Abschied von der Angst
Die Biennale-Saison beginnt

Gleich acht Biennalen starten diesen Herbst und zeigen, was die globale Kunstwelt umtreibt. Eine gemeinsame Tendenz: Es geht darum zu zeigen, wie sich Künstler mit den drängenden Problemen unserer Zeit auseinandersetzen. Achim Drucks über die Themen und Thesen der anstehenden Biennalen, auf denen auch zahlreiche Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind.
The Eighth Climate: Es ist ein etwas rätselhafter Titel, den Maria Lind für die diesjährige Gwangju Biennale gewählt hat. Er bezeichnet kein meteorologisches Phänomen, sondern eine transzendente Welt jenseits von Zeit und Raum. Es ist ein Ort, den wir nur dank unserer Vorstellungskraft  betreten können, zu dem jeder seinen individuellen Zugang finden muss. Persische Mystiker des 12. Jahrhunderts prägten diesen Begriff, an den der französische Philosoph und Islamwissenschaftler Henry Corbin in seinem 1972 erschienenen Essay Mundus Imaginalis anknüpfte. Corbin betont darin die Bedeutung der „aktiven Imagination“, die dem Menschen den Zugang zu Spiritualität ermöglicht.

Maria Lind, die sonst die renommierte Tensta Konsthall in Stockholm leitet, bricht diesen für manchen vielleicht etwas zu esoterischen Ansatz allerdings mit einer sehr konkreten Frage, die sie in Klammern hinter ihren Titel gesetzt hat: What Does Art Do?. Für die Kuratorin setzt Kunst vor allem unsere Vorstellungskraft in Gang und besitzt deshalb auch eine, wie sie es formuliert, „aktive Beziehung zur Zukunft“. Wie ein Seismograph könne sie kommende Entwicklungen erspüren. Das sollen in Gwangju Werke von rund 100 internationalen Künstlern zeigen. Dazu zählt auch Iza Tarasewicz, die 2015 mit dem „Views Award“ der Deutschen Bank ausgezeichnet wurde. Ihre alchimistisch anmutenden Installationen werden von der antiken Philosophie wie der modernen Chaos-Theorie inspiriert. Eingeladen hat Lind auch The Otolith Group. Das britische Künstlerkollektiv, das 2001 an dem Performance-Programm Globe zur Eröffnung der Frankfurter Deutsche Bank-Türme teilnahm, setzt sich in seinen Essay-Filmen mit gescheiterten Utopien, Zukunftsvisionen und aktuellen gesellschaftspolitischen Themen auseinander. Die junge Koreanerin Siren Eun Young Jung wirft dagegen einen feministisch geprägten Blick auf eine Theatertradition ihres Heimatlandes: In den "Yeosung Gukgeuk" genannten komödiantischen Singspielen stehen ausschließlich Frauen auf der Bühne. Dort erschaffen sie eine utopische Welt, in der sich die Grenzen zwischen den Geschlechtern auflösen.

Die aktuelle Ausgabe der ältesten Biennale auf dem asiatischen Kontinent – sie fand 1995 erstmals in der südkoreanischen Großstadt statt – hat sich eng mit der lokalen Kunstszene vernetzt und setzt gleichzeitig auf ein umfangreiches Vermittlungsprogramm, das bereits im Vorfeld der Ausstellung die Menschen vor Ort miteinbezieht – ein Ansatz, der auch die anderen Biennalen prägt. Die "aktive Imagination" soll eben nicht nur im Kreis der Eingeweihten der Kunstszene, sondern auch in der Gesellschaft angeregt werden.

Für eine Kunst, die sich in den Alltag und die politischen Verhältnisse einmischt, steht auch die chinesische, japanische und koreanische Avantgarde der 1960er und 70er Jahre. Ihr ist eine Ausstellung auf der zweiten wichtigen Biennale in Korea gewidmet: der Busan Biennale. Hier werden Künstlergruppen wie Gutai oder Mono-ha vorgestellt, an deren zukunftsweisende künstlerische Praxis aktuelle Positionen wie Koki Tanaka, der „Künstler des Jahres“ 2015, anknüpfen. Unter dem Titel Hybridizing Earth, Discussing Multitude stellt die Biennale in einer zweiten Schau auch 56 aktuelle Positionen wie Choi Sungrok, Laura Lima, Dana Lixenberg und Katharina Sieverding vor, die gesellschaftliche Phänomenen wie die Globalisierung oder ethnische und sexuelle Vielfalt thematisieren.

