehen. Wie alle anderen Lebewesen sind wir in dieser permanenten Gegenwart dem Zufall und der Willkür ausgeliefert – ohne Masterplan. Zugleich befreit uns das von unterdrückenden Ideologien oder religiösem Fanatismus. Magdys flüchtige Erzählungen fordern uns auf, querzudenken, Widersprüche zu akzeptieren und uns ohne Dogmen für das Hier und Jetzt zu öffnen.

Das demonstriert er auch am Material selbst. Seit vielen Jahren legt er Fotos und Super 8-Filme in unterschiedliche Haushaltschemikalien, Essig oder Cola ein. In dieser chemischen Reaktion, die Magdy mit dem Prozess des "Picklings", also des Einmachens vergleicht, färbt und zersetzt sich das Material in allen Tönen des Farbspektrums, wie auch in seiner 80-teiligen Dia-Installation Investigating the Color Spectrum for the Post-Apocalyptic Future (2013), in der Magdy die Insel Lanzarote wie eine verstrahlte, post-apokalyptische Einöde wirken lässt. Dem Streben nach einem bestimmten Ergebnis, einer verbindlichen Wahrheit setzt Magdy das kaum berechenbare Experiment mit der chemischen Reaktion entgegen, die auch das Bild angreift. Der Künstler tritt als Autor zurück und lässt das Material arbeiten. Das Einlegen oder "Pickling" ist die Anti-These zum Archivieren und Festhalten von historischen Ereignissen und kollektiven Erinnerungen. Es betont die Fragilität und Flüchtigkeit der Wirklichkeit und den prozessorientierten Ansatz in Magdys Werk, die Balance zwischen Kontrolle und Zufall, die er auslotet. Seine Praxis verdeutlicht zugleich die alchemistische "Entwicklung" von Narration und Themen, die zugleich auch auf ganz konkrete Zusammenhänge eingeht. So wird zeitgleich mit der Ausstellung in Rom im Pariser Ausstellungshaus Jeu de Paume im Rahmen der von Heidi Ballet kuratierten Ausstellungsreihe Our Oceans, your Horizon mit No Shooting Stars eine neue Arbeit Magdys zu sehen sein, die sich mit der geopolitischen Rolle der Ozeane auseinandersetzt. Das Wässerige passt bestens zu Magdys visuellem und poetischen Denken. Dieses gleicht einem fließenden Bewusstseinsstrom, der im digitalen Zeitalter auch immer wieder die Zirkulation von Bildern und Informationen und die fließenden Grenzen zwischen Realität und Virtualität reflektiert. Wer sich darauf einlässt, dass es hier keine Vergangenheit oder Zukunft gibt, keine Kausalität, sondern nur Offenheit, der mag sich vorkommen wie im freien Fall. Das Paradoxe dabei ist, dass wir gerade durch dieses Loslassen genau dort landen, wo wir sonst nie ankommen: in der Gegenwart.

Basim Magdy. The Stars Were Aligned For A Century Of New Beginnings
15.09. bis 30.10.2016
MAXXI, Rom

Basim Magdy. No Shooting Stars
18.10.2016 bis 15.01.2017
Jeu de Paume, Paris

Basim Magdy. The Stars Were Aligned For A Century of New Beginnings
10.12.2016 – 19.03.2017
MCA Museum of Contemporary Art Chicago