Materie und Energie
Tony Cragg im Von der Heydt-Museum Wuppertal

Ständige Veränderung ist die Konstante im Werk von Tony Cragg. Kaum ein anderer Bildhauer hat Bronze, Edelstahl, Stein, aber auch Kunststoff solch eine dynamische Eleganz verliehen. Für sein bahnbrechendes Werk wurde er bereits mit dem Turner Preis und dem Praemium Imperiale ausgezeichnet. Jetzt widmet ihm das Von der Heydt-Museum in Craggs Heimatstadt Wuppertal seine bislang umfassendste Werkschau – mit einer prominenten Leihgabe aus der Sammlung Deutsche Bank.
„Material ist alles“, erklärt Tony Cragg in einem Interview mit ArtMag. Aber es sind nicht nur Stein, Bronze oder Holz, die den britischen Bildhauer interessieren. So selbstverständlich wie  traditionelle Werkstoffe verwendet er Fiberglas oder Kevlar, eine Faser, aus der sonst schusssichere Westen produziert werden. Craggs Skulpturen können aber auch aus Plastikspielwürfeln bestehen. Die fielen ihm in einem Spielzeugladen ins Auge und ließen ihn unwillkürlich an Albert Einsteins Spruch „Gott würfelt nicht“ denken. Der Nobelpreisträger brachte damit seine Überzeugung zum Ausdruck, dass es in der Physik keine Zufälle gäbe. Über siebzig Jahre später inspirierte dieses Statement Tony Cragg zu Secretions, eine seiner beeindruckendsten Arbeiten. In der mit Tausenden von Spielwürfeln besetzten Fiberglas-Skulptur verdichtet sich sein Interesse an den großen und kleinen Dingen der Schöpfung – am Unendlichen, aber auch am Profanen. Die fließenden Formen erinnern an Blutkörperchen oder Mikroorganismen, aus denen neue Lebensformen entstehen. Ironischerweise hat Cragg die Skulptur tatsächlich ‚ausgewürfelt‘ und die die Würfel dann genauso, wie sie zufällig lagen, auf der auf der Oberfläche montiert. Seit 1999 begrüßen die Secretions in der Lobby des Londoner Hauptsitzes der Deutschen Bank Mitarbeiter und Gäste. Jetzt ist Craggs Meisterwerk nach Wuppertal gereist, wo der Künstler seit 1977 lebt und nun vom Von der Heydt-Museum mit seiner bislang größten Retrospektive geehrt wird.

Von den frühen Assemblagen aus Plastikmüll bis zu den dynamischen, auf Hochglanz polierten Edelstahlwirbeln von heute lässt sich hier auf drei Etagen Craggs künstlerische Entwicklung nachvollziehen. Dabei ist die Schau nicht chronologisch, sondern nach Werk- und Materialgruppen geordnet. Sinnvoll erscheint es, in der zweiten Etage zu beginnen. Hier sind seine ersten, aber auch ganz aktuelle Skulpturen zu sehen – und auch Secretions, die in einem eigenen Kabinett installiert wurde. Die frühesten Arbeiten der Ausstellung entstanden in den 1970er Jahren noch während Craggs Studium am Royal College of Art in London. Sie stehen im Spannungsfeld zwischen den damals wichtigsten Strömungen: Minimal, Land und Concept Art, aber auch Arte Povera. Prägend für seine künstlerische Entwicklung waren auch Richard Longs Skulpturen aus Stein- und Felsbrocken, Treibholz oder ähnlichen unbearbeiteten Materialien. Cragg bevorzugte allerdings Zivilisationsmüll: Farbiges Plastik arrangierte er auf Wänden oder Böden zu Reliefs, die an Menschenmengen, Blätter oder Raketen erinnern. Holzreste und andere Fundstücke stapelte er zu Quadern.

Das Motiv des Stapels greift er bei seinen neueren Arbeiten wieder auf: So basiert die Werkgruppe Rational Beings auf übereinandergeschichteten Scheiben. Die schlanken, in die Höhe strebenden Formen balancieren zwischen Figuration und Abstraktion, erinnern an menschliche Silhouetten oder Profile. Erst die Bewegung des Betrachters und der sich dabei ständig verändernde Blickwinkel enthüllen die besondere Qualität dieser Arbeiten. Immer wieder erkennt man andere Formen – so als durchlaufe die Skulptur einen Prozess der Metamorphose. Materie wird zu Energie, Energie zu Materie. Nicht umsonst hat Cragg eine seiner Arbeiten Constant Change, beständige Veränderung, betitelt.

Die erste Etage des Museums ist vor allem den Early Forms gewidmet. Ausgangspunkt dieser Serie sind Gefäße, etwa Flaschen, Amphoren oder Reagenzgläser, deren Formen Cragg immer wieder variiert und miteinander verschmelzen lässt, bis die Vorbilder kaum mehr zu erkennen sind. Sein Formenvokabular scheint eine Art evolutionäre Entwicklung zu durchlaufen. Die Parallelen zu naturwissenschaftlichen Phänomenen und Formen sind beabsichtigt: Cragg, der Sohn eines Elektroingenieurs in der Luftfahrtindustrie, arbeitete nach seinem Abitur zunächst als Praktikant bei einem biochemischen Forschungsunternehmen. Erkenntnisse der Neurowissenschaften, Chemie, Gentechnik, Molekularbiologie haben seiner künstlerischen Entwicklung immer wieder neue Impulse gegeben. „Mich interessiert die Kraft und das Potenzial, die darin liegen, mehr über Materialien – mich selbst eingeschlossen – zu lernen, und zwar mit Hilfe von Chemie, Physik, Philosophie oder eben Bildhauerei“, so der Künstler. Einblicke in sein Denken und den künstlerischen Prozess geben auch die Zeichnungen und Drucke, die im Mezzaningeschoss gezeigt werden. Sie dienen nicht nur als Entwürfe für seine plastischen Arbeiten, vielmehr sind die Papierarbeiten auch als Serien angelegt. Häufig begleiten sie Themen der Skulpturen, entstehen aber als autonome Werke, unabhängig vom plastischen Prozess.

Wer nach den weit über 100 Arbeiten der Schau noch mehr von Tony Cragg sehen möchte, sollte unbedingt den nahegelegenen Skulpturenpark Waldfrieden besuchen. Im Park einer denkmalgeschützten, nach anthroposophischen Prinzipien gebauten Villa zeigt der Künstler seit 2008 zeitgenössische Skulpturen, etwa von Richard Deacon, Thomas Schütte oder Bogomir Ecker, aber auch eigene Arbeiten. So schrauben sich auf einer Wiese seine Points of View  – drei aus gestapelten Ellipsen bestehende, gut fünf Meter hohen Bronze-Säulen – in die Höhe. Und zwischen Kastanien, Eichen und Buchen erinnert eine auf dem Boden liegende Early Form an den Panzer eines ausgestorbenen Rieseninsekts. Im Skulpturenpark fügt sich alles perfekt zusammen: die geschwungenen Formen der Villa, die Bäume und Sträucher des weitläufigen Parks und Tony Craggs organisch-technoide Skulpturen.

Tony Cragg. Parts of the World
19.4. - 14.8.2016
Von der Heydt-Museum, Wuppertal