Auch in Singapur und China eröffnen diesen Herbst zwei bedeutende Kunstereignisse. An Atlas of Mirrors lautet der poetische Titel der Singapore Biennale, die sich ganz auf Künstler aus dem ost- und südasiatischen Raum fokussiert. "Atlas" steht dabei für Reisen und die Begegnung mit dem "Fremden", "Mirror" für die Auseinandersetzung mit dem Selbst. Dementsprechend setzten sich die mehr als 60 Künstler, darunter die Bildhauerin Han Sai Por, der junge Maler Fyerool Darma oder das Hongkonger Künsterduo MAP Office, mit den Themen Migration, Identität und Verflechtungen zwischen den verschiedenen Ländern und Kulturen der Region auseinander.

Diese Themen behandelt auch die 11. Ausgabe der Shanghai Biennale, die vom Raqs Media Collective kuratiert wird. Why Not Ask Again? lautet der Titel, der auf den diskursiven Ansatz des indischen Trios verweist: „Es gibt ‚ich‘ (eins), es gibt ‚du‘ (zwei) und dann gibt es ‚viele‘(drei). Mit drei beginnt die Vielzahl, die Flucht aus dem Gefängnis von ‘ich und du‘ in eine andere Welt“, erklärt das Raqs Media Collective, das 2014 eine Installation für die Deutsche Bank in Birmingham realisierte. „Drei steht für den Weg heraus aus der Tretmühle der Dialektik. Mit drei fangen wir an, die Bedeutung von Pluralität und Fülle zu verstehen.“ Ihre Biennale, zu der sie unter anderem Tomás Saraceno und SUPERFLEX  eingeladen haben, hält keine vorgefertigten Antworten und Lösungen parat. Für Raqs geht es zuerst darum, die richtigen Fragen zu stellen: „Fragen sind wie Druckpunkte – die vitalen Punkte, die an den Meridianen des Körpers sitzen. Sie sind von entscheidender Bedeutung für Gesundheit oder Krankheit, Freude oder Schmerz. Indem wir sie ins Zentrum dieser Biennale rücken, kümmern wir uns sozusagen um die Druckpunkte des Körpers der Welt von heute.“ Es geht um den Abschied von Dogmen, Bekenntnissen, festen Identitäten und der Angst vor Veränderungen. Man solle das „Unvorhersehbare willkommen heißen, statt sich davor zu fürchten.“

Um das Unvorhersehbare, um die Unsicherheit, die viele Menschen angesichts von Klimawandel, Terror und ökonomischen Krisen empfinden, geht es auch in der 32. Bienal de São Paulo, einer von drei Biennalen, die jetzt auf dem amerikanischen Kontinent eröffnen. Unter dem Titel Incerteza viva versammelt Kurator Jochen Volz rund 90 Künstlerinnen und Künstler wie Francis Alÿs, Öyvind Fahlström, Pierre Huyghe und den aktuellen Biennale-Dauergast Hito Steyerl. Viele Projekte entstehen dabei vor Ort in Brasilien: In Zusammenarbeit mit dem Instituto de Botânica de São Paulo konzipiert Carla Filipe einen Garten mit essbaren Pflanzen während sich Iza Tarasewicz auf musikalische Spurensuche begibt. Sie erforscht die Präsenz der polnischen Mazurka in Brasilien. Pilar Quinteros folgt dagegen den Spuren des britischen Entdeckers Percy Fawcett, der 1925 mitsamt seiner Expedition im Dschungel von Mato Grosso verschwand – auf der Suche nach der mythischen Stadt Z, einer Hochkultur mitten im lebensfeindlichen Amazonasgebiet. Damals hielten ihn viele für einen romantischen Fantasten, inzwischen haben Forscher genau dort Reste von tausend Jahre alten Zivilisation entdeckt.

