"Humor findet immer seinen Weg, auch gegen Widerstände" - Drei Fragen an Judith Hopf

Kunst ist, etwas zu machen, „von dem man keine schlechte Laune bekommt“. Zumindest für Judith Hopf, deren Werke auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind. Mit lakonischem Humor nimmt die Berlinerin in ihren Installationen, Filmen und Performances die Regeln des Kunstbetriebs ins Visier: Zwang zur Marktorientierung, Fetischcharakter von Kunstobjekten, starre Geschlechterrollen und den strengen Habitus der Institutionskritik. Dabei wurde die documenta-Teilnehmerin in den 1990er-Jahren selbst als Vertreterin einer konzeptuell und diskursiv arbeitenden Generation bekannt. Das Museion in Bozen stellt die umtriebige Künstlerin nun mit einer umfassenden Werkschau vor.
ArtMag: Judith Hopf, Sie haben 2010 mit Contrat entre les hommes et l ́ordinateur eine Art ironisches Manifest verfasst, in dem Sie die Befreiung des Menschen vom Computer postulieren. Betrachtet man Ihre Zeichnungsserie Waiting Laptop, mit der Sie in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind, scheinen Mensch und Maschine allerdings zu einer unauflöslichen Einheit verschmolzen zu sein. Warum müssen wir unser Verhältnis zum Computer und zur Technik überprüfen?

Judith Hopf: Der Vorschlag für diesen Vertrag war eigentlich nicht ironisch gemeint. Ich hatte zu dieser Zeit die Erfahrung gemacht, dass mein persönliches und professionelles Leben sich zu einem Großteil vor einem Laptop oder vor einem anderen Rechner abspielt. Dementsprechend kam mir die Idee, dass man den Zeitaufwand und das Arbeiten am Computer noch einmal mit anderen Tätigkeiten und Möglichkeiten der aktiven Teilhabe am Leben abgleichen sollte. Vielleicht hatte ich einfach noch nicht gelernt, mich physisch von diesem Gerät zu emanzipieren, ähnlich wie ein Großteil der "westlichen" Welt der Nachkriegszeit sich in den fünfziger Jahren nicht von den neu eingeführten Fernsehgeräten losreißen konnte. Der eigene Körper wurde auf die sogenannte "Couchpotato" reduziert. Man musste also erst einmal lernen, dass man den Fernseher auch abschalten kann. Der Vertrag sollte ein Vorschlag sein, über diese Formen von körperlichen und psychischen Abhängigkeiten zu reflektieren und ist als Emanzipationsversuch gemeint. Tatsächlich sieht es danach aus, als wären wir, genau wie es Hannah Arendt in den 1950er Jahren bereits vorhersah, von Techniken und deren Sprachen abhängig, also von Dingen, die wir größtenteils eigentlich nicht verstehen und damit auch nicht mitbestimmen können. Stattdessen lassen wir uns zu sehr von ihnen beeindrucken. Zudem ist Teilhabe von den Geräteherstellern und Programmierern auch gar nicht intendiert. Im Umkehrschluss mag das vielleicht bedeuten, dass wir andere mögliche Denkweisen, Sprachen und ein anderes Tätigsein im politischen Leben vernachlässigen und verlernen.

ArtMag: Viele Ihrer Arbeiten zeichnet ein lakonischer, slapstickhafter Humor aus. Er findet sich bei den Waiting Laptops oder Ihren mit traurig dreinblickenden Comicgesichtern bemalten Erschöpften Vasen. Aber auch in dem Film Some End of Things: the Conception of Youth. Er zeigt einen als überdimensionales Ei verkleideten Mann, der durch ein modernistisches Gebäude irrt. Dabei haben Sie in ihrer Arbeit stets die Institution, die Ausstellungssituation, die Repräsentationen und Konventionen des Kunstbetriebs im Visier. Doch Institutionskritik hat nicht gerade den Ruf, komisch zu sein. Warum ist Humor für sie wichtig?

Judith Hopf: Ich habe gelernt, dass sich politische Fragen nicht gut direkt an ein Kunstpublikum vermitteln lassen, wenn man sie zu geradlinig anspricht. Künstler wie David Hammons konnten zum Beispiel, über ihren Zugang zu Humor einen Platz in Museen und in der Kunst erkämpfen ohne auf ihre politischen Inhalte zu verzichten. Folgt man Freud, ist der Humor unter anderem auch Zeichen und Bekundung der Solidarisierung unter Gleichgesinnten. Der Witz könne so gegen Autoritäten, gegen den Sinn wirken und bestehende Machtstrukturen schwächen. Humor lässt sich bekanntlich nur schwer verbieten, denn er findet immer seinen Weg – auch gegen Widerstände. Allerdings kostet offenkundiger Humor Mut – denn es gibt ja nichts Peinlicheres, als Gesten des Humors, die nicht treffen und ins Leere laufen. Dementsprechend lässt sich Humor als Strategie schlecht planen und schon gar nicht erzwingen. Ich glaube Humor ist dort interessant, wo er dem Wesen der Dinge tiefer nachspürt. Betrachtet man Humor als Technik der Vermittlung, so eignet er sich vielleicht ganz gut, um Abstand zwischen Thema, Autor und Rezipient zu schaffen, einfach dadurch, dass er überrascht. Fest steht: Ich habe noch nie eine künstlerische Arbeit mit dem Ziel begonnen, dass sie am Ende lustig sein sollte – oder etwa ein Witz oder Slapstick dabei heraus kommen sollte. Ganz im Gegenteil. Interessanterweise arbeitet sich der Humor einfach im Prozess der Auseinandersetzung mit den Dingen nach vorne. Und es gibt noch etwas sehr wichtiges: Humor wird da schal und schwach, wo man versucht, ihn wieder in einen ursprünglichen Sinnzusammenhang zu bringen – die Erklärung einer Pointe sozusagen, die ja für ihre Langeweile so berühmt ist.

ArtMag: Ihr Manifest haben Sie in Anlehnung an die französische Revolutionärin und Frauenrechtlerin Olympe de Gouges verfasst. Sie beziehen sich gleichzeitig aber auch auf Hannah Arendts berühmte Schrift Vita Activa. In dieser Theorie des politischen Handelns spricht sie davon, dass jeder Mensch die Möglichkeit besitzt, aktiv etwas zu verändern. Was denken Sie persönlich wären Bereiche, in denen solche Veränderungen unbedingt notwendig sind? Und was kann Kunst dazu beitragen?   

Judith Hopf: Ganz richtig. Mein Vertrag ist eine Textcollage von Hannah Arendts Einführung in ihr Werk Vita Activa, der Protestschrift: Déclaration des droits de la Femme et de la Citoyenne, verfasst von Olympe de Gouges, Paris 1791 und dem Pop Song The Death of Ferdinand de Saussure, der Band The Magnetic Fields, vom Album 69 Love Songs, erschienen 1999. Wie oben bereits angedeutet, folge ich Arendt besonders in ihrer Warnung vor einer Vereinheitlichung der Denkweisen und Sprachen. Auch ich fürchte mich vor einer konformistischen Gesellschaft und Kultur mit ihrer Tendenz zur Vereinheitlichung. Daher hoffe ich, eine Kunst zu stärken, die sich immer wieder bewusst macht, dass sie keinen Alleinanspruch auf Schönheit und Bedeutung hat, sondern daran arbeitet, diese Begriffe aufzubrechen und zu verändern.

Judith Hopf
01.10.2016 – 08.01.2017
Museion, Bozen