„Kunst lebt von Unsicherheit, Zufall, Improvisation, Spekulation“, so Jochen Volz. “Sie schafft Platz für Irrtümer und Zweifel.” Und genau diese Offenheit des Denkens und Experimentierens, für das die Kunst steht, könne man auf andere Disziplinen übertragen, um  neue, ungewöhnliche Lösungen zu finden. Volz geht es um nichts weniger als um die Akzeptanz einer der essentiellen Bedingung der menschlichen Existenz. „Mit der ‚Incerteza viva‘ im Alltagsleben zurecht zu kommen, ist sehr wichtig. Es bedeutet, dass man sich der Tatsache bewusst wird, das wir in einer Umwelt leben, die von ständiger Unsicherheit geprägt ist.“

Angesichts der aktuellen Weltlage erstaunt es nicht, dass sich die 13. International Cuenca Biennial in Ecuador einem ganz ähnlichen Thema widmet. Statt um "Incerteza" geht es hier um Impermanencia, um Flüchtigkeit und Vergänglichkeit. In Sachen Biennalen kennt sich ihr künstlerischer Direktor Dan Cameron hervorragend aus. Der ehemalige New Museum-Kurator hat sie bereits in Istanbul, Taipei und New Orleans organisiert. Cameron zieht eine interessante Verbindung zwischen dem Leben in einer globalisierten Gegenwart, die von Unbeständigkeit und rasantem gesellschaftlichen und technologischen Wandel geprägt wird, und zunehmend flüchtigen oder performativen Kunstwerken, die dieser Situation entsprechen. Es sind Arbeiten, die die „Brüchigkeit und Absurdität der menschlichen Existenz“ wiederspiegeln – unter anderem von Kader Attia, Cao Fei, Alejandro Cesarco und Los Carpinteros, die alle auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind.

Während Camerons Konzept durchaus einen spirituellen Hintergrund besitzt – die Vorstellung von der flüchtigen Natur alles Irdischen ist einer der zentralen Gedanken des Buddhismus – wurde die Biennale de Montréal von zwei provokanten Literaten inspiriert, Jean Genet und dem Marquis de Sade. Unter dem Titel Le Grand Balcon begibt sich ihr Leiter Philippe Pirotte auf die Suche nach einer „hedonistischen Politik“ und einem „ethischen Hedonismus“. Mit von der Partie sind auch zahlreiche Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank: Thomas Bayrle, Shannon Bool, Judith Hopf und Frances Stark. Den Direktor der Frankfurter Städelschule interessieren das „befreiende Potential des künstlerischen Ausdrucks“ und ein „beharrlicher Wiederstand gegen den Status Quo“. Obwohl er eher aus einer politischen Richtung argumentiert, versucht Philippe Pirotte in Montréal ähnlich wie Maria Lind in Gwangju mit der Kunst einen „mentalen Raum“ zu schaffen, in dem die herrschenden Verhältnisse radikal in Frage gestellt werden.

Mit der 3. Kochi-Muziris Biennale eröffnet im Dezember die letzte wichtige Biennale dieses Jahres. Die Schau ist die erste und einzige Biennale für Gegenwartskunst in Indien. Und sie ist außerordentlich erfolgreich: Die ersten beiden Ausgaben zählten zusammen fast eine Millionen Besucher. Die Schau spiegelt den kosmopolitischen Geist der südindischen Region wider: Kochi ist bereits seit mehr als 600 Jahren ein blühendes Zentrum des globalen Handels. Für die diesjährige Ausgabe betätigt sich der Multimedia-Künstler Sudarshan Shetty erstmals als Kurator. In Zeiten eines auch in Indien wachsenden Nationalismus versteht er seine Biennale als einen Ort des Austauschs zwischen den Kulturen und auch über soziale Grenzen hinweg. Eingeladen hat Shetty neben Pawel Althamer, Charles Avery, und Orijit Sen auch Raúl Zurita. Der chilenische Lyriker wurde als erster Künstler für die Biennale berufen. Sein Werk, in dem Poesie und politisches Engagement untrennbar miteinander verbunden sind, bildet eine Art Folie für die Schau. „Der radikale Begriff von Freiheit ist das, was Kunst ausmacht und von allen anderen menschlichen Produktionen unterscheidet. Das ist das Einzige, was zählt“, erklärte Raúl Zurita. „Während in den exakten Wissenschaften eine Ausnahme reicht, um eine Theorie zu Fall zu bringen, ist in der Kunst alles Ausnahme.“


11. Gwangju Biennale
02.09.– 06.11.2016   

Busan Biennale 2016
06.09. – 30.11.2016

32. Bienal de São Paulo
10.09. – 11.12.2016

Biennale de Montréal: Le Grand Balcon
19.10.2016 – 15.01.2017

13. International Cuenca Biennial
21.10.– 31.12.2016

Singapore Biennale 2016 - An Atlas of Mirrors
27.10.2016 – 26.2.2017

11. Shanghai Biennale
11.11.2016 – 12.03.2017

3rd Kochi-Muziris Biennale
12.12.2016 – 29.03.2017